Amelie Fried über die Odenwaldschule Strip-Poker in der Lehrer-Wohnung


Schriftstellerin Amelie Fried war Schülerin des Eliteinternats Odenwaldschule. Eben jener Schule, die durch Missbrauchsfälle in die Schlagzeilen geriet. Sie berichtet von Übergriffen der Lehrer und fordert den ehemaligen Schuldirektor auf, sich zu entschuldigen.

In der Affäre um sexuelle Übergriffe an der südhessischen Odenwaldschule hat sich die Ex-Schülerin und Schriftstellerin Amelie Fried, 51, ausführlich zu Wort gemeldet. Sie beschreibt in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom Samstag, wie sich ihr sogenannter Familienvater in den Mädchen-Duschraum gedrängt habe und "uns zu Strip-Poker-Runden in seiner Wohnung genötigt hat". In der Reformschule, die Fried Anfang der 70er Jahre besuchte, lebten Schüler und Lehrer in "Familienverbänden" zusammen.

Der betreffende Lehrer habe sie als "verklemmte schwäbische Spießerin" bezeichnet, als sie beim Strip-Poker nicht habe mitmachen wollen, schreibt Fried, die die Schule in den 70er Jahren besuchte. "Wie ich mich diesem Druck schließlich beugte, mich furchtbar schämte und die Erinnerung daran für Jahrzehnte verdrängt habe." Bei der Erinnerung daran spüre sie "wieder die Scham und das Gefühl, in meiner persönlichen Würde verletzt worden zu sein".

Fried fordert Entschuldigung

Fried forderte den damaligen Schulleiter Gerold B. (73) auf, sich bei den Opfern zu entschuldigen. "Entschuldige Dich und bitte Deine Opfer um Verzeihung", fordert Fried. Sie kritisierte Erzieher von damals, die ihr Verhalten jetzt teilweise in "schmierigen Pamphleten" verteidigten und die Ursache für den Missbrauch gar bei den Schülern suchten. Bisher haben dem Internat 33 ehemalige Schüler Übergriffe aus den Jahren 1966 bis 1991 gemeldet.

Der Lebensgefährte des ehemaligen Schulleiters, der renommierte Reform-Pädagoge Hartmut von Hentig (84), hatte der "Süddeutschen Zeitung" vom Freitag gesagt, er könne sich nicht vorstellen, dass B. je den Willen eines Kindes gebrochen habe. Wenn überhaupt, könnte allenfalls mal ein Schüler seinen Lehrer B. verführt haben.

Sexuelle Befreiung als Deckmantel für Übergriffe

Fried schreibt in ihrem Beitrag, dass sie sich an Andeutungen anderer Schüler über die Vorliebe des Ex-Schulleiters für kleine Jungen erinnere, darüber habe es immer Andeutungen und Witze gegeben, auch über einen Musiklehrer wurde gemunkelt. Immer wieder hätten Sprüche von der "Hand unter der Bettdecke" kursiert, mit der die betroffenen Jungen morgens angeblich geweckt würden. Dass sich keiner jemandem anvertraut habe, erklärt die Autorin damit, Kinder könnten sich nicht vorstellen, dass "ein Lehrer etwas Unrechtes tut. Lieber gibt man sich selbst die Schuld". Als Jugendliche dieser Zeit der "sexuellen Befreiung" seien sie glücklich gewesen, dass sie ihre Sexualität in einem angstfreien, aufgeschlossenen Klima hätten erleben können. "Dass einige dieser Erzieher diese großartige neue Freiheit als Deckmäntelchen für ihre Übergriffe missbrauchten - das ist der Skandal."

Es gehe aber nicht nur um sexualisierten Missbrauch, sondern auch um seelischen und emotionalen Missbrauch, der damit einhergegangen sei. Die Kinder hätten ihren Betreuern vertraut, und es sei sicher kein Zufall, dass vom Missbrauch besonders viele Kinder betroffen gewesen seien, die aus schwierigen Verhältnissen stammten und vom Jugendamt auf die Odenwaldschule geschickt worden seien - "die keine Eltern hatten, denen sie sich hätten anvertrauen können, die ihren Nötigern und Vergewaltigern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren."

"Ich wünschte, ich hätte damals etwas geschafft, was keiner meiner Mitschüler und - viel schlimmer - keiner der Lehrer geschafft hat, die heute behaupten, sie hätten von alldem nichts gewusst", schreibt Fried. Sie fordert den ehemaligen Direktor, der bisher zu den Vorwürfen schweigt, zu einer Stellungnahme und Entschuldigung auf: "Dann wäre die Odenwaldschule, die für manche die Hölle war und für andere die Rettung, wieder die Schule, auf die wir stolz sein könnten, 'unsere OSO'."

Ex-Schüler klagt auf Schadensersatz

Ein Ex-Schüler der Odenwaldschule in Heppenheim verlangt nach einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" rund 80.000 Euro Schadenersatz. Dies entspreche drei Jahresbeiträgen für die Privatschule und habe eine "symbolische" Bedeutung, zitiert die Zeitung Opfer-Anwalt Thorsten Kahl. Durch die Zahlung würde die Schule "ihre Verantwortung und ihre Schuld eingestehen". Der frühere Schüler sei Ex-Schulleiter Gerold B. ausgeliefert gewesen.

DPA/APN DPA

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