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Anne und John Darwin: Oh, wie schön wär’ Panama

Sie waren kurz davor, ihren Traum zu verwirklichen: schuldenfrei im warmen Süden zu leben. Er verschwand mit einem Kanu, sie kassierte die Lebensversicherung. Doch jetzt flog das britische Paar auf.

Von Cornelia Fuchs

Der Tag, an dem John Darwin entschied, dass er nicht mehr tot sein wollte, war kein guter Tag für seine Ehefrau Anne. Wenn es nach den Plänen von John Darwin gegangen wäre, hätte die Geschichte an diesem 1. Dezember geendet. Da ging der 57-Jährige in eine Polizeistation im Londoner West End und behauptete, er könne sich an die vergangenen Jahre nicht erinnern, aber er sei wohl eine vermisste Person. Die Polizeibeamten sahen einen gebräunten und wohlgenährten Mann vor sich stehen, der seit dem 21. März 2002 als tot galt. An diesem Tag hatte John Darwin frühmorgens sein Kanu genommen, war zum Strand vor seinem Haus im nordenglischen Hartlepool gelaufen und nie wieder aufgetaucht - bis zu diesem 1. Dezember. Die beiden erwachsenen Söhne reagierten euphorisch auf die Wiederauferstehung ihres Vaters. Sofort riefen sie ihre Mutter an, die erst sechs Wochen zuvor nach Panama ausgewandert war, nachdem sie die beiden Häuser der Familie verkauft und alles Geld nach Mittelamerika transferiert hatte. "Mutter, halt dich fest - ich sitze hier mit unserem Vater. Er ist wieder da!", rief der jüngere Sohn Anthony in den Hörer.

"Oh, wie schön!", sagte Anne Darwin, 55, die Witwe, die keine war. Dann erklärte sie ihren überraschten Söhnen, dass sie jetzt nicht nach England kommen könne. Es gäbe da noch das Visum und die Möbel, um die sie sich kümmern müsse, das gehe alles nicht so schnell. Kurz darauf tauchte dieses Foto auf, es stand auf der Webseite eines panamesischen Immobilienmaklers und zeigte Anne Darwin in Panama City. An ihrer Seite ein lächelnder Mann mit Halbglatze im dunkelroten Hemd, der ihrem vermissten Ehemann erstaunlich ähnlich sah - aufgenommen am 14. Juli 2006. Aus dem Drama um einen verunglückten Ehemann wurde eine selten hirnrissige Gaunerposse. John Darwin war immer schon besessen gewesen von der Idee, reich zu sein. Leider besaß er dazu kein besonderes Talent, weder in der Auswahl seiner Tätigkeiten noch bei seinen Nebenbeschäftigungen. Er habe dauernd über Aktien und Immobilien geredet, sagen seine Kollegen im Holme House Gefängnis, die ihn wahrscheinlich bald wieder an seiner alten Arbeitsstelle begrüßen können - diesmal als Häftling.

Die Schulden wuchsen ihm und seiner Frau über den Kopf

Darwin hatte dort jahrelang als Gefängniswärter gearbeitet und damit 35.000 Euro im Jahr verdient. Vorher war er als Bankangestellter gescheitert, nachdem er seinen Job als Lehrer an den Nagel gehängt hatte. Darwin witterte überall Möglichkeiten, ein bisschen was vom großen Geld zu erhaschen. In den 90er Jahren ließ er in seinem Haus in Durham 17 Telefonleitungen verlegen, um an der Börse zu spekulieren. Er verkaufte auf dem Markt Gartenzwerge, sein Speicher quoll über von Porzellanfröschen, die keiner haben wollte. Darwin versuchte sich im Immobiliengeschäft, beantragte eine Kreditkarte nach der anderen, kaufte unter anderem ein Sportwagen- Cabrio, das er dann aber offen im Regen stehen ließ und durch Löcher im Unterboden wieder fahrtüchtig machte. Die Schulden wuchsen ihm und seiner Frau Anne über den Kopf, was die beiden nicht davon abhielt, im Dezember 2000 zwei nebeneinanderliegende Häuser am Strand von Seaton Carew, einem Vorort von Hartlepool im Nordosten Englands, zu kaufen. Die Darwins zahlten 235.000 Euro für die beiden viktorianischen Giebelbauten. Eines bauten sie zu einem Mietshaus mit 15 Ein-Zimmer-Apartments um, in das Haus mit der Nummer 3 zogen sie selbst ein.

Anne Darwin arbeitete damals halbtags in einer Arztpraxis und verdiente knapp 25.000 Euro im Jahr, das reichte nicht mal für die Hypotheken. Es muss wohl in dieser Zeit gewesen sein, als John das erste Mal davon sprach, es würde alles einfacher, wenn er tot sei. Nicht wirklich tot natürlich. Aber wenn er verschwände, würden die Lebensversicherungen genug Geld auszahlen, um Hypotheken und Kreditkartenrechnungen zu begleichen. Anne Darwin behauptet heute, sie habe versucht, ihm diese Idee auszureden. Doch an jenem Morgen im März 2002 nahm John Darwin sein rotes Kanu und ward nicht mehr gesehen. Zumindest offiziell nicht. Anne Darwin alarmierte um halb elf Uhr abends die Polizei. Die Mündung des Tees bei Hartlepool ist eine der am meisten befahrenen Schiffsrouten an der gesamten englischen Küste. An diesem Tag war das Meer glatt wie ein Spiegel, und Darwin war ein erfahrener Kanufahrer. Um ein Uhr nachts wurde ein Paddel gesichtet, dann eine Rettungsweste. Drei Tage suchte die Küstenwache mit sechs Booten und einem Hubschrauber nach Darwin. Sechs Wochen später wurde das rote Kanu zerschmettert an einen Strand bei der Mündung des Flusses Tees gespült. Die Leiche von John Darwin tauchte nie auf.

"Wenn sie das inszeniert hat, ist sie eine exzellente Schauspielerin"

Darwins Vater, damals 85 Jahre alt, ging jeden Tag an den Stränden bei Hartlepool auf und ab, um seinen toten Sohn zu suchen. Anne Darwin erzählte der Lokalzeitung von der Schwierigkeit, Abschied zu nehmen, wenn es keine Leiche gibt. Die Leute wurden argwöhnisch, weil sie außergewöhnlich schnell darauf drängte, ihren Mann für tot zu erklären. Doch Anne Darwin trauerte für alle sichtbar. Ein Nachbar erzählt, wie sie in den Tagen nach Johns Verschwinden von seiner Frau getröstet werden musste: "Wenn sie das inszeniert hat, ist sie eine exzellente Schauspielerin." Das war sie wohl auch. Das Theater endete erst jetzt, als britische Journalisten sie mit dem Foto aus dem Jahr 2006 konfrontierten. Glaubt man Anne Darwin, hat sie zwar von den Plänen ihres Mannes gewusst, seinen eigenen Tod vorzutäuschen. Doch als er im März 2002 verschwand, sei sie wirklich überzeugt gewesen, dass er ertrunken sei. Ein Jahr später, im Februar 2003, sei ein völlig heruntergekommener und schlecht riechender Mann an ihrer Haustür aufgetaucht. Es war John Darwin. Er sei dann drei Monate lang immer bei ihr ein und aus gegangen, habe aber nicht verraten wollen, wo er ein Jahr lang gewesen war. Er drohte ihr, sie bei der Polizei als Mitwisserin anzuschwärzen, sagt Anne Darwin. Außerdem bestand er darauf, den Söhnen nichts zu erzählen.

Das Ehepaar richtete sich in seinem neuen Nicht-Leben ein. John zog in das Dachgeschosszimmer des vermieteten Hauses. Dort gab es in einem Wandschrank einen geheimen Durchgang zum Familienhaus nebenan. Drei Jahre lang lebte er auf der anderen Seite seines eigenen Schlafzimmers, oft nur Meter von seinen beiden Söhnen entfernt. Und er hörte mit, wie die Mutter mit ihren Söhnen um ihn trauerte an dem Tag, als er für tot erklärt wurde. John Darwins Version klingt etwas anders. Er behauptet, er könne sich nicht an die Monate nach seinem Verschwinden erinnern. Aber kaum habe sein Gedächtnis wieder funktioniert, sei er zu seiner Frau zurückgekehrt. Die aber hätte schon die Lebensversicherungen kassiert. Da sie das Geld nicht zurückzahlen konnten, entwickelten sie gemeinsam im Frühjahr 2003 den Plan, dass er als Leiche weiterleben müsse. Tatsächlich war John Darwin am 10. April 2003 offiziell für tot erklärt worden. Die Lebensversicherungen zahlten daraufhin die Hypothek der beiden Häuser ab, außerdem bekam Anne Darwin eine einmalige Hinterbliebenenversorgung von 83.000 Euro von der Gefängnisbehörde. Insgesamt brachte ihr der vermeintliche Tod des Gatten 385.000 Euro ein.

Er fühlte sich offensichtlich sehr sicher

Der sass wie lebendiG begraben zwei Jahre in seiner Mansarde und begann wieder, hanebüchene Pläne zu schmieden. Er verbrachte Stunden im Internet, sammelte Emigrationstipps für Kanada und Immobilienanzeigen auf Zypern. Schließlich beantragte er einen Pass auf den Namen John Jones und bekam ihn seltsamerweise auch. Mit diesem Ausweis reiste er nach Amerika zu einer Frau in Kansas, die er über das Internet kennengelernt hatte. Ob er mit der Kansas gehabt haben mag, sie klappten nicht. Im November 2005 versuchte er, in Gibraltar einen hochseetüchtigen Katamaran für 62.000 Euro zu kaufen. Er fühlte sich offensichtlich so sicher, dass er dem Makler für den Vertrag seine richtige Adresse gab. Der Kauf kam allerdings nicht zustande, weil Darwin einen Wutanfall bekam, als die Vorbesitzer ein Barometer aus dem Schiff als Erinnerung behalten wollten. In England konnte Darwin nur im Winter mit Wollmütze und vorgetäuschtem Hinken vor die Tür gehen. John und Anne stritten sich immer häufiger. Und meistens ging es ums Geld. Anne verriegelte dann manchmal die Tür zum Geheimgang, der in ihr Schlafzimmer führte. Sex, sagt sie, habe es lange nicht gegeben: "Ich kann nicht ins Bett hüpfen mit jemandem, der mich ständig ärgert." Womöglich wurde ihr auch allmählich bewusst, dass sie ihren Mann in der Hand hatte. Denn das gesamte Geld lag auf Konten mit ihrem Namen - und ein John Darwin existierte nicht mehr.

Dann aber entdeckte John Panama. Im August 2005 gründeten die Darwins über eine Anwaltskanzlei in Panama City die Briefkastenfirma "Jaguar Properties". Zwei Jahre später, im Juli 2007, kauften sie über diese Firma ein 98-Quadratmeter-Apartment in einer Mittelklasse-Gegend der Hauptstadt, mit gusseisernem Metallknauf an der Tür und Keramikengel an der Klingel. Im selben Jahr, im März und im Oktober 2007, verkaufte Anne Darwin die beiden Häuser bei Hartlepool mit rund 400.000 Euro Gewinn und überwies die Summe nach Panama. Die Taschen voller Geld, konnte John Darwin endlich wieder aktiv werden. Er versetzte ein ganzes Dorf in Aufregung mit seinen Plänen, ein Ökohotel am See Gatún zu bauen. Dafür erwarb er dort ein 200 Hektar großes Grundstück für 270.000 Euro. Mit einer Kamera schritt John Darwin im Dorf auf und ab und fotografierte illegale Mülldeponien. Über die beschwerte sich dann Anne bei der Gemeinde, weil die Abfallberge "abträglich sind für eine gute Investitionsumgebung".

Ein Tipp von Kollegen

Doch das Projekt ging nicht recht voran, weil sich die beiden immer wieder über Geld stritten. Vielleicht hatten sie aber auch mitbekommen, dass ihnen die Polizei inzwischen auf der Spur war. Im September hatte eine Kollegin von Anne Darwin den Behörden gemeldet, dass die Arzthelferin Telefongespräche im Flüsterton aus der Praxis führe. Sie hielte es für möglich, dass sie mit ihrem toten Ehemann spreche. Die Polizei holte daraufhin Informationen von Banken ein und stieß dabei auf Kreditkartenanträge in John Darwins Namen - gestellt in den Jahren nach seinem Verschwinden. Es ist unklar, weshalb John Darwin irgendwann entschied, nicht länger tot sein zu wollen. Ob er sich in Sicherheit wähnte und glaubte, man würde ihm die Geschichte mit dem Gedächtnisverlust abkaufen. Oder ob seine Frau ihn nach einem bösen Streit vor die Tür gesetzt hatte und er nicht wusste, wohin als lebender Toter. Und vielleicht wollte er einfach nur verhindern, dass sich Anne ein schönes Leben mit dem erschwindelten Geld, aber ohne ihn aufbaut. Die sagt, er habe einfach seine Söhne vermisst.

Am vergangenen Sonntag ist dann auch sie nach England zurückgekehrt, eine Woche nachdem ihr Mann in London auftauchte. Noch am Flughafen wurde sie festgenommen. Nun sitzen beide im Gefängnis und beschuldigen sich gegenseitig. Ihre Söhne haben eine Erklärung abgegeben, dass sie mit ihren Eltern nichts mehr zu tun haben wollen und sich als Opfer eines groß angelegten Betruges sehen. Ronald Darwin, der 91-jährige Vater von John, glaubt, dass sein Sohn von einer herzlosen Ehefrau zu dem Betrug getrieben wurde. Am Sonntag hat John Darwin seinem Vater eine kurze Nachricht zukommen lassen: "Lieber Dad, ich denke an Dich. Mach Dir keine Sorgen. Ich weiß, ich werde Dich bald zu Hause sehen." Es wäre nicht das erste Mal, dass sich John Darwin getäuscht hätte.

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