Angelina-Urteil Boxeinlagen im Gerichtssaal


Begleitet von Tumulten ist der Mörder von Angelina aus Hamburg zu einer Jugendstrafe von acht Jahren verurteilt worden. "Wir fühlen uns richtig gut", sagten Angelinas Mutter und ihr Freund nach dem Angriff auf den Angeklagten.

Die Schmerzensschreie sind vor dem Gerichtssaal deutlich zu hören. "Jetzt dreht Nora durch!", ruft eine der Wartenden und stürmt los. Hinter der Tür zum Saal 378 des Landgerichts Hamburg haben die Richter den Mörder der kleinen Angelina gerade unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu acht Jahren Jugendstrafe und Einweisung in eine Psychiatrie verurteilt, als im Saal und auf dem Flur der Tumult losbricht.

Angelinas Mutter Nora und ihr Lebensgefährte stürzen sich drinnen auf den 17-jährigen Täter und traktieren ihn mit den Fäusten. Wachleute haben Mühe, den blutenden Jugendlichen in Sicherheit zu bringen. Von draußen versuchen Freundinnen der Mutter vorbei an dem stämmigen Wachmeister den Saal zu stürmen. "Ich wollte einfach rein", meint eine später. Pressefotografen und Kameraleute drängen an die Absperrgitter. Minutenlang herrscht Chaos, dann haben die Justizbeamten die Lage wieder im Griff.

Wie siegreiche Boxer vor die Kameras

"Wir fühlen uns richtig gut danach", sagen Angelinas Mutter und ihr Freund nach dem Angriff auf den Angeklagten, der die siebenjährige Angelina im Oktober 2004 vergewaltigte, erdrosselte und ihre Leiche in einen Pappkarton versteckte. Mit stolz erhobenen Fäusten, wie siegreiche Boxer, posieren sie vor den Kameras. Angelina habe wahnsinnig gelitten, das habe der Bericht des Gerichtsmediziners gezeigt.

Angelinas Mörder übersteht die Attacke im Gerichtssaal mit einer dicken Nase, einigen Gesichtsverletzungen, verlorenen Haarbüscheln und einem geschwollenen Handgelenk. Eigentlich hätten sie dem Jungen noch mehr antun wollen, sagen die Mutter, die auf dem Weg zum Prozess immer sehr gefasst gewirkt hatte, und ihr Freund. Es sei eine spontane Entscheidung gewesen.

"Für mich war das eine vorbereitete Sache", sagt der Verteidiger des Jungen, Bernd O. Weber. "Es war das absolute Grauen." Der Anwalt der Mutter, Rudolf von Bracken, widerspricht: "Sie ist einfach explodiert." Er wird nicht müde zu fordern, dass endlich auch in Jugendstrafverfahren eine Nebenklage zugelassen wird. "Die Mutter war ja ausgeschlossen, dabei ist sie das überlebende Opfer eines Mordes", sagt von Bracken.

"Schwere seelische Persönlichkeitsstörung"

Das Urteil sei in Ordnung, sagt er. Auch Verteidiger Weber sieht das so, vor allem die Einweisung in die Psychiatrie sei gut. Ein Sachverständiger hatte dem Jungen "eine schwere seelische Persönlichkeitsstörung" bescheinigt. Nicht nur das Gericht ist der Meinung, dass der 17-Jährige wieder eine ähnliche Tat begehen könnte. "Er ist ein lebendes Pulverfass", sagt sein Verteidiger.

"Wir haben mit sehr viel weniger gerechnet", freut sich eine Freundin der Mutter. "Wir hoffen, dass er nie wieder rauskommt." Der Großvater von Angelina ist unzufrieden. Acht Jahre für den Mord an seiner Enkeltochter seien zu wenig. "Verzeihen kann man so was nicht", fügt er hinzu.

Kai Portmann/DPA DPA

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