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Amokläufer von Ansbach: Sein Motiv war purer Hass

Vier Tage nach dem Amoklauf an einer Ansbacher Schule scheint das Motiv des Täters klar: Die Ermittler fanden auf dem Computer des 18-jährigen Georg R. ein 80-seitiges Dokument voller Hass.

Georg R., der 18-jährige Amokläufer von Ansbach, hat aus Hass auf die ganze Menschheit und speziell auf die Institution Schule gehandelt. Dies sei aus der Auswertung von Schriftstücken auf seinem Computer hervorgegangen, teilte Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger am Montag bei einer Pressekonferenz in Ansbach mit. Der Schüler trug während der Tat ein T-Shirt mit der Aufschrift "Made in School". Er habe sich ungerecht behandelt gefühlt, ausgegrenzt und nicht anerkannt. "Er hätte gern eine Freundin gehabt, was ihm nicht gelungen ist", sagte Lehnberger. Auch habe er Angst vor einer schweren Krankheit gehabt und davor, das Abitur nicht zu bestehen. Diese Ängste seien aus bisheriger Sicht allerdings unbegründet gewesen, so die Oberstaatsanwältin.

Der Täter hatte am Donnerstag mit vier Messern und einer Axt bewaffnet sein Gymnasium Carolinum gestürmt und dabei einen Lehrer und neun Mitschüler teils schwer verletzt, ehe ihn die Polizei mit drei Schüssen stoppen konnte, wie Kripochef Hermann Lennert sagte. Bisher war von fünf Schüssen die Rede gewesen.

Er wollte möglichst viele Lehrer und Schüler töten

Georg R. hatte seine Bluttat offenbar lange und akribisch geplant. Denn unter den gelöschten Dateien seines Laptops sei ein 80-seitiges Dokument gefunden worden, in dem in Einträgen vom April 2009 bereits von einem geplanten Amoklauf die Rede war, sagte Staatsanwalt Jürgen Krach. In dem Dokument wurden schon in Einträgen vom Mai die später verwendeten Waffen erwähnt.

Das Schreiben richtete sich an eine fiktive Ansprechpartnerin, sagte Oberstaatsanwältin Lehnberger. "Wir wissen nicht, ob diese Person existiert. Er hat diese Person mit einem Namen angesprochen." Er habe ihr die Planung der Tat und sein Ziel geschildert, möglichst viele Schüler und Lehrer zu töten und das Schulgebäude niederzubrennen. Mehrfach und ausdrücklich habe der 18-Jährige betont, seine Eltern seien nicht für die Tat verantwortlich. Er habe nicht mehr leben wollen und einkalkuliert, bei der Tat getötet zu werden.

Täter aus Koma erwacht

Die Ermittler glauben, dass das Dokument tatsächlich von Georg R. stammt. Bei der Durchsuchung seines Zimmers seien ein Testament, ein Kalender mit dem Eintrag "apocalypse today" für den 17. September 2009, aber keine Gewaltvideos oder sogenannte Killerspiele gefunden worden, die ihn zum Amoklauf motiviert haben könnten. "Er benennt die Tat von Erfurt als eine Möglichkeit, die ihn vielleicht beeinflusst habe", erklärte Krach mit Blick auf die Bluttat am Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit 17 Toten im Jahr 2002.

Georg R. ist inzwischen aus dem künstlichen Koma erwacht. Er sei ansprechbar, aber bisher noch nicht vernommen worden, sagte Lehnberger. Sollte sich der Gesundheitszustand des 18-Jährigen nicht wieder verschlechtern, werde noch im Laufe des Tages der Haftbefehl wegen zehnfachen versuchten Mordes gegen ihn eröffnet. Dass ein Amokläufer noch aussagen kann, ist ungewöhnlich: Bei zurückliegenden Amokläufen an Schulen in Deutschland, den USA und Finnland waren die Täter in der Regel von der Polizei getötet worden oder hatten sich selbst umgebracht.

Der 18-jährige Täter hatte am Donnerstag mit fünf Brandsätzen, vier Messern und einer Axt bewaffnet einen Anschlag auf seine Schule verübt. Dabei wurden neun Schüler und ein Lehrer verletzt. Zwei 15-jährige Mädchen erlitten lebensgefährliche Verletzungen. Der Täter selbst wurde von einem Polizisten niedergeschossen und schwer verletzt.

Eine der beiden lebensgefährlich verletzten Schülerinnen aus der zehnten Klasse erlitt ein offenes Schädel-Hirn-Trauma durch einen Schlag mit der Axt auf den Kopf, ihre Mitschülerin schwere Brandwunden. Beide Mädchen sind seit Freitag außer Lebensgefahr und weiter auf dem Weg der Besserung, wie es aus gut informierten Kreisen hieß. Die Schülerin mit den Brandverletzungen könne wohl bereits in der kommenden Woche aus der Klinik entlassen werden.

Schüler wollen schnell zurück zur Normalität

Unterdessen versuchen die rund 700 Schüler des Gymnasiums Carolinum, zur Normalität zurückzufinden. Am Morgen hätten sich etwa 400 Gymnasiasten zu einer Besprechung in der Sporthalle eingefunden und den Wunsch geäußert, wieder Unterricht zu haben, sagte Schuldirektor Franz Stark. Bei Bedarf stehe aber weiterhin ein Team zur psychologischen Betreuung zur Verfügung. "Wir wollen sie langsam wieder an die Normalität gewöhnen", sagte Stark. Auch die Schüler der Klassen 9c und 10b, in deren Klassenräume der 18-Jährige je zwei Brandsätze geworfen hatte, hätten sich für eine Wiederaufnahme des Unterrichts ausgesprochen. Ihnen werden Ausweichräume zur Verfügung gestellt, da die Tatorte im dritten Stock des Schulgebäudes weiterhin nicht zugänglich sind.

Ein am Montagmorgen ausgelöster Amokalarm an einem Gymnasium in Leverkusen entpuppte sich derweil als Fehlalarm. Eine Sprecherin der Polizei Köln sagte, das ganze Gebäude sei von Einsatzkräften durchsucht worden. Die Beamten hätten aber nichts gefunden. Wie es zu dem Fehlalarm kam, ist noch unklar.

DPA/AFP/AP / AP / DPA
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