Amstetten Englische Zeitung gibt Hitler Schuld


Seit zwei Wochen reißen sich auch die Boulevard-Zeitungen in Großbritannien um jede Neuigkeit im Fall Fritzl. Heute hat die "Sun" jedoch eine ganz entscheidende Entdeckung gemacht: Hinter allem steckt Hitler.
Von Cornelia Fuchs, London

Das Geschäft mit der perfekten Titel-Schlagzeile ist ein schwieriges im Reich der Boulevardzeitungen. Tiere laufen gut, Berühmtheiten und Schicksals-Schläge ebenso. Rudi Carrell hat das einmal in der legendären Zeile "Deutscher Schäferhund leckt Inge Meysel den Brustkrebs weg" zusammengefasst.

Was auch immer geht auf den Titelseiten ist Hitler, in Großbritannien gerne kombiniert mit Fußball. Vielleicht muss man sich die Stimmung bei "The Sun" am gestrigen Abend als eine euphorische vorstellen, vielleicht war sie ein bisschen überbordend angesichts der Meldungen, die dort auf dem Tisch landeten - Auszüge aus dem Interview, das über den Anwalt von Josef Fritzl zum österreichischen Magazin "News" gekommen war. Anders ist die Titel-Schlagzeile am heutigen Freitag nur schwer zu erklären.

"Hitler hat mich angestiftet"

"Fritzl: Meine Geschichte" steht da am oberen Rand, und dann "Hitler made me do it - Hitler hat mich angestiftet", daneben ein dunkel dreinblickender Adolf Hitler in Farbe und ein leicht schief grinsender Josef Fritzl mit grauen Haaren.

Wer den Rest der insgesamt vier Seiten Berichterstattung liest, erfährt kaum etwas vom Einfluss des nationalsozialistischen Diktators auf die Psyche des Mannes, der seine Tochter 24 Jahre im Keller gehalten hat. Als Fritzl drei Jahre alt war, paradierte Hitler durch Amstetten, schreibt die "Sun" und druckt ein historisches Bild von Nazi-Gruß-salutierenden Frauen am Straßenrand dazu. Dann wird Fritzl zitiert mit der Aussage, die strenge Erziehung seiner Mutter, inklusive "Werte, die es heute nicht mehr gibt", hätten ihn geprägt. Seine Mutter sei eine sehr strenge, sehr starke Frau gewesen.

Das war es.

Und doch steckt ein bisschen mehr hinter der Fritzl-Hitler-Kombination als die überbordende Fantasie der Titel-Dichter in der "Sun"-Redaktion. Seit zwei Wochen versuchen britische Kommentatoren die österreichische Psyche zu erklären. "Da ist etwas faul im Kern von Österreich, eine giftige Historie", schreibt zum Beispiel Tony Parsons im "Daily Mirror", "ein Monster wie Fritzl kann nur in einem solchen Land existieren." Ausgestattet mit österreichischen Landeskenntnissen nach dem Aufenthalt in einer Diät-Klinik schreibt India Knight in der "Sunday Times": "Österreich scheint sich auf eine besonders schreckliche, hinterhältige, verrückte Art von Missbrauch zu spezialisieren." Und Peter Millar in der Daily Mail glaubt, dass das ganze moderne Österreich sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt habe: "Seine nationale Identität beruht auf einem Bündel Lügen und Wunschdenken."

Foltern, umbringen und einbetonieren

Wer die britischen Zeitungen in den vergangenen Wochen gelesen hat, könnte meinen, dass es unerklärliche Schwerverbrechen nur in Ländern geben kann, die durch Unrechts-Regime eine Art nationale Psychose eingepflanzt bekommen haben. In der Umkehrung dieses Argumentes könnte so etwas dann in Großbritannien nicht mehr vorkommen, einem Land, das zumindest in den vergangenen knapp 400 Jahren keine Diktatoren gekannt hat. Doch es gibt auch Ausnahmen in diesem Chor der Historien-Deuter. Die erinnern daran, dass zum Beispiel ein Mann namens Fred West bis zum Jahr 1987 innerhalb von 20 Jahren mit seiner Frau mehr als zwölf junge Frauen in seinem Haus foltern, umbringen und einbetonieren konnte, ohne dass Nachbarn irgendetwas gemerkt hätten.

Besonders vehement argumentierte Stuart Jeffries im "Guardian" gegen die Verurteilung eines ganzen Landes aufgrund der Taten eines Mannes: "Ich glaube, wir haben keinerlei Recht darauf, die Österreicher zu belehren, auch, wenn wir dies fast reflexartig gerade tun. Wir befinden uns vielmehr in einer schlechteren Position: Wir wollen stets andere belehren, aber wir haben nicht die Geduld, die Kritik von Fremden zu ertragen. Wir haben die Idee einer selbstkritischen Haltung nie entwickelt. Sollte es zur Zeit eine Art nationale Stimmung der Selbstkritik in Österreich geben - dann wäre dies ein Vorbild, von dem wir noch lernen könnten."


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