HOME

Amoklauf in Ansbach: 18-Jähriger stürmt Schule mit Axt und Brandsätzen

Als der Alarm schrillte, glaubten viele Schüler des Carolinums in Ansbach an ein Feuer. Was sie nicht ahnten: Ein bewaffneter Mitschüler hatte das Gymnasium überfallen.

Liebe Leser, dies ist nicht der Bericht über den aktuellen Amoklauf in Ansbach. Dieser Artikel stammt aus dem Jahr 2009.

Alle Entwicklungen zum aktuellen Amoklauf finden sie hier.


Es war 8.30 Uhr, als ein 18-Jähriger am Donnerstag im mittelfränkischen Ansbach in sein Gymnasium stürmte. In einem Klassenzimmer warf er zwei Molotowcocktails. Nach Angaben der Polizei wurden insgesamt neun Schüler verletzt, drei von ihnen schwer. Eine Schülerin der elften Klasse schwebt noch in Lebensgefahr. Sie sei vom Täter mit einer Axt am Kopf verletzt worden. Auch ein Lehrer sei verletzt worden. Unter den Schwerverletzten ist zudem der Täter, der von Polizisten auf einer Toilette gestellt und mit fünf Schüssen niedergestreckt wurde. Der 18-Jährige, dessen Name Georg R. sein soll, wurde festgenommen. Nach einer Notoperation im Krankenhaus schwebt er nun nicht mehr in Lebensgefahr. Das Motiv des Schülers aus dem 13. Jahrgang ist derzeit noch unklar. Gegen den Täter wurde Haftbefehl wegen versuchten Mordes erlassen.

"Wir haben heute hier einen Amoklauf am Carolinum-Gymnasium gehabt", stellte Einsatzleiter Udo Dreher drei Stunden nach dem ersten Notruf auf einer Pressekonferenz fest. Der aus Ansbach stammende 18-Jährige soll auch mit mehreren Messern bewaffnet gewesen sein. Zwei Schüler waren nach einer Attacke auf ihre Klassenkameraden ins Direktorat der Schule gerannt und hatten die Schulleitung informiert. Ein Klassenkamerad des Amokläufers hatte per Handy zunächst die Polizei alarmiert, ehe der Jugendliche, der Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist, brennende Möbel löschte, die durch die Molotowcocktails Feuer gefangen hatten. Die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an. "Es gelang mit dem schnellen Einsatz, eine schlimmere Eskalation zu verhindern", lobte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Klasse verbarrikadierte sich

Polizisten umstellten das Gymnasium, das mitten in der Ansbacher Altstadt liegt. Obwohl nicht von einem weiteren Täter ausgegangen wurde, durchsuchten Beamte die geräumte Schule. Die verletzten Schüler wurden zunächst in der Turnhalle der Schule untergebracht. Seelsorger und Psychologen betreuten auch die übrigen Kinder und Jugendlichen. "Die Schüler helfen sich gegenseitig vorbildlich", sagte Oberbürgermeisterin Carda Seidel.

Möglicherweise hat eine Lehrerin verhindert, dass der Amoklauf noch folgenreicher werden konnte. Nachdem sie Schreie gehört und Rauch bemerkt hätte, habe ihre Lehrerin nach einem kurzen Blick aus dem Klassenzimmer sofort die Tür verschlossen und Tische und Stühle davor geschoben, berichtete eine Schülerin dem Ansbacher Radiosender Radio 8. "Wir haben uns dann in der Ecke versteckt", sagte die Gymnasiastin. Kurz darauf habe jemand an der Tür gerüttelt, vermutlich sei es der Täter gewesen.

Andere Schülerinnen des Carolinums erzählten dem lokalen Radiosender, dass sie zunächst an einen Feueralarm geglaubt hatten. "Wir waren total ahnungslos", sagte ein Mädchen dem Sender. Während es in zahlreichen Schulen nach diversen Amokläufen in jüngerer Vergangenheit spezielle Alarmpläne für den Fall eines Amoklaufs gibt, ist das Carolinum offenbar in keinster Weise auf einen solchen Notfall vorbereitet. "Wir haben nicht mal eine Sprechanlage, nur so ein Feueralarmteil, diese Glocke", berichtete die Schülerin weiter.

Lehrer brachten Verletzte in Sicherheit

Nach Angaben von Schulleiter Franz Stark trugen Lehrer die verletzten Schüler aus der Schule und überprüften, ob alle die Klassenräume verlassen hatten. Die meisten der auf den Schulhof geschickten Jugendlichen hätten zuerst an eine Übung geglaubt, berichtete Stark. "Es fällt mir schwer, dazu Stellung zu nehmen." Für diesen Freitag wurde der Unterricht abgesagt. Die Schüler sollen aber Gelegenheit erhalten, mit Fachleuten über das Erlebte zu sprechen.

Der Brandanschlag auf das Gymnasium Carolinum weckt Erinnerungen an andere Gewalttaten an deutschen Schulen. Die bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) beklagte den Amoklauf daher als Alarmsignal für eine zunehmende Sprachlosigkeit. "Dieser erneute Amoklauf an einer Schule ruft nach einer intensiven Ursachenforschung, wie wir der seelischen Not von Kindern und Jugendlichen begegnen können", sagte Stamm. Es müsse geklärt werden, warum sich immer mehr junge Menschen nicht mehr mitteilen könnten und niemanden mehr hätten, dem sie sich mit ihren Gedanken anvertrauen könnten. "Wir müssen hart daran arbeiten, wie wir Eltern und anderen Bezugspersonen nachhaltiger zur Seite stehen können."

Info-Telefon

Die Stadt Ansbach hat angesichts des Amoklaufs am Carolinum ein Bürgertelefon eingerichtet. Besorgte Angehörige von Schülern und Lehrern können sich dort unter der Telefonnummer 0981/14970 über die Lage informieren.

dho/DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters