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Amoklauf von Winnenden: Der nette Junge mit den Waffen

Der Amokschütze von Winnenden galt in der Nachbarschaft als unscheinbarer, netter Junge. Doch unter seinen Mitschülern war Tim K. als Loser ausgemacht. Er litt an Depressionen und war zeitweise in stationärer Behandlung. Tim K. war krank - und am Schluss außer Kontrolle.

Von Markus Götting, Winnenden

Die Rolos sind herunter gelassen am Haus der Familie K. in der Kleiststraße in Leutenbach; vor dem Wintergarten ein japanischer Zierteich, in dem Koi-Karpfen schwimmen. Sollte so ein Teich nicht ein Symbol für Frieden und Harmonie sein? Im Nachbarhaus steht die alte Frau Hartmann auf dem Balkon und sagt, der Junge tue ihr so leid: "Ich geb ihm gar nicht die Schuld." Sie sagt: "Ich geb den Waffen die Schuld." Und dass der Tim doch ein Netter gewesen sei, so höflich. Auch zu ihr.

Er war nicht nur nett, er war vor allem krank

Der nette Junge und die Waffen. Die Beretta, mit der Tim K. 15 Menschen umbrachte, hat er wohl aus dem Schlafzimmer seiner Eltern gestohlen. In Wahrheit war der Junge nämlich nicht nur nett, er war vor allem krank.

Von April bis September 2008 war Tim in der Psychiatrie des Klinikums am Weißenhof bei Weinsberg zur stationären Behandlung seiner Depression; daheim in Winnenden sollte er die Therapie später ambulant fortsetzen. Warum er sie abbrach, ist unklar. Was aber sicher ist: Unter seinen Mitschülern galt Tim als Loser. Und das ließen sie ihn auch spüren. Womöglich liegt darin der Schlüssel für diese Tat.

Auf einem Zettel vor der Schule steht: "Lehrer schauen oft bei Mobbing in der Klasse zu"

Vor der Albertville-Realschule stehen an diesem Morgen Tausende von Kerzen, Teelichtern, Friedhofsleuchten auf einer langen Mauer. Es sind Briefe und Zettel ausgelegt; Anklagen, die von Unverständnis und Fassungslosigkeit zeugen, auch solche, die nach neuen Gesetzen rufen. Das ganze Gedeck. Dazwischen hat jemand einen unscheinbaren Din-A4-Zettel drapiert, in einer Klarsichthülle, darauf steht: "Lehrer schauen oft bei Mobbing in der Klasse zu. Und sagen nichts. Habe ich auch oft erlebt."

Tatsächlich muss Tim ein einsamer Mensch gewesen sein. Unter dem Dach in der Villa der Eltern verbrachte er viele Stunden vor dem Computer. Er sah sich Gewaltfilme an und spielte das Ballergame "Counterstrike". Das machen viele 17-jährige Jungs. Was Tim allerdings von ihnen unterscheidet, ist ein offenbar pathologischer Minderwertigkeitskomplex. Und die vielen Softguns, mit denen er die Wände seines Kinderzimmers dekoriert hat.

"Er war ein Waffenfreak."

Sein Nachbarskumpel Michael Veit sagt: "Er war ein Waffenfreak." Die Beretta hatte Tim ihm schon vor ein paar Wochen stolz gezeigt.

Wenige Stunden vor seiner Tat, nachts um 2.45 Uhr, soll Tim ein Posting in den Chatroom krautchan.net gesetzt haben. Darin soll er geschrieben haben: "Scheiße, Bernd, es reicht mir, ich habe dieses Lotterleben satt. Immer dasselbe, alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potential. Ich meine es ernst - ich habe Waffen hier, und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und so richtig gepflegt grillen. Vielleicht komme ich ja auch davon. Haltet die Ohren offen, Bernd, Ihr werdet von mir hören. Merkt Euch den Ort: Winnenden. Und jetzt keine Meldung an die Polizei, keine Angst, ich trolle nur." Er war kein Troll. Er war außer Kontrolle.

Ein unscheinbarer Junge, der Tischtennis spielte

Ein ebenfalls 17-jähriger Junge aus Bayern, der Tims angeblichen Pinnwandeintrag nicht ernst genommen hatte, zeigte seinem Vater nach der Tat das Posting. Der meldete sich daraufhin bei der Polizei. Mittlerweile hat die Zweifel an der Echtheit der Internet-Ankündigung des Amoklaufs. Es gebe keine Hinweise, dass Tim K. die Nachricht tatsächlich auf seinem Computer geschrieben habe, so ein Polizeisprecher.

Vergangenen Sommer hatte Tim die Realschule abgeschlossen, mit mittelmäßigem Erfolg, er ging auf eine private Handelsschule, machte eine Lehre in der Firma seines Vaters, der ein mittelständisches Unternehmen im nahe gelegenen Industriegebiet von Affalterbach aufgebaut hatte. Ein unscheinbarer Junge, der Tischtennis spielte und vor ein paar Jahren mit Kraftsport anfing; einer, der gelegentlich mit einem Hunderter zum Zocken um die Häuser zog.

Probleme mit Mädchen

Ansonsten: unauffällig. Bisschen einzelgängerisch vielleicht. Die Polizei sagt, nachdem sie seine Zimmer durchsucht hat, Tim habe auch mal eine Freundin gehabt, zumindest sei er in ein Mädchen verliebt gewesen. Aber wenn man sich umhört auf dem Schulhof, sagen alle das gleiche: Mit den Mädchen hat das nicht wirklich geklappt. Ob er deshalb auf seinem Amoklauf scheinbar gezielt auf Schülerinnen angelegt hat?

Mit mehr als 200 Schuss Munition ist Tim los gezogen, es heißt, er habe einen schwarzen Kampfanzug getragen. Er muss ungeheuer entschlossen gewesen sein. Die Polizei geht davon aus, dass das schnelle Eingreifen ihrer Interventionsgruppen ein noch schlimmeres Blutbad verhindert habe. Bei seiner Flucht gerieten Tim die Dinge noch mehr aus der Hand. Als er einen Mann in dessen Wagen kidnappte, blieben die beiden im stockenden Verkehr stecken. Er deutete auf Nachbarautos und fragte seine Geisel: "Soll ich die auch noch abknallen?"

Als seine Flucht letztlich in einem VW-Autohaus in Wendlingen endete, lieferte er sich einen heftigen Schusswechsel mit der Polizei. Vor dem Autohaus feuerte ihm ein Polizist zwei Schüsse in die Beine, Tim schleppte sich blutend zurück in den Verkaufsraum und schoss auf einen vorbei fahrenden Polizeiwagen. Die beiden schwer verletzten Beamten liegen immer noch auf der Intensivstation. Wenige Minuten später, so stellt es die Polizei dar, nahm sich Tim K. das Leben.