Amstetten Der "Josi" aus dem Tanzlokal


Im Verlies hielt er sich eine Zweitfamilie, nach außen gab er den erfolgreichen Geschäftsmann. Der stern beschreibt in seiner neuen Ausgabe das perfide Doppelleben des Josef Fritzl. Als "Josi" war der Inzest-Vater im Tanzlokal bekannt, als korrekter Herr am Mondsee.
Von Martin Knobbe

Er kam stets gegen Mitternacht. Den Schnäuzer gestutzt, die Wangen glatt rasiert, in einer Wolke von Aftershave stolzierte "Josi", wie ihn alle nannten, über die Tanzfläche im "James Dean", einem Tanzlokal für gesetzteres Publikum mitten in Amstetten. Zu den slawischen Bedienungen sagte er immer das Gleiche: "Na, was gibt's Neues?" und manchmal auch: "Heut sind ja nicht so viele Frauen da." Er stand an der Theke, schlürfte Kaffee mit zwei Milch, redete mit alten Schulfreunden seiner Kinder, über die Rosemarie, seine Ehefrau, oder die Elisabeth, seine Tochter, die ja "abgängig" sei, bei einer Sekte, ein Trauerspiel. Josef Fritzl gab den trauernden Vater, den lamoryanten Gentleman und erfolgreichen Geschäftsmann. Er besaß mehrere Immobilien, fuhr Mercedes, trug maßgeschneiderte Anzüge und handgenähte Schuhe.

Von seinem Ordnungszwang und kleinbürgerlichen Spießigkeit findet man heute noch ein Zeugnis, 160 Kilometer von Amstetten entfernt, am Mondsee, wo Josef Fritzl bereits 1973 die Gaststätte "Seestern" gekauft und einen Teil eines nahegelegenen Campingplatzes gepachtet hatte. Er trat als höflicher, etwas unnahbarer, aber durchaus sympathischer Mann auf. Bewohnern des 1500-Einwohner-Örtchens Unterach imponierte damals, wie gepflegt sich der Neue ausdrücken kann.

"Ein integrer Herr, der nie ausfällig wurde", sagte Gemeindeamts-Leiter Helmuth Greifeneder zum stern. Wenn er Verträge aufsetzte, achtete der korrekte Herr Fritzl auf jedes Wort. Er pochte auf strikte Ordnung, all die Jahre bis 1996, als er die Pension verkaufen und den Platz abgegeben hat. "Hundekot am Campingplatz unbedingt entfernen", pappt noch heute auf einem vergilbten Papier am Eingang. Die Campingwagen stehen nach wie vor in Reih und Glied, dazwischen Blumenbeete in strenger geometrischer Formation und Rasenflächen, die mit der Nagelschere geschnitten zu sein scheinen.

Drill und Strenge bedeuteten viel

"Ich habe immer viel Wert auf Anstand und gutes Benehmen gelegt, das gebe ich zu", zitiert heute die österreichische Zeitschrift "News" Josef Fritzl aus Gesprächen seinem Anwalt Rudolf Mayer. "Dieses Verhalten ist darin begründet, dass ich aus einer alten Generation stamme, die anders als heute erzogen wurde. Ich bin in der Nazi-Zeit aufgewachsen, da bedeuteten Drill und Strenge viel. Ich hab davon wahrscheinlich einiges übernommen."

Seine Strenge deutet Josef Fritzl nun als das Motiv um, warum er seine Tochter und drei der gemeinsamen Kinder unter der Erde gefangen hielt. "Seit Beginn ihrer Pubertät hatte sie sich an überhaupt keine Regeln mehr gehalten. Sie trieb sich nächtelang in üblen Lokalen herum, trank Alkohol, rauchte. ... Sie riss sogar zweimal aus und trieb sich in dieser Zeit mit miesen Personen herum, die kein guter Umgang für sie waren. Ich brachte sie nachhause zurück, aber sie entzog sich mir immer wieder, deshalb musste ich vorsorgen, einen Ort schaffen, an dem ich Elisabeth irgendwann möglicherweise zwangsweise von der Außenwelt fernhalten konnte."

Er habe während der 24 Jahre gewusst, dass nicht richtig war, was er tat, erklärte Josef Fritzl seinem Anwalt. "Aber trotzdem konnte ich nicht raus aus meinem zweiten Leben. Wenn ich oben war, war ich ganz normal. Ich habe voll funktioniert, Geld gemacht, meine Familie gut versorgt." An das Verlies habe er nur gedacht, wenn er für seine "Zweitfamilie Besorgungen zu erledigen hatte". Irgendwann sei sein "zweites Leben" unter der Erde selbstverständlich für ihn geworden. Soweit er zurück denken könne", sagte Fritzl weiter, sei es sein "innigster Wunsch" gewesen, einmal viele Kinder zu haben. "Kinder, die nicht wie ich als Einzelkind aufwachsen müssten, die immer jemanden an ihrer Seite zum Spielen haben würden."


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