Amstetten Zweiter Zugang ins Verlies entdeckt


Im Kellerverlies der Inzest-Opfer von Amstetten haben Ermittler einen weiteren Zugang entdeckt. Der Eingang war offenbar stillgelegt und mit zwei Türen gesichert. Unterdessen berichteten Ärzte der Opfer über deren ersten Tage in Freiheit und wie der Inzest-Vater Josef Fritzl sie im Verlies mit Vitaminpräparaten versorgte.

Der Inzest-Täter Josef Fritzl hatte zu dem Kellerverlies, in dem er seine Tochter festhielt, offenbar zwei Zugänge. Einer der Zugänge, der jetzt erst entdeckt wurde, sei mit zwei Türen gesichert gewesen und später offenbar stillgelegt worden, erklärte der Leiter des Landeskriminalamts Niederösterreich, Franz Polzer, auf einer Pressekonferenz. Insgesamt war das Verlies mit acht versperrbaren Türen gesichert, zusätzlich mit einer elektronischen Sicherung. Das Verlies habe Josef F. offenbar schon 1978 geplant, erklärte Polzer weiter. Damals seien Pläne für den L-förmigen Ausbau eingereicht worden.

Verzweigte Kellerräume

Seine Tochter Elisabeth, die er 1984 in dem Verlies eingesperrt hatte, war zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt. Die ersten Jahre verbrachte die eingesperrte Tochter in einem etwa 35 Quadratmeter großen Kernbereich unter dem Altbau, zu dem nun auch der verborgene Zugang entdeckt wurde. Als Kinder auf die Welt kamen, wurde es zunehmend eng, und der Verdächtige schuf Durchbrüche für die Erweiterungen. Der ursprüngliche Durchgang, erreichbar durch einen Technikschacht, dürfte nach Einschätzung der Polizei zunehmend schwerer zu öffnen gewesen sein, weshalb die vor eine Woche entdeckte Tür eingebaut wurde. Polzer verwies auf die verwinkelten Kellerräume, die mit Zylinderschlössern gesichert waren. Polzer sprach von regelrechten Schleusen.

Drei der Kinder, die im Inzest gezeugt wurden, mussten ihr ganzes Leben in den fensterlosen Kellerräumen verbringen, die übrigen drei hatte Fritzl im Laufe der Jahre ans Tageslicht gebracht und sie adoptiert oder in Pflege genommen. Fünf Kinder befinden sich zusammen mit ihrer Mutter und der Ehefrau Fritzls in psychologischer Betreuung. Die 19 Jahre alte Kerstin, das sechste Kind von Elisabeth, liegt nach wie vor auf der Intensivstation im Landeskrankenhaus Amstetten im künstlichen Koma.

Der gesundheitliche Zustand der Familienmitglieder, die zuletzt in dem Kellerverlies eingesperrt waren, bessere sich allmählich, sagte Berthold Kepplinger von der Landesklinik Amstetten-Mauer. In der psychiatrischen Klinik werden Elisabeth, fünf ihrer Kinder und Josef Fritzls Ehefrau Rosemarie behandelt. Elisabeth und ihre Kinder reagieren demnach nicht mehr so empfindlich auf Licht. Zudem bessere sich auch ihr Sinn für räumliche Orientierung, sagte Kepplinger. Vor allem das jüngste Kind, ein sechs Jahre alter Junge, mache größere Fortschritte. "Er wird immer lebendiger und fasziniert durch Witz und Kontaktfreudigkeit", sagte Kepplinger.

Auf Drängen seiner Tochter habe Josef Fritzl sie und die Kinder mit Vitamin-Präparaten und einer UV-Licht-Lampe versorgt. Damit wurden die Auswirkungen der jahrelangen Keller-Gefangenschaft möglicherweise gemindert. Um der Familie einen Neustart zu ermöglichen, sei ihr hermetisch abgeschirmter Bereich mit Dingen ausgestattet worden, die sie auch früher gehabt hätten. Dazu gehören laut Kepplinger ein Aquarium und auch Stofftiere für die Kinder. Alle sieben Familienmitgliedern lernten sich allmählich kennen. Es gelinge ihnen zunehmend, den Alltag selbst zu organisieren, und es gebe viele Gespräche untereinander.

Die Opfer von Fritzl werden von einem Team von 15 Ärzten und Pflegekräften betreut. Dabei werde zunächst vor allem der Tagesablauf im Kellerverlies berücksichtigt, sagte Kepplinger. Dort hätte die Mutter sich bemüht, den Kindern einen "regulären" Ablauf zu bieten. "Dabei hat sie Erstaunliches geleistet", sagte Kepplinger. Dennoch sei die Zeit der Gefangenschaft sehr langsam vergangen. "Diese Langsamkeit wollen wir auch erhalten", erklärte der ärztliche Direktor der Landesklinik Amstetten. So lege die Mutter täglich mehrere Ruhe- und Schlafpausen ein.

Wesentlich schlechter steht es um die 19 Jahre alte Kerstin. Ihr Zustand hat sich nach den Worten des Leiters der Landesklinik, Albert Reiter, zwar etwas gebessert. Aber auch wenn keine akute Lebensgefahr bestehe, sei ihr Zustand nach wie vor ernst, und sie liege im künstlichen Tiefschlaf. Es handele sich um ein sehr komplexes Krankheitsbild. Eine Prognose über die Dauer ihrer Genesung gebe es derzeit nicht. Kerstin solle optimale Möglichkeit zu einer vollständigen Genesung gegeben werden.

"Sie ist eine starke Frau"

Auch der Anwalt von Elisabeth F. hatte sich zuvor positiv zum Zustand seiner Mandantin und der fünf Kinder geäußert. Diese "finden jetzt zueinander". Das berichtete Christoph Herbst im österreichischen ORF-Fernsehen. "Es ist recht erfreulich, wie es ihnen geht", sagte er. Herbst nannte Elisabeth, die von ihrem inzwischen inhaftierten Vater seit dem elften Lebensjahr sexuell missbraucht worden war, "bewundernswert". "Sie ist eine sehr starke Frau", betonte der Anwalt. Dagegen warnte die Wiener Psychologin und Spezialistin für posttraumatische Belastungsstörungen, Brigitte Lueger-Schuster, davor, voreilige Schlüsse aus dem heutigen Verhalten der Betroffenen zu ziehen. Opfer derartiger Verbrechen würden oft zunächst einen "Honeymoon" erleben. Erst danach könnten sie Stück für Stück das Erlebte aufarbeiten.

Fritzl selbst, der die Taten weitgehend gestanden hat, sitzt seit einigen Tagen in einem Gefängnis in St. Pölten in Untersuchungshaft. Sein Anwalt hatte die Zurechnungsfähigkeit seines Mandanten in Zweifel gezogen. "Da muss eine Störung vorliegen, sonst würde jemand so etwas nicht machen", sagte Strafverteidiger Rudolf Mayer in einem Interview von Reuters-TV. "Ist diese Störung so groß, dass er nicht zurechnungsfähig und nicht verantwortlich für seine Taten ist?"

Der 73-jährige Fritzl hat im Polizeiverhör die ihm vorgeworfenen Taten weitgehend gestanden. Mayer bestätigte, dass Fritzl Ende der 1960er Jahre wegen Vergewaltigung verurteilt worden war. "Diese Verurteilung scheint derzeit nicht in den Akten auf, aber es stimmt, dass sie in den Archiven gefunden wurde", sagte er. Nach österreichischem Recht gilt eine Straftat nach spätestens 15 Jahren als getilgt und ist danach im Strafregister nicht mehr einsehbar. Aus diesem Grund dürften die Behörden von der Vergewaltigung zum Zeitpunkt des Verschwindens von Elisabeth im Jahr 1984 nicht gewusst haben. Die Straftat fiel deshalb auch nicht auf, als die Behörden Fritzl drei der Kinder seiner Tochter als Adoptiv- und Pflegekinder anvertrauten.

mta/dpa/AP/Reuters AP Reuters

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