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Angeblicher Serienkiller: Die Mörder-Posse von Weiskirchen

Es gab Bekennerschreiben. Die Polizei jagte einen vermeintlichen Serienmörder, einen alten Mann. Im Saarland wurde deshalb sogar der größte Massen-Gentest der Geschichte des Bundeslandes durchgeführt. Nun verriet sich der vermeintliche Mörder, wurde gefasst - und offenbarte eine ganz neue Wahrheit.

Von Gerald Drissner

An einem Dienstag im November, kurz vor Mittag, klingelt der Briefträger an der grünen Eingangstür der Polizeistation in Weiskirchen und bittet, kurz reinkommen zu dürfen. "Ich habe heute eine Postkarte zugestellt", sagt der Briefträger, "da war mir nicht ganz wohl dabei". Er habe die Schrift schon mal gesehen, auf dem Fahndungsplakat, das hier überall hängt. Werner Adams leitet die Dienststelle in der einwohnerärmsten Gemeinde des Saarlandes. Er ist ein erfahrener und gewissenhafter Beamter, der seit 1976 bei der Polizei arbeitet. "Ich kann mal zu dene Leut' fahre und nach der Postkarte schauen."

Nun wurde der 34-Jährige festgenommen

Acht Tage später, am Mittwoch der vergangenen Woche, nimmt die Polizei in einer psychiatrischen Klinik in Bayern einen 34-jährigen Mann fest. Es ist der Schlussakt eines Kriminalfalls, der mit der Festnahme von Deutschlands größtem Serienmörder enden sollte - aber nicht geendet hat, der nun zur Posse wurde und nur durch einen Zufall zu lösen war, weil ein Dorfpolizist eine Postkarte sicherstellte. Nach einem alten Mann war gefahndet worden, der sieben anonyme Briefe an die Polizei geschickt hatte, in denen er dreizehn ungeklärte Morde gestanden und gedroht hatte, DJ Ötzi "abzuknallen".

So glaubwürdig hatte der Mann geschrieben, dass Experten von BKA und LKA, Profiler und Psychologen, annahmen, der Schreiber sei mit hoher Wahrscheinlichkeit der Mörder. So spektakulär und einmalig, dass 5000 Rentner eine Speichelprobe abgeben sollten und eine französische Starreporterin von einer Recherche in Afghanistan ins Saarland beordert wurde, um über "Europas größten DNA-Massentest" zu schreiben. Ein Fall, der beinahe in die Kriminalgeschichte eingegangen wäre. Und der dort endet, wo er begann: in der saarländischen Provinz.

In Weiskirchen passiert nicht viel

Weiskirchen ist ein "heilklimatischer Kurort", der so weit am Rande der Republik liegt, dass jahraus, jahrein nicht viel mehr passiert, als dass einmal im Monat, sonntags um zehn, zum Kurkonzert geladen wird. Die nächste Disko ist zwanzig Kilometer weit weg und wer was erleben möchte, der muss in den Nachbarort fahren, zum "Stausee mit vielen Freizeitmöglichkeiten". Wenn hier mal jemand was Unrechtes tut, dann stiehlt er Blumen von der Parkanlage, wie neulich, vor Allerheiligen.

Vier Gehminuten vom Rathaus, in der Mattheiser Straße, wächst Mario W. auf, ein schlanker, großgewachsener Junge. Er hat ein Zimmer im orangefarbenen Haus der Eltern, aus dem er nie auszog. Der Vater ist gelernter Schneider, die Mutter war bei der Post, das Arbeitsleben haben sie heute hinter sich. Mario W. macht nach der Schule eine Ausbildung bei einem Rechtsanwalt, aber mit einem Job will das nie so recht klappen. Stattdessen sieht man ihn im Dorf, wie er stundenlang spazieren geht und dabei nur auf die Füße schaut.

Auch mit der Liebe kommt er nicht voran. Er sucht im Internet nach einer Freundin: "Einzelkind, ledig, keine Kinder, noch zu haben. Ich suche auf diesem Wege ein weibliches Wesen, das alle Wege mit mir gemeinsam geht". Manchmal wird er wochenlang nicht im Dorf gesehen. Die Eltern erzählen dann, "der ist auf der Schule", und die Leute im Dorf erzählen, "der Junge sei wieder in Behandlung. Der wird mit dem Alleinsein nicht fertig".

Verrückt nach "Ich heirate eine Familie"

In diesem Flecken deutscher Provinz weiß Mario W. nicht viel mehr anzufangen, als manisch Dinge zu sammeln. Er kennt jede TV-Folge von "Ich heirate eine Familie", "nach der er verrückt" sei, wie er in einem Internetforum schreibt. Er archiviert die Geburtsdaten der Schauspieler, Drehorte, er weiß, seit wann Peter Weck graue Haare hat. Er wird Mitglied in einem Krimi-Club, verpasst keinen "Tatort" und führt über jede Folge Statistiken. Er fährt mehrere hundert Kilometer weit zu Treffen, bei denen "Aktenzeichen XY"-Folgen getauscht werden und schafft es tatsächlich, sämtliche Sendungen mit Eduard Zimmermann zu haben. Er prahlt im Internet, dass er mehr als 1000 Videokassetten besitze und mehrere hundert DVDs.

In Weiskirchen passiert in all den Jahren nicht viel. Der Bürgermeister freut sich über die steigenden Übernachtungszahlen und ist stolz auf die prominenten Gäste. Michael Ballack soll in seinem Ort den Vertrag mit Chelsea unterschrieben haben. Und der ehemalige Schachweltmeister Vladimir Kramnik war da, logierte wochenlang im Hotel und analysierte Stellungen. Zu Hause, in seinem Zimmer, beginnt Mario W., sich in eine neue Welt zu träumen. Er lehnt sich in seinen Stuhl zurück und schließt die Augen. Den Polizisten wird er später erzählen, er habe sich plötzlich wie in einem Film gefühlt, in dem er eine Rolle übernahm, die Rolle eines Mörders.

Er sucht nach ungeklärten Morden, sammelt Geschichten aus Illustrierten und aus Amtsblättern. Er sucht nach Gemeinsamkeiten, den kleinen Details, die die Polizei später glauben lassen, es handle sich um einen Serienmörder. Er phantasiert und erträumt sich Täterwissen. Stellt sich in Gedanken vor, wie er in die Augen einer Frau blickt, als er ihr den Hals zudrückt, wie er den Beamten später erzählen wird. Er malt sich aus, wie er bei einer Prostituierten übernachtet, es Sex und Alkohol gibt und er sich dann mit ihr streitet, sie erschlägt, auf sie einsticht und auf ihr einschläft. Mario W. bastelt an einer Legende. Er ist nun der alte und kranke Mann, er stellt sich vor, dass er früher viel rum kam im Land, bei einer Spedition gearbeitet hat und einen Opel Diplomat fuhr. Er trainiert sich drei verschiedene Handschriften an, so lange, bis er sie flüssig schreiben kann. Im November 2005 beschließt er, ein Spiel mit der Polizei zu beginnen. Er schreibt seinen ersten Brief.

Die "EG Brief" wird gegründet

Einen Monat später berichtet die Lokalpresse, dass der Polizei in Nürnberg ein anonymes Schreiben vorliege. Es gehe um einen ungeklärten Mord. In dem Brief stünden bisher nicht veröffentlichte Details über die Brutalität des Mörders. In den folgenden drei Jahren bekommen auch Dienststellen in Kaiserlautern, Nürnberg und Bielefeld Briefe, das LKA im Saarland und das BKA. Die Soko "EG Brief" wird gegründet, bis zu dreißig Beamten suchen sich durch alte Mordakten, lassen graphologische, soziologische und psychologische Gutachten erstellen. Die Profiler des LKA Nordrhein-Westfalen kommen zum Schluss, dass der Autor "unbedingt ernst zu nehmen" sei. Mario W. schafft es mit seinen Briefen zwei Mal in die Sendung "Aktenzeichen XY", im August 2007 und ein Jahr später, im Mai. Die "Bild-Zeitung" nennt ihn "Deutschlands ältesten Serienmörder".

Während die Polizei bundesweit ermittelt, regt sich Mario W. zu Hause über die "Weiskircher Wies'n" auf, ein Zeltfest am Kurparksee. Er schickt dem Bürgermeister einen anonymen Drohbrief, weil er nicht will, dass DJ Ötzi ins Dorf kommt, der werde "abgeknallt". Der Bürgermeister bringt den Brief zur Polizei. Die Beamten finden DNA-Material, das zu den anderen Briefen passt. Sie wissen nun, dass sie in Weiskirchen suchen müssen.

Wer fuhr früher einen Opel Diplomat?

An den Stammtischen im Ort erinnern sich die Leute plötzlich, wer ein "Zugezogener" ist und wer früher einen Opel Diplomat fuhr, den Wagen, den der Serienmörder in den sechziger Jahren gefahren haben will. Kinder fragen ihren Opa, "ob er ins Kittchen müsse". Das Amtsgericht Detmold beschließt im November 2008 den größten Massen-Gentest des Saarlandes, der mehr als 100.000 Euro kosten wird. Das Fernsehen fährt mit Satellitenübertragungswagen in die Kurregion, und die Presse berichtet, wie der Kreisbrandinspektor i. R. und der Alt-Bürgermeister ihre Speichelprobe abgeben.

Mario W., der es geschafft hat, einen riesigen Polizeiapparat zu narren, schafft es immer weniger, mit seinem Leben klarzukommen. Im Internet unterhält er sich über Selbstmord, an den er "in Gedanken sehr oft, fast jeden Tag" denke. Er nehme Betablocker und Schlaftabletten, er habe "haufenweise Ärzte durch". Anfang November fährt Mario W. nach Bayern, um sich in einer Klinik behandeln zu lassen. Er schreibt seinem Opa in Weiskirchen eine Postkarte.

Die sonderbare Postkarte

An einem Dienstag im November, um kurz vor Mittag, klingelt der Briefträger bei der Polizeistation in Weiskirchen und erzählt von jener sonderbaren Postkarte. Kommissar Werner Adams fährt zu Marios Opa, holt die Postkarte, kopiert sie und faxt sie weiter. Mario W. wird in der Klinik vernommen, er gibt zu, die Briefe geschrieben zu haben. Es sei der Wunsch nach Aufmerksamkeit gewesen, vermuten die Ärzte.

Der Bürgermeister ist froh, dass endlich wieder Ruhe im Dorf ist. Er will den Briefträger und den Dorfpolizisten öffentlich belobigen, ihnen ein paar Flaschen Wein schenken und einen Bericht im Amtsblatt veröffentlichen.