Amoklauf von Winnenden Der Trittbrettfahrer aus "Amoklaufcity"


Er nannte sich "Instinkt84 aus Amoklaufcity" und veröffentlichte am Tag der Bluttat von Winnenden eine Amokdrohung im Internet. Der 24-jährige Arbeitslose stand nun als erster Nachahmungstäter vor Gericht. Einblicke in die Psyche eines nach Halt suchenden Trittbrettfahrers.
Von Malte Arnsperger

Sie werden "Trittbrettfahrer" genannt. Es sind meist junge Menschen, die den Amoklauf von Winnenden ausnützen, die den Tod von 15 Unschuldigen für ihre Zwecke missbrauchen. Als Mittel, um für kurze Zeit Berühmtheit zu erlangen. Als verzweifelten Hilferuf, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Oder aus Jux und Dollerei, aus Langeweile. Mehr als 50 dieser Trittbrettfahrer hat die Polizei alleine in Baden-Württemberg in den vergangenen sieben Tagen registriert. Einer davon ist Jean-Claude R. Der 24-Jährige aus einem Nachbarort von Winnenden, der noch am Tag des Amoklaufs eine ähnliche Bluttat ankündigte, musste sich nun als erster Nachahmungstäter vor Gericht verantworten.

Kinderpulli und Tattoo

Süße bunte Zeichentrickbärchen, in gelb, rot und grün, sind auf dem Kapuzenpulli abgebildet, den Jean Claude R. bei seinem Prozess im Amtsgericht Stuttgart trägt. Am Hals des Angeklagten prangt ein großflächiges Tattoo. Kinderpulli und Tattoo. Äußere Anzeichen dafür, dass Jean-Claude R. nicht wirklich weiß, wohin sein Leben gehen soll, wo er eigentlich steht. Der schmächtige junge Mann hat einen Selbstmordversuch hinter sich, ist drogenabhängig und alkoholsüchtig, stand deswegen mehrfach vor Gericht. Er hat keinen Schulabschluss, seine Ausbildung musste er nach kurzer Zeit wegen seiner Suchtprobleme abbrechen. Er lebt mit seiner Frau und einem zweijährigen Sohn zusammen. Die kleine Familie ist völlig überschuldet. Einkommen? "Zurzeit leider Hartz IV."

Zusammengekauert sitzt Jean-Claude R. auf seinem Stuhl. Mit tränenerstickter Stimme beantwortet er die Fragen des Richters. "Wie viel trinken Sie?" - "Kommt drauf an, zwei bis drei Bier am Tag. Wenn die Probleme kommen, dann schon mehr. Ich trinke mir meine Probleme weg. Und seit 13 Jahren rauche ich regelmäßig ein bis zwei Gramm Marihuana am Tag." Bekifft und betrunken. In diesem Zustand habe er sich auch am vergangenen Mittwoch befunden, sagt Jean-Claude R. An dem Tag, als Tim K. in Winnenden 15 Menschen umbrachte und Jean-Claude R. zum Trittbrettfahrer wurde.

Betrunken und bekifft

Im Internetportal "www.kwick.de" hatte der 24-Jährige laut Anklage unter dem Profilnamen "Instinkt84 aus Amoklaufcitiy" einen fiktiven Pressetext eingestellt. Darin wird eine Bluttat an einer Waiblinger Berufsschule geschildert, Alter des Täters und die genaue Opferzahl wurden mit Fragezeichen ersetzt. "Der ??-Jährige erschießt in Waiblingen in der Berufsschule ?? Schüler und ?? Schülerinnen", heißt es in dem Text. "Danach floh er zwei Tage erfolgreich vor der Polizei. Die Beamten fangen schon an langsam zu verzweifeln, da der Amokläufer nicht aufzufinden war. Zwei Tage danach entdeckten die Kripo-Beamten den Jungen in der Altstadt und konnten ihn nicht festnehmen bevor er sich selbst durch einen Schuss in die Schläfe hinrichtete. Warum er das tat, ist noch unklar. Aber eines ist sicher. Das war nicht das erste und das letzte Mal. Fortsetzung folgt." Die Ankündigung war noch am selben Abend entdeckt worden, Jean-Claude R. wurde wenige Tage später festgenommen.

Ja, diesen Text habe er geschrieben, es stimme alles, was der Staatsanwalt ihm vorwerfe, gibt der Angeklagte vor Gericht zu. Immer wieder wischt er sich Tränen aus den Augen. "Warum ich es gemacht habe, kann ich mir nicht erklären." Den ganzen Tag über habe er sich mit seiner Frau im Fernsehen die Nachrichten über den Amoklauf von Winnenden angeschaut, sie seien sogar zum Tatort gefahren. "Abends, weil ich betrunken und bekifft war, habe ich den Zeitungsbericht erfunden. Ich war total breit."

"An gar nichts gedacht"

Mit ruhiger Stimme fragt der Richter nach, versucht, mehr über die Gründe für die Amoklauf-Drohung herauszubekommen. Eine wirkliche Antwort darauf bleibt der Angeklagte, der sich ohne Anwalt selbst verteidigt, jedoch schuldig. "Ich habe in dem Moment gar nichts gedacht", sagt Jean-Claude R. mit leiser Stimme. Und versichert dann: "Ich wollte es aber auf keinen Fall wirklich machen." Richter und Staatsanwalt glauben ihm. Sie nehmen ihm beide die Reue ab, werten das Geständnis strafmildernd. Trotzdem fordert der Staatsanwalt eine fünfmonatige Haftstrafe auf Bewährung. "Als Trittbrettfahrer hat er das Leid der Opfer benutzt. Das ist verwerflich." Der Richter sieht es ähnlich, folgt diesem Antrag und verurteilt Jean Claude R. wegen erheblicher Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung einer Straftat.

Neben der Bewährungsstrafe verhängt das Gericht auch die Ableistung von 120 gemeinnützigen Arbeitsstunden. "Es ging Ihnen darum, aufzufallen und sich wichtig zu machen", sagt der Richter in seiner Urteilsbegründung. Und das, so der Richter mit einem Blick zu dem Angeklagten, "an einem Tag, an dem das ganze Land um die Opfer von Winnenden trauert". Der Richter ließ durchblicken, dass die Strafe etwas härter ausgefallen ist, als bei vergleichbaren Tatbeständen. Zur Abschreckung sei es in diesen Tagen aber notwendig. Denn: "Wir wollen so etwas nicht." Sichtlich zerknirscht und aufgewühlt akzeptiert Jean-Claude R. das Urteil. Es tue ihm leid, sagt er, und zieht sich seine bunte Bärenmütze über den Kopf.


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