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Anne-Frank-Buchverbrennung: Strafe für "Akt der kulturellen Barbarei"

Fünf Männer sind wegen Volksverhetzung zu Bewährungsstrafen verurteilt worden, weil sie das Tagebuch der Anne Frank verbrannt haben. Sie hätten einen "Akt der kulturellen Barbarei" begangen, so der Richter. Die Männer reagierten geschockt auf die Strafe, sagte ein Prozessbeobachter stern.de.

Wegen der Verbrennung eines Exemplars des Tagebuchs der Anne Frank sind in Magdeburg fünf Angeklagte zu jeweils neunmonatigen Bewährungsstrafen verurteilt worden. Zudem müssen die jungen Männer nach dem Urteil des Amtsgerichtes Schönebeck wegen Volksverhetzung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener Geldstrafen zwischen 1.300 bis 2.220 Euro zahlen. Ihre Bewährungszeit soll drei Jahre dauern. Zwei weitere Angeklagte wurden freigesprochen, da das Gericht ihnen die Beteiligung an der Tat nicht nachweisen konnte.

Das Gericht folgte mit dem Urteil im Wesentlichen dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die Bewährungsstrafen zwischen sieben und zwölf Monaten beziehungsweise zwei Freisprüche aus Mangel an Beweisen gefordert hatte. Die Verteidiger hatten jeweils auf Freispruch für ihre Mandanten plädiert. . Die Angeklagten reagierten geschockt auf die Höhe der Strafe, sagte der Prozessbeobachter Thomas Weber zu stern.de. "Damit hatten sie nicht gerechnet", so Weber, Mitglied im Verein Miteinander - Netzwerk für Demokratie. Einige der Angeklagten habe engen Kontakt zur rechtsextremen NPD, die Gruppe sei eindeutig dem rechten Milieu zuzurechnen.

Der Beweisaufnahme zufolge hatten die 24- bis 29-jährigen Angeklagten mit der Bücherverbrennung bei einer Sonnenwend-Feier im sachsen-anhaltischen Pretzien am 24. Juni vergangenen Jahres die nationalsozialistische Gewaltherrschaft verherrlicht und die Verfolgung europäischer Juden im Dritten Reich verharmlost beziehungsweise geleugnet. Dabei sei eindeutig neonazistischer und nationalsozialistischer Wortschatz verwendet und damit das Schicksal Anne Franks und mit ihr sämtlicher Opfer ehemaliger Konzentrationslager des NS-Regimes verhöhnt worden. Man wollte "etwas Artfremdes dem Feuer übergeben", kündigten die Initiatoren an, nämlich das Tagebuch und die US-Flagge.

"Düstere Inszenierung"

Der Angeklagte Lars K., der das Tagebuch ins Feuer geworfen hatte, hatte im Prozess ausgesagt, das Tagebuch habe auch ihn betroffen gemacht. Er habe es nicht ins Feuer geworfen, um das Schicksal des Mädchens zu verharmlosen, sondern weil er sich symbolisch von einem "bösen Kapitel" der deutschen Geschichte befreien wolle. Das sei "gründlich schief gegangen", das Missverständnis tue ihm unendlich leid. Allerdings, so Prozessbeobachter Weber, "ich hatte nicht den Eindruck, dass ihm und den Mitangeklagten die Tat wirklich leid tat".

Das sah der Richter Eicke Bruns ähnlich. "Das nehme ich Ihnen nicht ab", sagte er in der Urteilsbegründung: Die ganze Geschichte sei inszeniert und ein Ritual gewesen. Auch Staatsanwalt Arnold Murra sprach von einer "düsteren Inszenierung". Nichts sei dem Zufall überlassen worden. Nach einem gemeinsamen Plan seien nach einer Tanzveranstaltung vor 60 bis 70 Zuschauern unter anderem deutsche Jugend und deutsches Blut beschworen worden. "Ganz bewusst sei das Tagebuch der Anne Frank gewählt - als Symbol des Schicksals des jüdisches Volkes im Dritten Reich", urteilte Richter Bruns. Das sei ein "Akt der kulturellen Barbarei" gewesen. "Zudem haben Sie damit den öffentlichen Frieden in Ihren Dorf zerstört", warf er den jungen Männern vor. Er hätte sich nie denken können, als Richter einmal über eine Buchverbrennung verhandeln zu müssen. Die Angeklagte hätten in der Bundesrepublik Rechtsgeschichte geschrieben. "Aber von Ihnen wird die Geschichte nicht umgeschrieben", fügte er hinzu.

Die Sonnenwendfeier in Pretzien hatte weit über die Grenzen von Sachsen-Anhalt Wellen geschlagen. Der Prozess vor dem Amtsgericht Schönebeck wurde aus Platzgründen im Landgericht Magdeburg verhandelt.

mta/AP / AP