Amstetten "Wir gelten jetzt als Horror-Stadt"


Amstetten - der Name der Stadt steht seit einigen Tagen für das Grauen schlechthin. Bürgermeister Herbert Katzengruber sagte stern.de, wie er von dem Inzest-Fall erfuhr und wie er die Einwohner wieder aufrichten will. Eine animierte Grafik zeigt das Keller-Verlies.
Von Katharina Schönwitz, Amstetten

Als die SMS kam, saß Herbert Katzengruber gerade beim "Mostbaron" Bernhard Datzberger in dessen Bauernhof und trank ein Glas Birnenmost. Der Absender der SMS auf seinem Mobiltelefon war ein Freund, der gute Kontakte zur Polizei hat. "Er konnte mich deswegen informieren, was passiert ist," erzählt Katzengruber im Gespräch mit stern.de.

Es war Sonntag, der 27. April, um die Mittagszeit, als die Katastrophe über den Bürgermeister von Amstetten hereinbrach. Das ist noch nicht mal acht Tage her und man sieht Katzengruber an, dass er immer noch nicht angekommen ist in der neuen Zeitrechnung seiner Gemeinde. Amstetten ist nun weltberühmt, als Synonym für eine nie gekannte menschliche Grausamkeit und Perfidie.

"Mostviertel kennt heute jeder"

Seit zwanzig Jahren schon ist der 56-jährige Katzengruber Bürgermeister der Kleinstadt in Niederösterreich, etwa 120 Kilometer westlich von Wien. Wegen ihrer vielen Birnbäume wird die Gegend auch Mostviertel genannt. "Früher wurde in der österreichischen Wettervorhersage nur vom westlichen Teil Niederösterreichs gesprochen, heute kennt jeder den Namen Mostviertel", sagt Katzengruber stolz.

Katzengruber sitzt in seinem Dienstzimmer hinter seinem schweren Holzschreibtisch. Sein Büro ist etwas altmodisch eingerichtet. Er trägt einen dunklen Anzug, ein hoch gewachsener Mann Mitte fünfzig mit konzentriertem Gesichtsausdruck und resoluten Bewegungen. Doch einige Male ist ihm die Hilflosigkeit anzumerken. "Bei uns in Amstetten", seufzt er mit Blick aus dem Fenster, "da stimmte das Leben doch noch."

Dachte er jedenfalls. "Es war uns gelungen, ein nettes und liebenswürdiges Image auszubauen", sagt er wehmütig und macht eine kleine Pause beim Sprechen. "Wir haben so lange daran gearbeitet." Ein modernes Fernwärmekraftwerk wurde gebaut, das alle privaten Haushalte versorgt, eine Umgehungsstraße entlastet die Stadt vom Verkehr, die Radwege sind prämiert worden und ein rund um die Uhr beleuchteter Trimmdichpfad zieht Jogger aus der ganzen Umgebung an. Für die Stadtentwicklung bekam Amstetten vom österreichischen Bundespräsidenten 2006 den Titel "Innovativste Gemeinde Österreichs" verliehen. Doch von solchen Erfolgen wollen die Journalisten, die ihn anrufen, nichts wissen. "Wir gelten jetzt in der ganzen Welt als die Horror-Stadt", sagt Katzengruber verbittert.

Horrornachricht am Festtag

Der Tag, an dem das Leben nicht mehr "stimmte", war auch noch einer der wichtigsten Festtage der Gemeinde, der Tag des Mostes. Immer am letzten Wochenende des Aprils wird er gefeiert, wenn die Birnbäume am schönsten blühen. Die Familien radeln von Bauernhof zu Bauernhof, es wird reichlich Most getrunken und die Blaskapelle spielt. Herbert Katzengruber war an diesem sonnigen Sonntag mit seiner Frau unterwegs, um den Mostproduzenten eine Fahne mit Birne darauf als Präsent zu überreichen. "Alle haben sich darauf gefreut. Es war einfach unvorstellbar, dass so etwas hier bei uns passiert." Auf dem Hauptplatz der Stadt, direkt vor seinem Fenster, hätte am 1.Mai eigentlich der Maibaum aufgestellt werden sollen. Doch der Bürgermeister entschied, dass alle Vergnügungen in nächster Zeit abgesagt sind. "Ich glaube die Leute waren froh, dass ich diese Entscheidung für sie getroffen habe", sagt er selbstbewusst.

Der Mann, der ihm all dies eingebrockt hat, ist ein Phantom für ihn. "Ich kenne den Herrn Fritzl überhaupt nicht." Lediglich Fritzls Sohn Alexander, der mit seinem Vater und seiner Großmutter Rosemarie aufwuchs, kenne er, der 12-Jährige ist bei der freiwilligen Feuerwehr. Als dann die ersten Bilder in den Zeitungen erschienen, erinnerte sich auch der Bürgermeister auch an die Mädchen Monika und Lisa und an Fritzls Ehefrau Rosemarie. Die neue Zeitrechnung hat für Katzengruber und seine Gemeinde erst begonnen. "Ich hab mir selbst die quälende Frage gestellt, warum hab ich nichts gesehen." Die Zukunft seiner Stadt liegt ihm am Herzen. Eine Email mit dem Betreff "Blick nach vorne" an alle Amstettener hat er schon losgeschickt. Er schreibt über die Betroffenheit und über sein Mitgefühl für die Opfer. Doch er kämpft auch um das Ansehen seiner Stadt. "Wir bitten euch alle im Sinne der Stadt Amstetten und der gesamten Region, helft uns die Botschaft hinauszutragen, dass nicht die Amstettnerinnen und Amstettner, nicht die Menschen im Bezirk Amstetten schuld sind an dem Verbrechen und dass die Betroffenheit, die Sprachlosigkeit, die Wut, die Trauer und der Ärger bei uns groß sind. Unterstützt uns bitte, dass die Stadt, unsere Region und unser Land wieder dort anknüpfen können, wo wir vor dem 27. April waren."


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