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Amstetten: Kinder wurden Zeugen des Missbrauchs

Inzest-Vater Josef Fritzl missbrauchte seine Tochter vor den Augen der gemeinsamen Kinder. Dies erfuhr stern.de aus Ermittlerkreisen. Das enge Keller-Verlies baute Fritzl erst aus, als bereits zwei Kinder auf der Welt waren. Eines der Opfer kämpft noch immer um sein Leben.

Von Malte Arnsperger, Rainer Nübel und Katharina Schönwitz

Das Horror-Haus von Amstetten: Bis vor einer Woche lebten dort vier Menschen im einen 60 Quadratmeter großen Kellerverlies. Die Jahre der Gefangenschaft waren noch grausamer als bisher angenommen. Die Kinder mussten den Missbrauch ihrer Mutter mit ansehen, wie stern.de aus Ermittlerkreisen erfuhr.

Nachdem Josef Fritzl seine Tochter 1984 in den Keller gesperrt hatte, musste sie jahrelang in einem winzigen Raum ausharren. Qualvoll eng wurde der Raum, als Elisabeth fünf Jahre später ihre Tochter Kerstin und im Jahr danach Sohn Felix gebar. Wie stern.de von Ermittlern erfuhr, baute Josef Fritzl erst 1993 zwei zusätzliche Kellerräume aus. Er habe dafür eine Art Durchbruch gemacht, hieß es. Diese Räume hätten bereits bestanden, was die langfristige Planung Fritzls belege. Wie weiter zu erfahren war, bestreitet Josef Fritzl, dass er die Kellerräume eigens für die langjährige Gefangennahme Elisabeths vorbereitet habe. Die Ermittler bestätigten, dass zumindest die beiden ältesten Kinder, Kerstin, heute 19, und Felix, 18, Augenzeuge des Missbrauchs ihrer Mutter wurden.

Der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Franz Polzer, bestätigte stern.de, dass das Verlies "im Lauf der Jahre" ausgebaut wurde. Die "Gefangene" Elisabeth F. habe dies in Vernehmungen gesagt. "Sie sagte, es gab zunächst nur einen Raum. Das Verlies sei ausgebaut worden, nachdem die Kinder gekommen sind", so Polzer.

Kaum Luft zum Atmen

Das Verlies, ein "Mikrokosmos", wie es Polzer nennt, werde nun weiter von Ermittlern durchsucht. Auch, um zusätzliche Hinweise, etwa Aufzeichnungen, zu finden, die eventuell mehr über Hintergründe und Ablauf der Gefangenschaft verraten. Ebenso werde geprüft, wie die Luftzufuhr in das Kellergefängnis funktioniere, sagte Polzer. Die österreichische Zeitung "Der Standard" schreibt, dass die Ermittler am Tatort immer wieder Pausen machen, da die Luft zum Atmen knapp werde.

Bisher nicht bestätigt hat sich, dass Fritzl tatsächlich Vorkehrungen getroffen hat, um Gas in das Verlies zu leiten. Ermittler Polzer bezweifelte, dass es eine Gasleitung in das Verlies gegeben hat. Fritzl hatte seiner Tochter und ihren Kindern offenbar damit gedroht, sie mit Gas zu töten, sollte ihm etwas zustoßen. Das habe der 73-Jährige selbst im Verhör angegeben, sagte Polizeisprecher Helmut Greiner. Es könne sich dabei um eine "leere Drohung" gehandelt haben, um seine Opfer davon abzuhalten, ihn zu überwältigen.

Mieter aus EG-Wohnungen vertrieben

Unklar ist bislang, wie Josef Fritzl die Arbeiten im Verlies geheim halten konnte. Völlig unbemerkt blieben sie nicht: Ein ehemaliger Mieter des Hauses sagte aber zu stern.de, dass auf dem Hof stets ein Betonmischer gestanden habe, obwohl es offiziell nie Bauarbeiten gegeben hätte. "Der Flur im Treppenhaus wurde ein paarmal gestrichen, aber das war es auch schon", sagte Alfred Dubanovsky. Fritzls Sohn Sepp, der ebenfalls in einer der Wohnungen gelebt habe, half seinem Vater bei den Renovierungen. Dubanovsky: "Wenn man mit ihm gesprochen hat, ging sofort Josef Fritzl dazwischen und verlangte, seinen Sohn nicht von der Arbeit abzuhalten."

Von 1995 bis 2007 hatte Alfred Dubanovsky in einer der vier Erdgeschosswohnungen gelebt, die sich direkt über dem Keller befinden. "Allerdings wollte Josef Fritzl nach und nach alle Erdgeschossmieter loswerden. Er sagte immer, er wolle die Wohnungen für seine Kinder freihalten", erinnert sich Dubanovsky. Außerdem habe Josef Fritzl immer wieder betont, dass keine Fotos von Haus, Hof und Garten gemacht werden dürften und dass ab 22 Uhr Nachtruhe zu herrschen habe. "Mir hat Josef Fritzl einmal gesagt, dass das Haus noch Geschichte schreiben werde."

Reisevideo aus Thailand

Auch über Thailand habe er sich häufiger mit seinem Vermieter unterhalten, sagte Dubanovsky. Er selber habe dort regelmäßig Urlaub gemacht. "Josef Fritzl wollte wissen, ob ich ihn mal mitnehmen würde und wie denn die Mädels da so seien", sagte Dubanovsky. Die Erzählungen seines Mieters müssen Fritzl gefallen haben. Denn inzwischen ist bekannt, dass er wiederholt in Thailand Urlaub gemacht hat. Sogar ein Video von einer dieser Reisen ist mittlerweile aufgetaucht.

Das Verlies im 3D-Modell

Inzwischen ist Fritzl inhaftiert. Der Leiter der Justizanstalt St. Pölten, Oberst Günther Mörwald, sagte der Nachrichtenagentur APA, es gebe keinen konkreten Drohungen gegen den 73-jährigen. Dennoch sei man auf der Hut. Die Stimmung sei angespannt, es gelte daher aufzupassen. Fritzl ist mit einem zweiten Häftling in einer Zelle untergebracht. Von den anderen Insassen der Justizanstalt wird er abgeschirmt. Seinen Hofgang absolviert Fritzl alleine oder mit seinem Zellengenossen, das Essen nimmt er in der Zelle zu sich. Mörwald beschreibt den 73-Jährigen als unproblematischen Häftling.

Kerstins Zustand weiter kritisch

Während der Vater im Gefängnis sitzt, kämpft seine Tochter Kerstin um ihr Leben. Sie schwebt immer noch in Lebensgefahr. "Ihr Zustand ist weiter kritisch", sagte Klaus Schwerter, Sprecher des Landesklinikums Amstetten, zu stern.de. Die 19-Jährige liege immer noch auf der Intensivstation und sei weiter im künstlichen Koma. Die Verbrechen ihres Vaters Josef Fritzl wurden erst bekannt, als Kerstin, das älteste der im Keller festgehaltenen Kinder, mit einer Infektionskrankheit ins Krankenhaus kam. Daraufhin fahndete die Polizei nach ihrer Mutter Elisabeth. Eine Woche später wurde Fritzl festgenommen.

Kerstins fünf Geschwister, ihre Mutter Elisabeth und ihre Großmutter Rosemarie werden unterdessen in einer Psychiatrischen Klinik betreut. Die Gruppe ist dort in einem gesonderten, streng bewachten Trakt untergebracht. Den sieben Familienmitgliedern, die sich nach der Festnahme ihres Vaters teilweise zum ersten Mal gesehen haben, gehe es relativ gut, sagte Sprecher Schwertner. Die Gruppe habe ständigen Kontakt zu Kerstins Ärzten, ein Besuch bei der Schwerkranken habe aber noch nicht stattgefunden. Den Kinder wurden Spielsachen und persönliche Dinge, die sie zum Teil schon im Verlies benutzt haben, gegeben. Die Patienten, auch die beiden "Kellerkinder", dürften auf Wunsch jederzeit ins Freie, sagte Schwertner. Ob sie die Möglichkeit auch nutzten, wollte der Sprecher nicht sagen, da er um ihre Sicherheit fürchtet. In den vergangenen Tagen war bekannt geworden, dass Fotografen auf Bäume geklettert sind oder sich als Ärzte verkleidet hatten, um Fotos zu schießen oder sich Zutritt zu der Klinik zu verschaffen.

Von:

Rainer Nübel Katharina Schönwitz und Malte Arnsperger