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Amokläufe an Schulen: Wie Columbine - nur schlimmer

Der Amoklauf an der Columbine High School vor zehn Jahren war nicht der erste an einer Schule. Doch nie zuvor hatten Täter ihren Exzess derartig vorbereitet und inszeniert. Die USA haben aus der Katastrophe gelernt, in Deutschland dagegen blieb die Politik nach ähnlichen Vorfällen weitgehend tatenlos.

Von Katharina Schönwitz

Die Schüler saßen an kleinen runden Tischen in der Bibliothek, blätterten in ihren Büchern und lernten, als zwei ihrer Mitschüler hereinstürmten und um sich schossen. Panisch flüchteten die 52 Schüler, zwei Lehrer und zwei Angestellte unter die Tische, um dem Kugelhagel zu entkommen. Einige wurden von den Mördern hervorgezerrt, andere unter dem Tisch kauernd erschossen. In der High School kamen zwölf Schüler und der Sportlehrer Dave Sanders ums Leben, 23 Menschen wurden verletzt. Es hätte sogar noch schlimmer kommen können an jenem 20. April 1999: Die beiden Amokschützen hatten Bomben gebaut und teilweise in der Cafeteria versteckt. Dank technischer Mängel detonierten diese nicht.

Noch heute, zehn Jahre später, kursieren im Internet die Bilder, die eine Überwachungskamera in der Bibliothek der Columbine High School aufzeichnete, ebenso Tagebuchnotizen der Täter. Zahlreiche amerikanische Fernsehsender berichteten am 20. April 1999 live aus der Kleinstadt Littleton nahe Denver - die ganze Welt konnte zusehen, wie sich ein angeschossener Schüler aus Angst vor den beiden Amokläufern aus dem Fenster stürzte und schwer verletzte.

"Sie wollten zu Medienhelden werden"

Die beiden 17 und 18 Jahre alten Täter hatten auf diese Aufmerksamkeit spekuliert. "Sie wollten zu Medienhelden und Ikonen werden", erklärt der Darmstädter Psychologe Jens Hoffmann. Mit Kollegen hat er eine Methode zur Früherkennung von "school shootings" entwickelt und sich intensiv mit Amokläufern in Deutschland und Amerika und deren Warnsignalen beschäftigt. Mindestens ein Jahr lang planten die beiden Freunde ihre Tat, schon Monate vorher hatten sie in Videos, Kurzgeschichten und Tagebucheinträgen ihre Gewaltfantasien beschrieben. Viele davon sind immer noch im Internet zu finden, für Jens Hoffmann ein Graus. "Genau das wollten die beiden: Endlich mal jemand sein. Präsent sein in allen Medien, berühmt werden." Deswegen plädiert der Wissenschaftler dafür, keine Namen der Täter zu nennen und ihre Fotos zu verändern.

Auch Lothar Adler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Mühlhausen in Thüringen, sieht bei den Columbine-Tätern noch einen weiteren Unterschied zu früheren Amokläufen. Sie hätten ihre Tat regelrecht ritualisiert. "Sie trugen schwarze Trenchcoats, sie wählten Hitlers Geburtstag als Termin." Dieses Kalkül, das Effekt heischende und berechnende Vorgehen, sei auch bei späteren Amokläufern immer wieder aufgefallen.

"Auch vor 400 Jahren sind die Leute Amok gelaufen"

Adler hat mehr als 500 Amokläufe wissenschaftlich untersucht, darunter auch viele, die mehrere hundert Jahre zurückliegen. Dabei kommt er zu dem gleichen Ergebnis wie sein Darmstädter Kollege, nämlich dass gewalttätige Computerspiele oder Horrorfilme keine Auslöser sind. "Vor 400 Jahren gab es definitiv keine Videospiele und Horrorfilme, und die Menschen sind trotzdem Amok gelaufen."

Neben der Ritualisierung sieht Jens Hoffmann auch den Versuch der Täter, ihre Grausamkeit durch krause Ideologie zu rechtfertigen. "Sie sprachen in ihren Videos und Tagebüchern immer wieder davon, dass sie das angeblich unmenschliche System zerstören wollten." Der spätere Amokläufer von Emsdetten unterlegte seine Videos mit RAF-Zitaten. Er kleidete sich schwarz wie seine Vorgänger in Columbine, auch die Amokläufer von Winnenden und Erfurt kleideten sich dunkel. Einer der Jugendlichen übernahm sogar den amerikanischen Ausdruck "jocks", den die beiden Amokläufer von Columbine für die von ihnen verhassten sportlichen Schüler benutzt hatten.

Jens Hoffmann stieß bei seinen Recherchen immer wieder auf Videos potenzieller Nachahmer, in denen Bezug auf Columbine genommen wurde. "Oft war darin die Rede davon, dass es genauso wie in Columbine werden soll, nur noch schlimmer." Insgesamt sehen die beiden Wissenschaftler sehr viele Übereinstimmungen bei den jugendlichen Amokläufern, egal ob in den USA, Finnland oder Deutschland. Alle hatten schon lange vor der Tat gewaltverherrlichende Bilder gemalt oder Videos gedreht. In allen Ländern kamen sie auf ähnliche Weise zu den Waffen, nämlich "meistens über Freunde oder die Familie", sagt Jens Hoffmann.

Während die Anzahl der "school shootings" in den USA durch gute Präventionsarbeit von geschulten Lehrern seit 1999 gesunken ist, nimmt sie in Deutschland zu. Hoffmann findet, dass die Politik seit Erfurt viel zu wenig getan hat. Jetzt müsse die Prävention schleunigst verbessert werden. "Auch in Deutschland muss es an jeder Schule zwei oder drei Lehrer geben, die speziell in Sachen Früherkennung geschult sind", so der Psychologe. "Sie müssen gefährdete Schüler im Auge behalten und Ansprechpartner für Mitschüler sein, die etwas mitbekommen. Außerdem müssen sie mit der Polizei und anderen Behörden vernetzt sein."

"Egoshooter spielen alle"

Denn bei allen Schießereien an Schulen habe es Warnsignale gegeben: "Egoshooter zu spielen ist kein Indiz, das spielen die meisten Jugendlichen heutzutage. Aber wenn jemand seine Schule in das Spiel einbindet oder droht, seine Lehrerin zu erschießen, dann müssen Lehrer und Eltern genauer hinsehen." Vor allem müsse allen Jugendlichen klar gemacht werden, dass Amokläufer keine Helden sind. "Sie sind Mörder und Verlierer und sonst gar nichts", sagt Jens Hoffmann.

  • Katharina Schönwitz