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Amoklauf in Lörrach: Eine Frau im Ausnahmezustand

Sie hatte sich bewaffnet und Brandbeschleuniger besorgt. Dann tötete die 41-jährige Anwältin drei Menschen. Darunter ihren fünfjährigen Sohn - Chronologie eines rätselhaften Dramas.

Von Manuela Pfohl

Die Polizisten haben ein rot-weißes Absperrband gezogen. Es soll die Neugierigen auf Abstand halten, die vor der Markus-Pflüger-Straße 22 Posten bezogen haben. Den Blick fest gerichtet auf das Mehrfamilienhaus, in dem am Sonntag zur Abendbrotzeit mit einer gewaltigen Explosion die Welt der Sabine R. zusammenbrach - und nicht nur ihre.

Drei Menschen tötete die 41-jährige Rechtsanwältin, ehe sie selbst durch eine Polizeikugel starb. Seitdem fragen die Menschen in Lörrach nach dem Warum. Und es scheint, als könnten die Spezialisten des Landeskriminalamtes Stuttgart ebenso wenig eine Antwort geben, wie die Brandermittler, die hinter dem rot-weißen Absperrband nach Spuren suchen für die Tat, die das 50.000 Einwohner zählende Städtchen in Baden-Württemberg in Schockstarre versetzt hat. Nur soviel ist klar: Die Frau hatte einen Plan. Einen grausamen Plan, den sie nach den bisherigen Ermittlungen am Sonntag kurz vor 18 Uhr begann, in die Tat umzusetzen.

Polizei vermutet eine Beziehungstat

Fakt ist, dass es gegen 18 Uhr zu der schweren Explosion in dem Mehrfamilienhaus kommt, in dem Sabine R. eine Wohnung und ihre Kanzlei hat. Fenster splittern, die Wucht der Explosion ist so stark, dass eine Wand herausgerissen wird. Dichter Qualm breitet sich im ganzen Gebäude aus. Zusätzlich fallen im Haus mehrere Schüsse. Kurze Zeit später stürmt eine Frau bewaffnet aus dem Gebäude.

Es ist Sabine R., die gerade ihren fünfjährigen Sohn und ihren Ex-Mann getötet hat. "Wir wissen inzwischen, dass die Täterin erst ihren Ex-Mann mit einer legal in ihrem Besitz befindlichen Waffe erschoss und dann ein Feuer entfachte, mit einer zuvor ausgeschütteten explosiven Nitroglycerin-Lösung", berichtet Polizeihauptkommissar Dietmar Ernst am Tag danach. Das spricht für eine geplante Tat. Ob der Sohn der Sportschützin durch die Explosion umkam, oder ob er vorher schon tot war, ist noch unklar. Die ersten Untersuchen ergaben jedenfalls, dass der Junge eine "durch stumpfe Einwirkung" verursachte Kopfverletzung hat.

Ernst: "Nach unseren bisherigen Erkenntnissen ist es so, dass der Sohn eigentlich beim Vater lebte und an diesem Tag nur bei seiner Mutter zu Besuch war." Die Ermittler vermuten eine sogenannte Beziehungstat. Möglicherweise sei es um einen Sorgerechtsstreit gegangen. Das jedoch passt kaum zu dem, was nach der Schießerei und der Explosion folgt:

18.10 Uhr: Einige Minuten nach der Schießerei beobachten Zeugen, wie eine bewaffnete Frau über die Straße eilt und das katholische St. Elisabethen-Krankenhaus ansteuert. Sie schießt um sich. Auf dem Weg zum Krankenhaus verletzt sie vor dem Gebäude zwei Passanten. Einer ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft in den Rücken getroffen worden, der andere habe einen Streifschuss am Kopf erlitten. Sabine R. steuert offenbar gezielt die gynäkologische Abteilung an, wo sie einen Pfleger mit mehreren Messerstichen attackiert, ehe sie ihn erschießt.

18.15 Uhr

: Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg wird über den Amoklauf alarmiert. Die Polizei riegelt den Bereich um das Krankenhaus in der Innenstadt komplett ab.

18.30 Uhr

: Die Polizei rückt an und stürmt das Krankenhaus. Sabine R. feuert auf die ankommenden Beamten. Einer von ihnen wird verletzt, er erleidet einen Kniedurchschuss.

18.39 Uhr

: Eine Polizeikugel trifft Sabine R., die sich im Flur des ersten Obergeschosses des Krankenhauses befindet und dort wild um sich feuert. Sie ist sofort tot. Die Beamten stellen fest, dass sie etwa 300 Schuss Munition dabei hatte und gezielt zehn Mal auf die Tür eines Patientenzimmers geschossen hatte. Aus dem Haus von Sabine R. schlagen inzwischen meterhohe Flammen. Die Feuerwehr findet die Leichen des Ex-Mannes und des Sohnes von Sabine R. und rettet sechs Erwachsene und ein Kind. 15 Bewohner müssen mit Rauchgasvergiftungen in Krankenhäuser gebracht werden. Insgesamt sind rund 300 Polizisten und Rettungskräfte im Einsatz.

Montag, 11.00 Uhr

: Das St. Elisabethen-Krankenhaus in der Innenstadt von Lörrach ist noch immer abgeriegelt. "Wir setzen die Spuren und Erkenntnisse zusammen und versuchen, uns daraus ein Bild zu machen", sagt Granzow.

"Wir versuchen, das Geschehene zu verarbeiten"

Mohamed Amir, der ganz in der Nähe des Tatortes ein Restaurant hat, bewirtet am Tag danach die Journalisten und Kameraleute, die aus ganz Deutschland in die Kleinstadt gekommen sind. Immer wieder erzählt er, wie seine Gäste nach den Szenen der abendlichen Schießerei in Panik aus dem Restaurant geflüchtet waren. "Ganz Lörrach steht unter Schock", sagt Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm (CDU).

Auf der anderen Seite der Polizeiabsperrung macht sich Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) ein Bild der Lage. Die ersten Polizisten, die in Lörrach nach den Notrufen vor Ort waren, warteten nicht auf das Spezialeinsatzkommando, das sich aus dem gut 250 Kilometer entfernten Göppingen auf den Weg machte. Sie stellten die Täterin und griffen zur Waffe. "Durch ihr beherztes Eingreifen haben die eingesetzten Beamten Schlimmeres verhindert", sagt Rech. "Wäre die Frau weiter bewaffnet in Aktion gewesen, hätte es mit Sicherheit weitere Opfer gegeben."

Warum Sabine R. ausgerechnet in das Krankenhaus stürmte, bleibt rätselhaft. Die Ermittler wissen nur, dass sie hier vor sechs Jahren eine Fehlgeburt hatte. "Ob das der Grund war, dass sie sich dort hinwandte, wissen wir nicht", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer.

Die Klinik versucht unterdessen, zum Alltag überzugehen, trotz der Absperrungen und der hohen Polizeipräsenz. "Wir versuchen, das Geschehene zu verarbeiten", sagt der Chef der katholischen Klinik, Helmut Schillinger. Dazu gehöre, dass Mitarbeiter und Patienten psychologisch betreut werden und das Sicherheitskonzept überprüft werde. Der Ausnahmezustand soll so bald als möglich wieder der Normalität weichen.

Welcher Ausnahmezustand Sabine R. zu ihrer Tat getrieben hat, und was sie gefühlt haben muss, als sie ihrem kleinen Sohn das Leben nahm, wird nie geklärt werden.

Mitarbeit: Felix Disselhoff

  • Manuela Pfohl