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André H. vor Berliner Gericht: Psychogramm eines Autozündlers

Er hat gestanden, mehr als 100 Autos angezündet zu haben - "aus Frust". Niemand ahnte, was André H., ein gläubiger Mormone, nachts trieb. Jetzt wird dem 28-Jährigen der Prozess gemacht.

Von Werner Mathes

Der Mann, der im Sommer vergangenen Jahres die Hauptstadt in Atem gehalten hatte, gilt als vorbildlicher Häftling. Die Wärter der Berliner Justizvollzugsanstalt Moabit schätzen ihn, und auch bei seinen Mitgefangenen ist André H. beliebt. Seit 20 Wochen schon sitzt er nun hinter Gittern, wo er auch seinen 28. Geburtstag verbrachte, in einer Einzelzelle mit Fernseher und Radio.

Seine 34-jährige Schwester Susann war gekommen, um ihm zu gratulieren, und Michael M., Ratgeber des Bischofs der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" in Berlin-Tiergarten. Denn der Glaubensgemeinschaft der Mormonen gehört André H. seit über vier Jahren an – bis zu seiner Festnahme am 21. Oktober vergangenen Jahres war er Gemeindemissionsleiter in der Kirche an der Klingelhöferstraße, unweit der CDU-Parteizentrale.

Auf seine Mutter jedoch wartete er vergebens. Eva-Maria H. war kurz vor Weihnachten noch nicht in der Lage gewesen, ihrem Sohn in die Augen zu sehen, ihn in die Arme zu nehmen. "Das hab ich da noch nicht gepackt", sagt sie. Sie erinnert sich noch gut an den 21. Oktober, als sie ihn abholten. An jenem Freitag habe es gegen 11.30 Uhr Sturm geklingelt. "André schlief noch", sagt die Mutter, "weil er erst gegen vier Uhr nachts von der Spätschicht kam." Er hatte über eine Zeitarbeitsfirma gerade einen Job in der Küche eines Hotels im Berliner Bezirk Mitte gefunden. Vor der Tür der kleinen Wohnung des Mietshauses in Moabit standen drei Beamte des Landeskriminalamts, die André H. zur Vernehmung mitnehmen wollten. Seine besorgte Mutter fragte, worum es überhaupt gehe. Um diese Autobrandstiftungen, antwortete einer der Kriminalpolizisten. "Ich dachte: Okay, das kann nur eine Verwechslung sein."

650 Polizisten im Einsatz

André H. stand auf und zog sich schweigend an. "Dann ist er mitgegangen, ganz ruhig." Und kam nicht wieder zurück in die Wohnung mit den zweieinhalb Zimmern, die er sich mit seiner kranken Mutter und der behinderten Schwester teilte.

Denn es war keine Verwechslung. Bei Mineralwasser und Keksen gestand er, in den Nächten zwischen dem 7. Juni und dem 27. August insgesamt 67 Autos in Brand gesetzt und dadurch 35 weitere beschädigt zu haben – "aus Frust", wie er sagte.

Wochenlang waren im vergangenen Sommer bis zu 650 Polizisten im Einsatz gewesen, um einen Spuk zu beenden, der die Stadt an den Rand eines Ausnahmezustands gebracht hatte: Nacht für Nacht standen meist hochwertige Fahrzeuge in Flammen, bis zur Festnahme des Serientäter André H. weit über 700, die ausbrannten oder angekokelt wurden. Tag für Tag berichteten die Medien über neue Brandstiftungen, die zeitweise sogar den Berliner Wahlkampf bestimmten.

Auf die Spur von André H. war die Ermittlungsgruppe "Feuerschein" in der Nacht zum 23. August gekommen, als in Spandau-Haselhorst innerhalb von nur wenigen Minuten vier Autos – ein BMW, ein Mercedes und zwei Audi – angezündet worden waren. Bei der Auswertung von Aufnahmen, die eine Überwachungskamera am U-Bahnhof Haselhorst geliefert hatte, fiel den Polizisten ein hagerer junger Mann mit O-Beinen auf. Der hatte kurz vor dem ersten Brand den Bahnsteig verlassen und ihn nach dem letzten wieder betreten. Ein paar Tage später erkannten Zivilbeamte der Bundespolizei den Verdächtigen an seinen auffälligen O-Beinen wieder – zufällig an einem anderen Ort im Stadtgebiet und observierten ihn so lange, bis er als André H. identifiziert werden konnte

Vater schlug zu

"André war immer ein pflegeleichtes Kind gewesen", sagt seine Mutter, "ich habe nie Probleme mit ihm gehabt." Er sei ein "Papakind" gewesen, sehr fixiert auf seinen Vater, mit dem Eva-Maria H. damals in Charlottenburg zusammenlebte. Der kümmerte sich anfangs noch liebevoll um seinen Sohn, "später aber nicht mehr". Das Kind durfte nicht aufstehen, bevor es nicht aufgegessen hatte, bekam sogar Schläge, "mit drei oder vier".

Irgendwann, erzählt die Mutter, eine Friseurmeisterin, sei sie von ihrem Salon nach Hause gekommen, "da war sein Zimmer dunkel". Die ältere Tochter, Kind eines anderen Mannes, teilte ihr verängstigt mit, der Vater habe André wutentbrannt "ins Bett gehauen" und die Gardinen zugezogen. "Der war sehr jähzornig", sagt Eva-Maria H., die sich von ihrem gewalttätigen Freund schließlich trennte, als er den Laufstall des kleinen André kurz und klein geschlagen hatte.

Sie entschloss sich, mit ihrem fünfjährigen Sohn für ein paar Tage nach Österreich zu fahren. "Wenn wir zurück kommen, bist du weg", hatte sie ihrem Ex noch gesagt. Der weigerte sich aber, die Wohnung zu verlassen. "Dann hab ich ihm einfach die Koffer gepackt und sie vor die Tür gestellt." Seitdem hat sie ihn nicht wieder gesehen, auch der Kontakt zu André riss ab. "Das hat den Kleinen damals sehr getroffen", sagt die Mutter, "das hab ich gemerkt."

Erst vor ein paar Jahren sah André seinen Vater wieder, der nach der Trennung zu seinen Eltern ins bayerische Hof gezogen war. "Wir waren ein paar Tage in der Nähe von Hof in einer Pension", sagt Eva-Maria H., der Großvater hatte den Besuch angeregt. Als sich André dann mit seinem Opa traf, begegnete er auch seinem Vater. "Ich fragte ihn gleich: Wie war´s? Und er sagte: Irgendwie ist der für mich wie ein Fremder." Auf die Frage, ob sie sich noch mal verabredet hätten, antwortete André: "Nein, er hat keine Zeit mehr für mich." Das habe ihn innerlich tief bewegt.

Lesen Sie auf der zweiten Seite wie André H. aufwuchs - und warum ihm bis zu zehn Jahre Haft drohen

Der Opa stirbt

Schon als Kind war André H. eher schweigsam, "hat immer alles mit sich selbst abgemacht". Der sensible Junge besuchte die Charlottenburger Eosander-Schinkel-Grundschule und die Peter-Jordan-Schule bis zur 10. Klasse. "Es gab nie Schwierigkeiten mit ihm", sagt seine Mutter, die damals als Elternsprecherin Kontakt zu seinen Lehrern hielt. Er machte seine Hausaufgaben selbst, prügelte sich nicht mit anderen Schülern, wurde als Klassenkamerad akzeptiert. Noch heute hat er die große Schildkröte aus Stoff, die ihm seine Mama schenkte, als er sieben war.

Nach seinem Schulabschluss ließ er sich im Jugendaufbauwerk Spandau zum Maler und Lackierer ausbilden, konnte in diesem Beruf allerdings wegen seiner Rückenprobleme nicht arbeiten. "Manch-mal", sagt die Mutter, "war es ihm nicht mehr möglich, seine Schnürsenkel zu binden." Er wollte umsatteln, suchte einen Job im Hotelgewerbe, schrieb Bewerbung um Bewerbung – jahrelang, vergebens. Absolvierte Praktika bei Bauhaus und bei Schlecker, wo er mal eine Frau erwischte, die sich heimlich einen Lippenstift einsteckte. "Darauf war er ganz stolz."

Dann machte er seinen Kassenschein, weil er sich für eine Anstellung als Kassierer in einem Supermarkt bewerben wollte. "Aber seine Mappen kamen regelmäßig wieder zurück", sagt seine Mutter, "und da hab ich immer gesagt: Hab Geduld, André, irgendwann klappt es."

Als vor vier Jahren nach seiner Großmutter auch sein geliebter Großvater starb, war André tief-traurig. "Sein Opa war zu einer Art Vater-Ersatz geworden", sagt Eva-Maria H., "er kümmerte sich um ihn, ging mit André regelmäßig in eine Sporthalle, wo der Junge den Grünen und den Gelben Gürtel in Taekwondo machte." Und er war besorgt, weil André so wenig über sich erzählte. "Wie sieht´s in ihm wirklich aus?", fragte er einmal. Keiner wusste es. Keiner ahnte, was ihn umtrieb. Im Berliner Bezirk Westend, an der Reußallee, wo seine Großeltern gewohnt hatten, fackelte André H. am 16. August insgesamt zwölf Autos ab.

Eine Freundin hatte er nie

Nach dem Tod von Opa und Oma war er von zwei Missionaren der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" auf der Straße angesprochen worden. Danach kam es zu mehreren Treffen, "auch hier bei uns". André H., der nicht raucht und nicht trinkt, engagierte sich in der Mormonen-Gemeinde, kochte für die Gläubigen, spielte dort Volleyball und Fußball, half bei Umzügen und Renovierungen. Als Gemeindemissionsleiter durfte er sogar, ganz in weiß, Erwachsene taufen.

Zu Hause bewohnte er ein größeres Zimmer, seine Schwester Susann das Wohnzimmer, die Mutter das kleine. "Wir kamen wunderbar zusammen aus", sagt Eva-Maria H., "er wusch seine Sachen selbst, bügelte und nähte sogar Knöpfe an." Auch um Susann habe er sich rührend gekümmert. Die Schwester, die als Schneiderin in einer Werkstatt für Behinderte arbeitet, war eines Morgens aufgewacht und hatte den Kopf nicht mehr bewegen können – Torticollis, auch Schiefhals genannt, eine neurologische Erkrankung, bei der es zu einer Fehlhaltung des Kopfes kommt.

Eine Freundin hatte André H. wohl nie, "da war er einfach zu gehemmt, zu schüchtern", sagt seine Mutter. Nur mit Freunden aus der Kirche traf er sich manchmal. Schwul sei er aber sicherlich nicht, weil er als Jugendlicher oft Herrenmagazine wie "Playboy" unterm Bett versteckt hatte. Einmal fand die Mutter auch einen Brief, der von einem Dr. Sommer unterzeichnet war – da hatte der Teenager offenbar an "Bravo" geschrieben und seine Nöte geschildert – "dass er sich so allein fühlt und gern eine nette Freundin haben möchte, die ihn umsorgt und mit der er sich versteht, für die er Verantwortung übernehmen will". Seine Mutter kann sich vorstellen, dass er ein Familienmensch werden wollte, ganz bürgerlich mit Frau und Kindern: "Er hat das nie gesagt, aber ich weiß es." Zuletzt hatte er Schulden, rund 1000 Euro - unbezahlte Handy-Rechnungen vor allem und ausstehende Zahlungen an seinen Zahnarzt.

Taten bereut

Gelesen hat er nur Zeitungen, kaum Romane, saß nur selten vorm Fernseher. Dafür fuhr er Fahrrad, kilometerweit und stundenlang. Mit dem Rad, das 20 Gänge hat und nach seiner Festnahme beschlagnahmt wurde, rückte er häufig auch nachts aus, wenn er nicht mit U- oder S-Bahn unterwegs war. Unterwegs mit Grillanzündern, die er sich für 99 Cent in einem Su-permarkt gekauft hatte.

Seine Brandstiftungen stellte André H. erst dann ein, als er Arbeit in einer vom Jobcenter geförderten Einrichtung fand, wo er junge Malerlehrlinge anleitete. Die Zeitarbeitsfirma, bei der er angestellt war, konnte ihn schnell an ein Hotel vermitteln, das ihn übernehmen wollte. "Das hat er sich jetzt verbaut", sagt seine Mutter, "er hat sich seine Zukunft kaputt gemacht."

Wohl gründlich. Weil er einmal ein Auto in einem Carport angezündet hatte, wodurch erst die Überdachung des Abstellplatzes und schließlich der Dachstuhl eines Wohnhauses in Flammen aufgegangen waren, wirft ihm die Staatsanwaltschaft auch schwere Brandstiftung vor. Dafür kann er mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden.

André H. sagt, dass er sich für seine Taten schäme, sie zutiefst bereue. Seine Mutter fragt sich immer wieder: "Hab ich wirklich genau hingeguckt?" Und findet keine Antwort: "Ich habe feine Antennen, merke schon, wenn sich eines meiner Kinder verändert. Aber da war nichts."

Einmal habe sie ihren Sohn darauf angesprochen. "Ich sagte: Wenn jemand Probleme hat, kann er doch nicht einfach Autos anstecken." Und da habe er erwidert: "Manche Leute sind halt nicht so ruhig wie wir, Mama, die nehmen das nicht so gelassen hin wie wir."

Ab diesem Freitag muss sich André H. vor Gericht verantworten.