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Amoklauf von Winnenden Tödliche Schlamperei


Das Landgericht Stuttgart hat die Strafe für den Vater des Amokläufers von Winnenden abgemildert. Das Urteil ist aber zugleich ein glasklares Signal an Waffenbesitzer.
Ein Kommentar von Ingrid Eißele

Manchmal sprach aus Richter Ulrich Polachowski mehr der väterliche Ratgeber als der distanzierte Jurist. Als Vater eines 20-jährigen Sohnes seien ihm die Sorgen und Nöte von Eltern vertraut, erst recht als langjähriger Jugendrichter, so betonte Polachowski in seiner Urteilsbegründung. Der Richter wandte sich direkt an Jörg K., der seine Beretta im Schlafzimmerschrank versteckt hatte, die spätere Tatwaffe seines Sohnes Tim. Polachowski beschrieb ihn als einen durchaus um seinen Sohn bemühten Vater. Er hielt ihm zugute, dass er nichts von den Mordphantasien seines Sohnes gewusst habe. Einen Beweis für die Behauptung, dass ihn die Ärzte in der Jugendpsychiatrie Weinsberg darüber aufgeklärt hätten, habe der Prozess nicht erbracht.

Im ersten Prozess vor zwei Jahren hatten die Richter noch betont, dass die Eltern nicht nur von seelischen Nöten ihres Sohnes wussten, sondern auch seine Mordphantasien kannten – und der Vater den 16-Jährigen dennoch zum Schießtraining mitnahm.

Solche Verantwortungslosigkeit, ja Gewissenlosigkeit, wollte die Kammer des Landgerichts dem Vater zwar nicht mehr unterstellen. Sie verurteilte ihn aber dennoch wegen fahrlässiger Tötung zu 18 Monaten auf Bewährung. Es reiche aus, wie der Vater mit seinen Waffen umgegangen war, und da war der Richter alles andere als verständnisvoll: "Die Patronen lagen zu Hunderten nicht verschlossen im Keller herum." Polachowski nannte dies "schlampig".

Verantwortung der Waffenbesitzer steigt

Damit ist klar: Dieses Urteil erhöht die Verantwortung von Waffenbesitzern erheblich. Zu Recht. Bei einer Waffenkontrolle im Regierungsbezirk Stuttgart, drei Jahre nach dem Amoklauf, wurden 7000 Waffenbesitzer kontrolliert, bei mehr als 1800 fanden die Behörden Mängel – "und zwar insbesondere bei der korrekten Aufbewahrung von Waffen und Munition", so Regierungspräsident Johannes Schmalzl. Und selbst im Rems-Murr-Kreis, der seit dem 11. März 2009 mit dem Trauma des Massenmords leben muss, fanden sich in sechs Haushalten Waffen und Munition in schöner Einheit – und bei acht Besitzern die Möglichkeit "zum Zugriff durch nichtberechtigte Dritte", so wie einst bei Jörg K.

Niemand hätte sich "noch eine Stunde vor dem Amoklauf vorstellen können, dass dieser freundliche, höfliche junge Mann so eine Tat begeht", das stellte der Richter klar. Auch der Vater nicht. Aber sehr wohl habe er sehen können, dass sein Sohn ständig allein in seinem Zimmer hockte, anstatt sich mit Freunden zu treffen. Dass dieser Junge litt. Dazu brauchte es keine Ärzte. Spätestens, als der Sohn dem Vater tausend Schuss Munition zum Geburtstag schenken wollte, hätte er Verdacht schöpfen müssen. Stattdessen nahm er ihn zum Schießtraining mit.

"Vielleicht ist dieses Urteil auch eine Chance für Sie", sagte der Richter zu Jörg K., und meinte damit die Chance, sich mit seiner Schuld auseinanderzusetzen. Es ist auch eine Chance für Waffenbesitzer: An diesem Wochenende in den Keller zu gehen, gründlich aufzuräumen. Und in aller Stille Schlimmeres zu verhindern.


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