HOME

Anklage gegen John Demjanjuk: Machte die Not ihn zum Mordgehilfen der SS?

Die Staatsanwaltschaft München hat Anklage gegen den 89-jährigen John Demjanjuk erhoben. Ihm wird vorgeworfen, am Mord von 27.900 Juden im Vernichtungslager Sobibor beteiligt gewesen zu sein. Die Richter müssen klären, ob die schiere Not Demjanjuk zum Nazi-Schergen werden ließ.

Von Kerstin Schneider

Über 30 Jahre lang haben die Justizbehörden in den USA und Israel versucht, John Demjanjuk als Mordgehilfen der SS dingfest zu machen. Nun wird der 89-Jährige voraussichtlich in Deutschland vor Gericht gestellt. Die Staatsanwaltschaft München hat Anklage wegen Beihilfe zum Mord gegen Demjanjuk erhoben. Die Ermittler werfen ihm vor, als "Hilfswilliger" der SS im Vernichtungslager Sobibor bei der Ermordung von 27.900 Juden geholfen zu haben. John Demjanjuk bestreitet die Vorwürfe.

Doch selbst wenn Demjanjuk der SS geholfen haben sollte, Juden in die Gaskammern Sobibors zu treiben, stellt sich nicht nur die Frage, ob er sich - wie viele NS-Verbrecher - auf "Befehlsnotstand" oder "Putativnotstand" berufen kann. Befehlsnotstand bedeutet, dass ein Befehl gegen bestehende Gesetze verstößt, der Befehlsempfänger aber bestraft wird, wenn er sich weigert, den Befehl auszuführen. Putativnotstand heißt, dass der Befehlsempfänger irrtümlich davon ausgeht, dass seine Verweigerung mit dem Tode bestraft wird.

Die Richter müssen außerdem klären, inwieweit Demjanjuks Biographie ihn zum Mordgehilfen der SS gemacht hat und ob dies bei der Strafzumessung unter Umständen mildernd zu werten ist.

Die Seele für einen Laib Brot

Iwan Nikolai Demjanjuk wurde am 3. April 1920 in einem ukrainischen Dorf der Provinz Kiew geboren. Er besuchte die Schule nur wenige Jahre. Kindheit und Jugend waren von Entbehrungen geprägt. Als Demjanjuk gerade zehn Jahre alt war, begann der russische Diktator Stalin (1879 bis 1953) im Jahr 1930 mit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Stalin zwang die Bauern mit Waffengewalt, sich landwirtschaftlichen Großbetrieben, so genannten Kolchosen, anzuschließen und ließ Getreidevorräte beschlagnahmen. Eine unvorstellbare Hungersnot breitete sich aus, der Millionen Menschen zum Opfer fielen. "Wir aßen Hunde, Ratten, Mäuse, ja sogar unsere Hauskatze", sagte Demjanjuk 1987 in Israel vor Gericht über diese Zeit. Damals stand er unter Verdacht, im Vernichtungslager Treblinka als "Iwan der Schreckliche" gewütet zu haben, wurde aber freigesprochen, weil Zeugen ihn verwechselt hatten.

Demjanjuk, der sich auf einer Kolchose zum Traktorfahrer ausbilden ließ, war 19 Jahre alt, als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach. Im Jahr darauf zog die Rote Armee den mittlerweile 20-jährigen Iwan Demjanjuk ein. Im Herbst 1941 wurde er am Rücken schwer verwundet, verbrachte mehrere Wochen in einem Lazarett in der Ukraine. Der junge Soldat trug eine Narbe auf dem Rücken davon, die noch heute zu sehen ist. Kaum wieder gesund, musste Demjanjuk zurück in den Krieg. Bei Kämpfen um die Stadt Kertsch auf der Halbinsel Krim nahm ihn die Wehrmacht im Mai 1942 gefangen.

Die Wehrmacht verschleppte Demjanjuk in ein Durchgangslager im ukrainischen Rowno. In den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht herrschten katastrophale Zustände. Die Gefangenen verreckten an Ruhr und Fleckfieber oder sie verhungerten. Von 5,7 Millionen russischen Soldaten, die der Wehrmacht in die Hände fielen, starben 3,3 Millionen. "Für einen Laib Brot hätte ich meine Seele gegeben", sagte Demjanjuk über diese Zeit.

Die SS machte sie zu Mordgehilfen

Die scheinbare Rettung nahte - ausgerechnet in Gestalt der SS - die 4000 bis 5000 Kriegsgefangene im Alter von 18 bis 22 Jahren rekrutierte und sie zu "Hilfswilligen" machte. Einer der Männer, die von der SS rekrutiert wurden, war nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Iwan Demjanjuk, damals 22 Jahre alt. Demjanjuk bestreitet allerdings, sich der SS angeschlossen zu haben, behauptet, er sei während des gesamten Krieges in einem Lager bei Chelm gefangen gehalten worden.

Die SS karrte die Kriegsgefangenen mit Lastwagen in ein SS-Ausbildungslager nach Trawniki, einem Ort südöstlich von Lublin, und richtete sie zu Mordgehilfen ab. Schon bald waren die Schergen der SS "fester Bestandteil des Personals der Judenvernichtung" und für ihre "unvorstellbare Brutalität" berüchtigt.

Die "Trawniki" oder "Hilfswillige", wie die Handlanger der SS fortan genannt wurden, wüteten bei den Ghetto-Räumungen in Lublin, Warschau, vielen kleinen Orten im Distrikt Lublin, in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka. Sie knüppelten mit Gewehrkolben auf Menschen ein, schossen wahllos in die Menge, knallten Kranke und Wehrlose in ihren Betten ab. Und sie trieben die Juden mit Waffengewalt in die Gaskammern.

Einer dieser Männer war, nach Auffassung der Staatsanwaltschaft München, der Angeklagte Demjanjuk, der seinen Vornamen nach seiner Einreise in die USA 1952 von "Iwan" in "John" änderte.

Hatte er eine andere Wahl?

Doch hatte Iwan Demjanjuk im Zweiten Weltkrieg überhaupt eine andere Wahl? Wenn er sich nicht der SS angeschlossen hätte, wäre er vermutlich verhungert. Und hätte die SS ihn nicht erschossen, wenn er den Befehl verweigert hätte, Juden in die Gaskammern zu treiben? "Putativnotstand" nennen Juristen diese Zwangslage.

SS-Sturmbannführer Karl Streibl, der das SS-Ausbildungslager in Trawniki leitete, wurde 1976 in einem umstrittenen Urteil freigesprochen. Die Richter nahmen Streibl ab, dass er von den Gräueltaten seiner Untergebenen nichts gewusst habe. "Ich stehe ... verständnislos vor diesem Urteil", sagte die verstorbene Oberstaatsanwältin Helge Grabitz, die Streibl angeklagt hatte, 1987 in einem Interview gegenüber der taz.

Gleichwohl zeigte Grabitz, die bei der Staatsanwaltschaft Hamburg Leiterin der NS-Abteilung war, Verständnis für die Zwangslage der Trawniki-Männer, wie Demjanjuk einer gewesen sein soll. "Angesichts der katastrophalen Lage in den Kriegsgefangenenlagern im Herbst 1941" hätten die russischen Gefangenen "mit Aussicht auf den kommenden Winter... nur zwei reale Möglichkeiten" gehabt: "Entweder in den Lagern ... zu krepieren, oder auf das Angebot einzugehen, sich für das SS-Ausbildungslager Trawniki zu melden. Wobei den russischen Kriegsgefangenen nicht gesagt worden war, wozu sie ausgebildet und wofür sie eingesetzt werden sollten", schrieb Grabitz in ihrem Buch: "NS-Prozesse, Psychogramme der Beteiligten".

Mit anderen Worten: Demjanjuk hätte sich - sollte die Anklage zutreffen - der SS nur angeschlossen, um dem sicheren Hungertod zu entgehen. Und er wäre nach Auffassung von Helge Grabitz auch ahnungslos gewesen, was die SS mit ihm vorhatte. Darüber hinaus sah Grabitz das Problem, dass den Trawniki-Männern nur ein "Schuldvorwurf" zu machen sei, "wenn der einzelne Trawniki-Mann von Zeugen identifiziert und seiner Exzesstat überführt werden" könne.

Karriere in Majdanek

Den Schuldvorwurf glaubt die Staatsanwaltschaft München allerdings führen zu können. Auf einem 141-seitigen Abschlussbericht, der die Grundlage für die Anklage ist, hat die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, ihre Beweise gegen John Demjanjuk zusammen getragen.

Nach diesem Bericht beginnt die Karriere von Iwan Demjanjuk als SS-Handlanger im Konzentrationslager Majdanek, wo die Nazis mindestens 250.000 Juden ermordeten. Rund 1.300 SS - und Wachleute taten in Majdanek Dienst, darunter ein Mann mit dem Namen "Iwan Demjanjuk".

Denn eine Beschwerde belegt, dass "Wachmann Demjanjuk" am "18. Januar 1943" mit drei Kameraden "trotz wiederholten Befehls der Lagersperre die Unterkunft und den Lagerbereich verlassen" habe. Die Lagerleitung hatte den Wachmännern verboten, das Lager zu verlassen und Quarantäne verhängt, weil eine Infektionskrankheit grassierte. Die Ermittler gehen davon aus, dass Demjanjuk mit den anderen Wachmännern ausbüxte, um sich im Bordell zu vergnügen. Als er aufgegriffen wurde, setzte es für "Wachmann Demjanjuk" 25 Stockschläge.

Doch das ist nicht der einzige Beweis, auf den sich die Anklage stützt. Wichtigstes Beweisstück ist der Dienstausweis mit der Nummer 1393, der einen "Iwan/Nikolai Demjanjuk", geboren am 3. April 1920, als SS-Gehilfen ausweist. Der Ausweis ist von mehreren Gutachtern in den USA, Israel und Deutschland für echt befunden worden. "Abkommandiert am 27.3.1943 Sobibor", steht mit schwarzer Tinte auf dem Ausweis. Dieser Ausweis deckt sich nach den Recherchen der Ludwigsburger Nazijäger mit einer "Überstellungsliste" von Trawniki-Männern, datiert auf den 26. März 1943. "Am heutigen Tage wurden vom Ausbildungslager Trawniki an obige Dienststelle (Sonderkommando Sobibor) folgende Wachmänner im Austausch" abkommandiert, ist auf der Liste zu lesen. Unter "Nr. 30" ist Wachmann "Iwan Demianjuk geb. am 3.4.1920", aufgeführt.

Zeugen belasten Demjanjuk schwer

Auf dieser Liste taucht auch der Name Ignat Danilchenko auf. Danilchenko wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in einem sowjetischen Kriegsverbrecherprozess zu 25 Jahren Haft verurteilt. Bei seiner Vernehmung gab er damals an, sich am besten an seinen Kameraden "Iwan Demjanjuk" zu erinnern. Er sei mit ihm in Sobibor und Flossenbürg gewesen. "Ich habe Iwan Demjanjuk im März 1943 im Todeslager von Sobibor zum ersten Mal gesehen und kennen gelernt, wo er SS-Wächter war", heißt es in Danilchenkos Zeugenaussage. "Zögernde Menschen", behauptete Danilchenko, habe Demjanjuk in die Gaskammer "gestoßen". Weiter gab Danilchenko, der 1985 verstarb, zu Protokoll: "Im Frühjahr wurden Iwan Demjanjuk und ich nach Flossenbürg und dann nach Regensburg geschickt."

Tatsächlich haben die Nazijäger auch eine Verlegungsliste von Trawniki-Männern nach Flossenbürg gefunden. Sie datiert auf den 1. Oktober 1943. Auch hier sind die Namen: "Danilchenko und Demjanjuk" aufgelistet. Und dafür, dass ein Mann namens "Demianiuk" tatsächlich in Flossenbürg ankam, spricht ein "Waffen- und Gerätenachweis", aus dem hervorgeht, dass einem Mann namens "Demianiuk" vom "Wachblock" am 8. Oktober 1943 ein "Seitengewehr" ausgehändigt wurde.

Die Nazijäger haben außerdem einen Zeugen gefunden, der nachweislich Wächter in Flossenbürg war und der ebenfalls behauptet, sich an Demjanjuk zu erinnern. Der Mann ist heute 90 Jahre alt und lebt in Landshut. Auch ihn hat die Staatsanwaltschaft in der Anklage als Zeugen benannt.

Warum ist Demjanjuk nicht geflüchtet?

Nach den Ermittlungen der Zentralstelle war Demjanjuk also zunächst in Majdanek, dann in Sobibor und schließlich in Flossenbürg. Vor allem sein kurzer Ausflug in Majdanek ist für die Ermittler Grund genug, "Putativnotstand" als Rechtfertigungsgrund zu verneinen. "Er ist ja in Majdanek abgehauen und hat gesehen, dass er nicht umgebracht, sondern 'nur' geschlagen wurde", sagt Thomas Walther. Der 66-jährige Jurist war an den Ermittlungen gegen Demjanjuk maßgeblich beteiligt. Darüber hinaus habe kein Verfahren gegen deutsche Angeklagte den Nachweis erbracht, dass auf Befehlsverweigerung die Todesstrafe stand, argumentiert Walther, der selbst Richter und Staatsanwalt war. Demjanjuk hätte also desertieren können, meint Walther. Schließlich hätten die SS-Schergen in der Regel nach sechs Tagen Dienst einen freien Tag gehabt. Viele Trawniki-Männer hätten diese Zeit genutzt, um davon zu laufen, erklärt Walther. "Selbst wenn sie gefasst wurden, drohten ihnen allenfalls Disziplinarmaßnahmen, wie die Stockschläge, die auch Demjanjuk kassiert hat."

Ob und wann es zum Prozess kommt, steht noch nicht fest. Das Landgericht München muss erst entscheiden, ob die Anklage zugelassen wird.