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Anders Behring Breivik: Ein normal verkorkstes Elternhaus

Die Eltern geschieden und wieder verheiratet: Anders Behring Breivik wuchs wie viele Kinder auf, doch er wurde zum Massenmörder. Sein Vater wünscht sich, sein Sohn hätte sich besser umgebracht.

Von Niels Kruse

Die leibliche Mutter eine moderate Feministin, seine Stiefmutter ebenfalls, der Vater stand den Sozialdemokraten nahe und diente dem Staat als Diplomat, der Stiefvater war Major bei der norwegischen Armee, Anders Behring Breivik bezeichnet ihn als konservativ. Ein Jahr war der Attentäter von Oslo und Utøya alt, als sich sein Eltern Wenche Behring und Jens Breivik 1980 scheiden ließen - nichts Ungewöhnliches für eine gutsituierte bürgerliche Familie, vor allem nicht in einem Land wie Norwegen. Und doch scheint diese Patchwork-Familie, wie sie millionenfach vorkommen, bei dem Jungen Spuren hinterlassen zu haben.

Sein Manifest, ein 1500-Seiten-Konvulut aus Tagebucheinträgen, historischen Exkursionen, soziologischen Befunden und Interviews mit sich selbst, gibt natürlich nicht erschöpfend Auskunft über eine wie auch immer "verkorkste" Jugend, aber viele Hinweise darauf, dass der skandinavische Liberalismus norwegischer Prägung auch seine Kehrseiten hervorbringt: Weit mehr als 100 Mal kommen darin die Wörter "Vater" und "Feminismus" vor. Er lamentiert über die Verweichlichung des Mannes zu einer "gefühligen Unterart", beklagt das Einknicken der ganzen Gesellschaft vor der "radikalfeministischen Agenda" und schreibt über die Vorbildrolle des Vaters, die sich "heutzutage darin erschöpft, dem Sohn Rasieren und Schlipsbinden beizubringen". Auch obwohl er eine privilegierte und unbeschwerte Kindheit verbracht habe, habe er doch "zu viele Freiheiten genossen", schreibt Behring Breivik an einer Stelle.

Gutes Verhältnis zu Mutter und den Schwestern

Obwohl er das Fehlen einer strengen Erziehung offensichtlich als Manko empfand, pflegte er nach eigener Auskunft bis zuletzt ein gutes Verhältnis sowohl zu seiner leiblichen Mutter als auch zu seinen Stiefgeschwistern: "Meine Halbschwestern treffe ich mehrmals im Jahr. Den häufigsten Kontakt habe ich zu Elisabeth, die vor 14 Jahren nach Los Angeles gezogen ist. Mit ihr telefoniere ich einmal im Monat." Nur die Beziehung zu seinem leiblichen Vater Jens scheint in den vergangenen Jahren abgekühlt zu sein. Seit Anders 15 Jahre alt ist, habe er nicht mehr mit ihm gesprochen, zu dem Zeitpunkt "hatte er sich selbst isoliert ", bemerkt der Attentäter. "Er (Vater Jens, d. Red.) kann nicht gut mit Menschen. Vor fünf Jahren habe ich versucht, ihn zu kontaktieren, doch er war geistig und gesundheitlich nicht in der Lage für eine Wiedervereinigung."

Der Vater, der als Diplomat in London und in Paris gearbeitet hatte, lebt mittlerweile in Cournanel, im Süden Frankreichs. Nachdem bekannt wurde, dass sein Sohn zum Massenmörder geworden war, wurde das Haus des Pensionärs von Medien belagert. Mittlerweile wird das Anwesen von der Gendarmerie bewacht, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. In einer E-Mail schrieb er zu den Ereignissen in seiner fernen Heimat: "Ich fühle große Trauer und Entsetzen über das, was geschehen ist. Ich komme über den Schock der wahnsinnigen Taten von Anders nicht hinweg, mit dem ich seit 1995 keinen Kontakt mehr hatte. Für mich ist unbegreiflich, dass so etwas geschehen konnte."

In einem Fernsehinterview sagte Jens Breivik auf die Frage, ob sein Sohn möglicherweise psychisch gestört sein könnte: "Ja, anders kann ich mir sein Verhalten nicht erklären." Kontakt möchte er zu dem 32-Jährigen nicht mehr haben, so der Vater weiter, und dann lässt er einen Satz folgen, der die tiefe Traurigkeit von Breivik Senior offenbart: "In meinen dunkelsten Momenten denke ich, Anders hätte sich selbst umbringen sollen, statt all diese Leute."

Der Vater lebte "unsichtbar" in Südfrankreich

Vater Breivik und seine Frau Tove haben in der 600-Einwohner-Gemeinde offenbar ein zurückgezogenes Leben geführt: Ortsbewohner sagten, das Paar sei ihnen kaum bekannt gewesen: "Sie waren mehr als unauffällig, sie waren unsichtbar", wird der Bürgermeister Alain Costes in der Nachrichtenagentur AFP zitiert. "Ich weiß, dass die Norweger ein Haus in der Straße gekauft haben, aber ich kenne sie nicht", sagte eine in der Nachbarschaft wohnende alte Frau. Um den Rummel zu entgehen, soll das Rentnerpaar mittlerweile nach Spanien gereist sein.

Über seinen Sohn sagte Breivik, dass er in seiner Jugend verschlossen, aber politisch nicht interessiert gewesen sei. Von den grausamen Attentaten habe er nur über das Internet erfahren, sagte Breivik Senior der norwegischen Boulevardzeitung "Verden Gang". Stiefmutter Tove widerspricht allerdings der Darstellung ihres Stiefkindes, er habe die beiden bis 1995 regelmäßig besucht: "Ich habe ihn noch nie gesehen", sagte sie.

"Meine Mutter wurde mit Genitalherpes infiziert"

Die Nachbarn in Oslo, wo Breivik aufwuchs, beschreiben ihn und seine 60-jährige Mutter Wenche gewöhnliche nette Nachbarn. In seinem Manifest bekommt sie zwar nicht annährend so viel Raum eingeräumt, wie dem abwesenden Vater, dafür aber erwähnt er unappetitliche Details aus ihrem Intimleben: "Meine Mutter wurde von meinem Stiefvater mit Genitalherpes infiziert, da war sie 48 Jahre alt. Er hatte mehr als 500 Sexualpartner, von denen sie auch wusste, aber sie ignorierte es einfach - auch aus moralischen Gründen." Aus seinem Manifest wird an vielen Stellen deutlich, dass er die angeblich so lockere Sexualmoral dieser Zeit rundweg ablehnt - und fordert deswegen eine "Sexualerziehung, wie sie in den 50er und 60er Jahren üblich war, und dass Europa wieder zum Patriarchat werden müsse. Natürlich.

Wie der Mann wirklich tickt, ob und welche Rolle die Familienverhältnisse spielen, in der der 32-Jährige aufgewachsen ist, wird sich in den nächsten Wochen herausstellen, wenn ihn ein Psychiater auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht. Mehr als 30 Tage wird Breivik in vollständiger Isolation verbringen müssen, er darf weder Besuch empfangen noch Briefe schreiben oder erhalten - auch seine Eltern nicht.

mit AFP/DPA / DPA