Amoklauf in Finnland Seine Waffe nannte er Catherine


Um 11.15 Uhr verlässt "Sturmgeist89" den Bungalow seiner Eltern. Um 13.53 Uhr wird er tödlich verletzt in seiner Schule aufgefunden. In der Zwischenzeit ermordete der 18-Jährige sechs Mitschüler, eine Krankenschwester und seine Direktorin. Hier lesen Sie die Chronologie eines angekündigten Massakers.
Von Clemens Bomsdorf

Durch das Fenster ihres Klassenzimmers kann Ella Vanhala ihr Elternhaus sehen, nur eine schmale Sackgasse liegt zwischen der weiterführenden Schule von Jokela und ihrem Zuhause, dem großzügigen weiß gestrichenen Neubau. Dort wäre sie jetzt in Sicherheit. Doch die 14-Jährige hat keine Chance zu entkommen. Der Mörder ist schon zu nah. Seit zwanzig vor zwölf zieht der 18-jährige Pekka-Eric A. mit seiner Automatikpistole Kaliber 22 durch die Schule und schießt um sich. Es ist zu riskant, aus dem Gebäude zu fliehen, besonders für Ella, denn sie sitzt im Rollstuhl. Binnen zwanzig Minuten wird Pekka acht Menschen töten und danach die Waffe gegen sich selber richten. Um 13.53 Uhr wird man ihn finden, am Abend wird er an seinen Verletzungen sterben.

Doch um 12 Uhr mittags haben Ella und ihre Klassenkameraden noch keine Ahnung, welchen Verlauf das Drama in ihrem sonst so ruhigen 5300-Einwohner-Dorf nehmen wird. Sie haben nur Angst. Gerade hat die Direktorin der Schule in einer Lautsprecherdurchsage vor dem Amokläufer gewarnt. Mit ihren Mitschülern und dem Schwedischlehrer verschanzt sich Ella im Klassenzimmer, das im Obergeschoss eines Seitenflügels liegt. Die Jugendlichen schließen sich ein, mehr können sie nicht tun. Sie wissen nicht, ob der Schütze kreuz und quer durch die ganze Schule läuft und bald auch bei ihnen ankommen wird, sie wissen nicht einmal, ob es sich um einen Einzeltäter handelt oder ob mehrere durchgeknallte Typen durch das Gebäude laufen. Erst um 19 Uhr wird Ella in ihr Elternhaus zurückkehren können, sie bleibt unverletzt. Einer ihrer Klassenkameraden aber wird seinen großen Bruder verlieren. Insgesamt werden sechs Schüler, eine Krankenschwester und die Direktorin der Schule sterben.

"Die menschliche Rasse ist es nicht wert, dass für ihr Überleben gekämpft wird"

An dem Tag, als Pekka-Eric A. zum Mörder wurde, verlässt er den gelben Bungalow vermutlich gegen 11.15 Uhr. Acht Minuten nach elf hatte er zuvor noch das 89. seiner grausamen Videos auf die Internetseite von Youtube geladen. Unter verschiedenen Aliasnamen hatte Pekka seinen Menschenhass im Internet verbreitet. Zuletzt nannte er sich "Sturmgeist89". Er stellte Videos ins Netz, die ihn bei Schießübungen zeigten, und auch den Film "The Jokela High School Massacre", der das Blutbad ankündigte. "Wie in der Vergangenheit schon andere weise Menschen gesagt haben, ist die menschliche Rasse nicht wert, dass für ihr Überleben gekämpft wird", schrieb er. "Sie ist nur wert, ermordet zu werden."

Vergangenen Mittwoch wurden aus den Worten Taten. Pekka schwingt sich aufs Rad und fährt die gut zwei Kilometer zu seiner Schule. Es ist ein kalter Novembertag mit leichtem Schneefall. Pekka quert die Bahnschienen und radelt vermutlich durch das kleine Ortszentrum von Jokela, eine größere Straße mit Blumengeschäft, Pizzeria, Kiosk, zwei Kneipen und zwei Supermärkten, allesamt wie die Schule in schlichten Zweckbauten untergebracht.

Zwischen halb und zwanzig vor zwölf erreicht Pekka die Schule. Wann und wo genau in dem dreistöckigen Gebäude er die Pistole zückt und anfängt zu schießen, ist unklar. Bei der Polizei geht der erste Alarm um 11.43 Uhr ein, das erste Polizeiauto trifft um 11.55 Uhr am Tatort ein. Nach und nach kommen mehr Wagen. Rund um das Gebäude werden Scharfschützen postiert, einer bezieht auf dem Dach der Vanhalas Stellung - gegenüber dem Schuleingang und Ellas Klassenzimmer.

Viele Schüler fliehen durchs Fenster

Pekka-Eric A. dringt durch das Untergeschoss in die Schule ein. Der lange Flur ist weiß gestrichen, an der Wand stehen türkise Schränke mit nummerierten Schließfächern für die Schüler. Auf der anderen Seite geht es in die Fachräume für Physik, Chemie und Musik. Kurz vor Mittag haben die Schüler der höheren Klassen Pause, viele sind bei ihren Schließfächern, als der Amokläufer kommt und wild um sich schießt. Sechs seiner acht Opfer tötet er in diesem Flur.

Die Nachricht von der Gefahr verbreitet sich per Handy rasend schnell in der Schule, doch nicht schnell genug. "Ich hatte gehört, dass angeblich geschossen wird, glaubte aber nicht daran", sagt der 17-jährige Joni Aaltonen. Er sitzt mit einem Freund vorm Klassenzimmer, als Pekka auf die beiden zukommt. "Er schlenderte in unsere Richtung, die Waffe war nicht zu sehen; bis er sie zückte, auf meinen Freund zielte und abdrückte", erinnert sich Joni. Er springt auf und flieht, erst ins Lehrerzimmer, dann raus aus dem Schulgebäude, die Straße hinunter. Viele Schüler, deren Klassenzimmer ebenerdig liegen, klettern durch die Fenster und nehmen den gleichen Weg.

Der letzte Schuss fällt um 12.04 Uhr

Pekka ballert weiter um sich. Die meisten seiner Opfer sind männlich und zwischen 16 und 18 Jahren alt. Die Tür zu einem Klassenraum mit jüngeren Schülern öffnet er und geht wieder, ohne zu schießen. Das wird später zu den Spekulationen führen, er habe vor allem Gleichaltrige ermorden wollen. Doch Pekka erschießt auch eine 25-jährige Frau, Mutter zweier Kinder, die ihr Abitur nachholen wollte, und eine 43-jährige Krankenschwester, die in der Schule arbeitete und wohl herbeigeeilt ist, um einem der Verletzten zu helfen. Der letzte Schuss fällt um 12.04 Uhr. Vermutlich stirbt um diese Zeit die Schulleiterin. Pekka exekutiert sie regelrecht. Er zwingt die 61-jährige vor einem Seiteneingang in die Knie, setzt die Pistole an ihren Kopf und drückt ab.

Die Polizei hat die Schule inzwischen umstellt. Doch weil unklar ist, wie viele Täter im Gebäude sind, dringt die Polizei nicht sofort ein. So wird erst gegen 12.30 Uhr begonnen, Ellas Klassenzimmer zu räumen, zu der Zeit sind schon etliche der 450 Schüler selber geflohen. "Die Polizei kam und ging mit Fünfergruppen von Schülern wieder raus aus dem Raum. Einige der Schüler, die rausgeholt wurden, fingen an zu heulen. Dann musste ich auch weinen", erzählt Ella.

Seine Waffe nannte er Catherine

Die Polizisten wollen nicht, dass die behinderte 14-Jährige mit ihrem Rollstuhl rausfährt, sie wäre ein zu leichtes Ziel für den Attentäter. Also muss sie im Klassenzimmer bleiben, während ihre Mitschüler nach und nach aus dem Gebäude hinaus in die Freiheit geführt werden. Am Schluss sind nur noch der Lehrer und Ella im Raum. "Dann bin ich von drei Polizisten hinausgeführt worden. Einer hat mich auf die Schultern genommen. Die anderen beiden gingen mit Gewehr vor und hinter uns, um den Weg abzusichern", sagt sie. Das ist gegen 13 Uhr. Erst um 13.53 Uhr findet die Polizei den Täter in einer Toilette im Erdgeschoss. Er wird ins Krankenhaus gebracht, wo er abends um 22 Uhr stirbt. Pekka hatte erst am 19. Oktober von der Polizei die Erlaubnis bekommen, eine Waffe führen zu dürfen. Er sei Sportschütze, hatte er gesagt und auf seine Mitgliedschaft im Helsinki Shooting Club (HSC) verwiesen. Der Verein weist jede Verantwortung von sich, er spreche keine Empfehlungen aus, damit Mitglieder eine Waffe bekommen können. Einige Mitschüler wussten, dass Pekka sich eine Waffe gekauft hatte, er nannte sie zärtlich Catherine und schrieb im Internet "Catherine, I love you."

Seit Mittwoch sind im Elternhaus von Pekka alle Jalousien heruntergelassen. Pekkas Eltern galten als Grüne, was sie im ländlichen Finnland schon halb zu Außenseitern machte. Seine Mutter hatte bei den letzten Wahlen zum Lokalparlament kandidiert. Auf ihren Internetseiten huldigen sowohl Pekka als auch seine Mutter unter anderem Pentti Linkola, einem zivilisationskritischen Philosophen, den Kritiker auch als "Öko-Faschisten" bezeichnen. Er setzt sich für die De-Industrialisierung ein, fordert ein Leben ohne technische Errungenschaften und prophezeit, dass nur eine radikale Reduzierung der Bevölkerung die Erde retten könne: "Was soll man machen, wenn ein Schiff, das 100 Passagiere hat, plötzlich kentert und nur ein Rettungsboot hat? Wenn das Rettungsboot voll ist, werden jene, die das Leben hassen, versuchen, es mit mehr Menschen zu füllen und es so senken. Die, die das Leben lieben und respektieren, werden die Axt des Schiffes nehmen und die Hände, die sich an den Rändern festklammern, abschlagen."


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