Amok-Drohung an Schule Die Angst von Erfurt


Sechseinhalb Jahre nach dem Amoklauf an einem Erfurter Gymnasium hat ein angedrohtes Blutbad an einer Gesamtschule in Thüringens Landeshauptstadt Angst und Schrecken verbreitet. Die Drohung war per E-mail eingegangen, die Behörden sagten für die rund 800 Schüler den Unterricht ab.

Das Schulgelände wirkt wie ausgestorben. Im Eingangstor, das jeden Morgen fast 800 Kinder und Jugendliche passieren, steht ein Polizeiauto. Niemand soll am Mittwoch in das gelbe Gebäude der Integrierten Gesamtschule in Erfurt gelangen. Der Unterricht ist abgesagt, aus Sicherheitsgründen. Beamte mit Suchhunden durchforsten das Gelände. Auch mögliche Waffenverstecke in der Schule, die aus zwei miteinander verbundenen Plattenbaublöcken besteht, werden von ihnen akribisch unter die Lupe genommen. Die Thüringer Behörden sind nervös: Ein Unbekannter hatte per Mail einen Amoklauf angedroht. Das Wort elektrisiert - besonders in Erfurt.

Die Drohung weckt Erinnerungen an das Schulmassaker am Gutenberg-Gymnasium am 26. April 2002 - an 16 Opfer, angstverzerrte Kindergesichter und einen 19-jährigen Ex-Schüler, der wild um sich schoss, bevor er sich selbst tötete. Die Bilder haben sich bei vielen Menschen eingebrannt, der Schock sitzt auch sechs Jahre nach dem Blutbad noch tief. Aber das war es nicht allein, was Kultusministerium und Polizei veranlasste, die Eltern Hunderter Kinder anzurufen und die Schule zumindest für einen Tag zu schließen.

"Mail sehr von Gewalt geprägt"

"Die E-Mail war von einer sprachlichen Qualität, die vermuten lässt, dass mehr dahinter steckt als die Drohungen, die leider an Schulen immer wieder eingehen", sagte der Sprecher des Kultusministeriums, Detlef Baer. "Der Inhalt der Mail war sehr von Gewalt geprägt", sagte ein Polizeisprecher knapp. Ministerium, Polizei und Schule wollten kein Risiko eingehen.

Sie reagierten ähnlich wie Verantwortliche anderer Bundesländer nach der Androhung von Amokläufen. In Pforzheim (Baden-Württemberg) wurde am Mittwoch eine Berufsschule mit 400 Schülern und Lehrern geräumt, nachdem ein unbekannter junger Mann telefonisch im Sekretariat eine Bluttat angekündigt hatte. Bis zum Nachmittag wurde nichts Auffallendes gefunden, teilte die Polizei mit. In Sachsen gab es gleich zwei Bombendrohungen in Mittelschulen in Leipzig und Choren. Die Schulen wurden ebenfalls evakuiert, die Polizei fand auch dort keinen Sprengstoff.

Im vergangenen Jahr gab es ähnliche Fälle in Köln, in Kaarst bei Düsseldorf, in Hannover oder in Coswig bei Dresden. Viele der betroffenen Schulen blieben vorsorglich geschlossen. Oft kamen die Gewaltdrohungen von Trittbrettfahrern, deren Fantasie durch Bluttaten in den USA, aber auch von denen in Emsdetten oder Erfurt angeregt wurde.

Absender der Mail noch nicht ermittelt

In Erfurt war am Mittwochnachmittag noch unklar, wer die Droh-Mail an die Gesamtschule geschickt hatte. Die Ermittler können Mails zurückverfolgen, Daten würden bisher aber nicht von allen Providern lange genug gespeichert, klagte eine Kriminalistin. "Es wurden weder Sprengstoff noch andere verdächtige Gegenstände gefunden", sagte ein Polizeisprecher nach der Durchsuchung. Danach zog wieder eine Art Gelassenheit im Umfeld der Schule ein.

Fast alle Schüler der Gesamtschule waren ohnehin zu Hause geblieben, nur 15 Mädchen und Jungen wurden an anderen Schulen betreut. "Beruhige dich, es ist wieder alles okay", berichtete eine Lehrerin ihrer Kollegin am Handy. Die Pädagogen diskutierten bereits wieder darüber, ob am Donnerstag in der 6b die angekündigte Mathe- Klassenarbeit geschrieben werden soll. Es könnte jedoch sein, dass die Kinder zuvor eine Einlasskontrolle der Polizei passieren müssen.

Simone Rothe, DPA DPA

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