Amstetten vor dem Prozessauftakt "Die meisten wollen Fritzl vergessen"


Kaum ein Verbrechen hat in den vergangenen Jahren mehr Entsetzen ausgelöst als der Inzestfall von Amstetten. Der 73-jährige Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang im Kellerverlies gefangen hielt und mit ihr mehrere Kinder zeugte, steht von heute an vor Gericht. Die Amstettener wollen "den Fritzl" am liebsten vergessen.

Durch die graue Ybbsstraße von Amstetten pfeift ein kalter Wind. Regen schlägt dem Besucher ins Gesicht. Das Haus Nummer 40 wirkt - trotz der Vorhänge an allen Fenstern - verlassen. Aus den Briefkästen neben dem dunklen Hauseingang quillt Werbung. Niemand beantwortet die Klingel. Das Haus Nummer 40 in dieser Straße gehört dem 73-jährigen Josef Fritzl, dem Inzest-Täter von Amstetten, dem von heute an vor einem Schwurgericht in der niederösterreichischen Hauptstadt St. Pölten der Prozess gemacht wird. Sein Namensschild wurde von der Klingel entfernt.

"In diesem Haus wohnt keiner mehr", sagt ein älterer Passant und eilt davon. Auch andere Bewohner des Industriestädtchens sind in den Tagen vor dem Prozess nicht gesprächig, wenn die Rede auf den "Fall Fritzl" kommt - auf jenen Mann, der seine Tochter E. 24 Jahre in seinem zum Verlies ausgebauten Keller gefangen hielt und den ausländische Medien "das Monster" oder "das Biest" nennen.

Die meisten der 23.000 Einwohner des Städtchens wollen das "Jahrhundertverbrechen" im "Haus des Grauens" so schnell wie möglich vergessen: "Den Fritzl interessiert hier keiner mehr" bekräftigt Pfarrer Peter Bösendorfer vor fragenden Journalisten, die in den vergangenen Tagen zum Hause Fritzls nach Amstetten gepilgert sind. Kein Wunder, denn der Ort, den vor dem 27. April 2008 außerhalb Österreichs vermutlich kaum jemand kannte, wurde von den Verbrechen Josef Fritzls schwer getroffen.

Vor allem im Ausland, so klagen die Amstettener, habe man die Stadt und ihren angeblichen "kleinbürgerlichen Mief" als Nährboden für Fritzls Gewalt bezeichnet. Das Londoner Boulevardblatt "Sun" brachte die Fritzl-Story sogar zusammen mit einem Bild Adolf Hitlers, der 1938 nach dem "Anschluss" in einem offenen Wagen stehend in die Stadt einfuhr. Eine italienische Tageszeitung wiederum sah etwa im rückständigen, ländlichen Katholizismus eine Ursache für die Gräueltaten des 73-Jährigen, vor dem sich selbst Nachbarn gefürchtet hätten.

Die Bevölkerung Amstettens fand schon unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Falles zusammen. Mit stillen Demonstrationen und Lichterketten protestierten die Bürger des Ortes, zeigten ihre Solidarität mit der 42-jährigen E. und ihren Kindern, die viele Jahre lang Unvorstellbares durchgemacht hatten.

In den vergangenen Monaten ist es ruhiger geworden in dem Städtchen. "Erst in den vergangenen Tagen sind wieder mehr Journalisten hierhergekommen", erzählt der Besitzer der Backstube Pramreiter - direkt neben dem Haus von Josef Fritzl gelegen. Natürlich kommen die Fremden zunächst in sein Café. Sie wollen wissen, wie es denn so war, Haus an Haus mit dem Monster zu leben, in dessen Keller die "hübsche E." eingeschlossen war? Nein, sagt der Besitzer, der seinen Namen nicht mehr nennen will, er selbst habe von dem Verbrechen nichts mitbekommen. "Und die anderen auch nicht", sagt er. Und: "Ja, die meisten hier wollen Fritzl vergessen." Genauso wie der Besitzer des Tätowierungs- und Piercing-Studios "Sweet Pain" (Süßer Schmerz) auf der anderen Straßenseite.

Andere Amstettener sind weniger offen, wenn es um das vergangene Jahr geht. So gibt Amstettens Bürgermeister Herbert Kratzengruber inzwischen keine Interviews mehr. Zu vieles und zu viele Halbwahrheiten wurden über "seine" Stadt verbreitet. Und so schickt Kratzengruber inzwischen auf Anfrage eine Presseerklärung heraus, in der er die Situation für Amstetten nach dem Fall Fritzl als "oft sehr belastend" bezeichnet. Und der Bürgermeister wiederholt einmal mehr: "Es gibt keinen 'Kriminalfall Amstetten', sondern es handelt sich hierbei um das Verbrechen eines Einzelnen, das sich - leider - überall ereignen kann!"

Dennoch, so betont Pfarrer Bösendorfer, habe der Inzest-Fall etwas bei der Bevölkerung bewirkt. "Eine erhöhte Sensibilität" hat der Geistliche bei den Menschen bemerkt. Die sei nun bei der Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit stärker zu spüren, glaubt Bösendorfer. "Es tut sich derzeit einiges, die Problematik wird aber sensibler wahrgenommen."

DPA DPA

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