Amstetten Kampusch gibt Opfern Ratschläge


Die selbst über Jahre missbrauchte Natascha Kampusch hat den Opfern des Inzest-Falls von Amstetten zur Zurückhaltung im Umgang mit den Medien geraten. Elisabeth F. solle sich genau überlegen ob sie Interviews geben will, erklärte Kampusch, die mittlerweile zu Spenden aufgerufen hat.

"Ich hoffe, die Medien haben im Zuge meines Falles etwas dazugelernt", sagte Kampusch am Mittwochabend in der NDR-Sendung "Menschen und Schlagzeilen". Kampusch selbst hatte bald nach ihrer Befreiung ein Fernseh-Interview gegeben. Die Flucht aus dem Kerker sei Elisabeth F. wahrscheinlich auch deshalb nie geglückt, weil sie große Angst gehabt habe: "Es hat etwas damit zu tun, das der Täter alles daran setzt, die Opfer einzuschüchtern", vermutete Kampusch. "Irgendwann zweifelt man so an sich selbst, dass man nicht mehr weglaufen kann", sagte sie.

"Sehr viele Parallelitäten"

Der Fall von Amstetten erinnere sie an ihr eigenes Drama: "Je mehr Informationen ich hatte, desto mehr kam mir in den Sinn, dass es sehr viele Parallelitäten hatte". Das Schicksal der 42-jährigen Elisabeth F. habe bei ihr große Betroffenheit ausgelöst. Die Frau war 24 Jahre lang von ihrem Vater in einem Keller unter dem Wohnhaus der Familie festgehalten worden. Dort hatte sie der heute 73-Jährige regelmäßig zum Inzest gezwungen und insgesamt sieben Kinder mit ihr gezeugt. Natascha Kampusch war als zehnjähriges Mädchen entführt und achteinhalb Jahre lang in einem Kellerraum gefangen gehalten worden. Im August 2006 gelang ihr die Flucht. Sie lebt heute alleine in Wien und holt die versäumte Schulbildung mit der Hilfe von Privatlehrern nach.

Imageschaden für Österreich befürchtet

Bundeskanzler Alfred Gusenbauer befürchtet mittlerweile einen Imageschaden für Österreich wegen des Inzest-Falles von Amstetten. Gusenbauer betonte am Mittwoch: "Das können wir nicht akzeptieren. Es gibt keinen Fall Amstetten, es gibt keinen Fall Österreich, es gibt nur einen Einzelfall." Gemeinsam mit Außenministerin Ursula Plassnik, den Botschaften im Ausland und "weiteren Profis" solle ein "Gesamtkonzept" entwickelt werden, das Österreich wieder ins rechte Licht rückt. Auch der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer betonte: "Es ist sicher nichts Abgründig-Österreichisches an diesem Fall."

Das Inzest-Verbrechen von Amstetten ist nach Erkenntnissen der Polizei allein die Tat des 73-jährigen Josef Fritzl gewesen. Fritzl habe keinen Mittäter beim jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch und beim Einkerkern seiner Tochter Elisabeth, 42, und der von ihm gezeugten Kinder gehabt. Das sagte Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, am Mittwoch vor Journalisten in Zeillern bei Amstetten. Auszuschließen sei allerdings "aus kriminalistischer Erfahrung nichts". Die sechs erwachsenen Geschwister Elisabeths hätten mit den Verbrechen aber nichts zu tun. Es gebe auch keine Hinweise, dass der Täter seine anderen Kinder - weder die ehelichen noch die insgesamt sechs überlebenden Inzest- Kinder - missbraucht habe.

"Vertraulicher Anruf" bei der Polizei

Die Polizei brachte am Mittwoch mehr Klarheit in die Umstände, unter denen das Drama beendet werden konnte: Demnach war Elisabeth mit ihren zwei Söhnen aus dem Kellerverlies im Krankenhaus erschienen, um ihre lebensgefährlich erkrankte Tochter Kerstin, 19, zu sehen. Nach Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt bereits öffentlich gesucht worden, weil nur die Mutter Auskunft über den Zustand der Tochter geben konnte. Von dem Besuch erfuhr die Polizei durch einen "vertraulichen Anruf" und griff zuerst Elisabeth vor dem Krankenhaus auf. Nachdem diese sich den Polizisten offenbart hatte, wurde auch Josef Fritzl festgenommen.

Polzer wollte nicht sagen, woher der Tipp gekommen sei. Die Polizei habe versprochen, die Identität des Anrufers nicht preiszugeben. Alle Opfer werden seit ihrer Freilassung in einer Klinik von Ärzten und Psychologen betreut.

Natascha Kampusch ruft zu Spenden auf

Das österreichische Entführungsopfer Natascha Kampusch, die selbst acht Jahre lang in der Gewalt eines Kidnappers in einem verliesartigen Raum leben musste, rief am Mittwoch zu Spenden für die Inzest-Opfer auf. Kampusch teilte mit, sie sei in engem Kontakt mit dem Anwalt der Opfer, um herauszufinden, wo die Hilfe konkret benötigt werde. Kampusch hatte nach ihrer Flucht im August 2006 die Gründung einer Stiftung erwogen, um einmal Opfern ähnlicher Verbrechen helfen zu können. Auf einem entsprechenden Konto waren in der Folge rund 50.000 Euro gesammelt worden.

Der Arzt Berthold Kepplinger vom Landesklinikum Mostviertel Amstetten appellierte an die Medien, die Privatsphäre der Familie zu respektieren. Die Familie, die sich ja erst jetzt in dieser Form kennengelernt habe, habe in den Räumen des Klinikums eine etwa 80 Quadratmeter große Wohnung bezogen.

AP/DPA AP DPA

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