Amoklauf in Landshut Schüsse wie Detonationen


Völlig ohne Vorwarnung zieht Franz-Josef N. in einer Prozesspause plötzlich seine Smith & Wesson und schießt um sich. "Laut wie Detonationen" seien die Schüsse gewesen, berichtet ein Zeuge stern.de. Der Täter und seine Schwägerin sterben bei dem Amoklauf, über dessen Motiv nun alle rätseln.
Von Markus Götting, Landshut

Es ging alles ganz schnell; so schnell, dass immer noch niemand weiß, wie genau es zu dieser Familientragödie kommen konnte. Um viertel nach neun traf sich Franz-Josef N. an diesem sonnigen Morgen mal wieder mit seiner Schwägerin vor dem Landgericht in Landshut. Es war eine von unzähligen Auseinandersetzungen in einer Familie mit sieben Kindern. Im Prinzip geht es um ein Erbe von etwa 200.000 D-Mark. Es geht also schon ziemlich lange so. Seit den Neunziger Jahren.

Das Landgericht ist ein vierstöckiger Rotklinkerbau aus den 70ern, und in Saal Acht sollte eigentlich die Auskunftsklage gegen Franz-Josef N. verhandelt werden. Weil aber der 60-jährige Koch aus Dingolfing in der Zwischenzeit die nötigen Unterlagen bereits vorgelegt hatte, wollte der Richter mit der Güteverhandlung beginnen. Er unterbrach nach einer Stunde das Verfahren noch kurz für eine Versäumnissache, Franz-Josef N. und seine Schwägerin Brigitte G. gingen zur Pause hinaus auf den Flur. Gerichtspräsident Karl Wörle sagt: "Die Stimmung war nicht anders als bei anderen Zivilverfahren auch." Und noch ist nicht geklärt, ob oder wie es zu einem Streit gekommen ist oder was dort draußen passiert sein mag. Mit einem Mal fielen Schüsse. N. schoss seiner Schwägerin in den Kopf, Brigitte G. starb noch im Gerichtsgebäude. Ihr Anwalt und eine weitere Schwägerin wurden verletzt.

Tatwaffe: Eine Smith & Wesson, Kaliber 3,57 Magnum

Franz-Josef N. ging mit seiner Smith & Wesson, Kaliber 3,57 Magnum in den Gerichtssaal zurück, der Richter schaute ihn an und sagte, er werde ihm sicher nichts tun. Er wolle nur gehen. Und dann floh er aus dem Raum. "Es passierte alles innerhalb weniger Minuten", sagt Polizeisprecher Leonhard Mayer. Die Polizei drang mit zwei Rettungs- und Angriffsteams in das Gebäude ein und als die Beamten am Tatort in ersten Stock eintrafen, fanden sie Franz-Josef N. im Gerichtssaal vor. Er hatte sich selbst erschossen. Mit der sechsten und letzten Kugel, die ihm geblieben war.

Es ist eine unübersichtliche Situation an diesem Vormittag. Hubschrauber kreisen über dem Gelände in der Landshuter Innenstadt, Hunderte Polizisten sind im Einsatz und sperren das Gerichtsgebäude großräumig ab. Alle paar Meter steht ein Beamter und hält die erstaunlich wenigen Neugierigen zurück.

Männer in weißen Overalls von der Spurensicherung gehen in das Gebäude, per Lautsprecherdurchsage werden die Angestellten am Mittag heim geschickt. Knapp vier Stunden nach der Tat kommt Reinhard Kriesel aus dem Gerichtsgebäude, einen Rollkoffer hinter sich herziehend, seine Krawatte in der rechten Hand. Er schwitzt und sieht ziemlich mitgenommen aus.

Plötzlich wurde es auf dem Flur laut

Kriesel leitet die Strafsachenstelle des Landshuter Finanzamtes, und an diesem Morgen nahm er an einer Verhandlung im Erdgeschoss des Justizgebäudes teil, bis es plötzlich laut wurde draußen auf dem Flur. "Mit einem Mal hörten wir drei oder vier Schüsse, man muss eher sagen: Detonationen, so laut war das", sagt Kriesel. Zwei Leute sprangen aus dem Fenster des Sitzungssaals, darunter der Angeklagte seiner Strafsache. Zu Acht haben sich alle anderen im Richterzimmer verbarrikadiert; Tische vor die eine Tür gestellt, einen Stuhl unter die Klinke der zweiten. Kriesel sagt: "Es war wie in einem amerikanischen Film. Wirklich."

Er habe sofort an einen Amoklauf gedacht, sagt Kriesel, dieses laute Knallen, das habe eine großkalibrige Waffe sein müssen. Und deshalb sind alle sehr vernünftig geblieben. Er sagt: "Es wollte keiner den Helden spielen." Ob er Todesangst hatte? "Nein", sagt Kriesel, "ich habe immer gedacht, warum sollte sich ein Amokläufer die Mühe machen, in unser Zimmer einzubrechen?" Er klingt jetzt sehr abgeklärt und sagt: "Amokläufer suchen sich doch leichte Opfer." Aus ihrer Deckung riefen sie die Polizei an, wenig später robbten Beamte ans Fenster und befreiten die verängstigten Menschen aus ihrem Beratungsraum. Kriesel sagt, er und die anderen seien erstmal in den Biergarten gegangen.

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Polizei das genaue Motiv für die Tat gefunden haben dürfte. Bei einer Pressekonferenz bestätigten die Beamten jedenfalls, dass der Schwiegersohn des Täters ihnen ein Papier übergeben habe. Ob es sich dabei tatsächlich um einen Abschiedsbrief des Kochs handelt, wird zurzeit noch geprüft. Unzweifelhaft ist, dass der verheiratete Franz-Josef N. seit 1974 eine Besitzkarte für drei Waffen hatte. Darunter auch der Smith & Wesson-Revolver, mit dem er nun die Tat beging. Franz-Josef N. sei Sportschütze gewesen, sagt die Polizei.

Keine gute Zeit für Sportschützen

Es ist keine gute Zeit für das Sportschützenwesen. Der Amoklauf von Winnenden ist noch keine vier Wochen her. Ein 17-jähriger erschoss 15 Menschen mit der Beretta seines waffenvernarrten Vaters, auch der ein Mitglied im Schützenverein. Man darf davon ausgehen, dass das Thema Waffenbesitz die Politik nun noch dringlicher denn je beschäftigen wird.


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