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Anschläge in Norwegen: Attentäter streitet strafbare Handlung ab

Der wegen der beiden Anschläge in Norwegen festgenommene Anders Behring Breivik hat gestanden. Er gibt die Taten zu, weist es jedoch zurück, damit strafbar gehandelt zu haben.

Der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik hat im Verhör zugegeben, auf der Insel Utøya das Feuer auf Teilnehmer eines Jugendlagers der regierenden Arbeiterpartei eröffnet zu haben, wie die Polizei mitteilte. Mindestens 86 Menschen wurden bei dem Massaker auf der Insel getötet, bei der Explosion einer Autobombe im Regierungsviertel in Oslo zuvor sieben weitere.

Behring Breivik soll ausdrücklich versichert haben, allein gehandelt zu haben. Doch stößt diese Darstellung bei den Behörden auf Skepsis. Die Ermittler gingen eigenen Angaben zufolge unter Hochdruck Hinweisen auf einen zweiten Schützen nach, der an dem Blutbad auf der Insel beteiligt gewesen sein könnte. Am Sonntagmittag stürmte ein Polizeikommando ein Haus am Rande Oslos. Sechs Personen wurden verhaftet, jedoch nach kurzer Zeit wieder freigelassen, nachdem es keine Hinweise auf eine Verbindung zu den Taten gegeben habe, teilte die Polizei mit.

Der Täter ist sich keiner Straftat bewusst

Der als Verteidiger bestellte Anwalt Geir Lippestad sagte nach mehrstündigen Verhören in Oslo: Behring Breivik habe für die Taten die "Verantwortung" übernommen, sei aber überzeugt, dass er "nichts Strafbares" getan habe. Er gebe alle Fakten zu, übernehme jedoch keine kriminelle Verantwortung. "Man hat ihm das unglaubliche Ausmaß des Schadens und die Zahl der Toten erklärt. Seine Reaktion war, dass er die Ausführung der Tötungen als grausam, aber in seinem Kopf als notwendig erachtete."

Die Äußerungen des Attentäters in dem mehrstündigen Polizeiverhör seien zum Teil unverständlich gewesen. "Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat", sagte sein Anwalt.

Der laut Polizei "christlich-fundamentalistisch" orientierte Attentäter wollte aus einer wahnhaften Vorstellung heraus offenbar Europa vor "Marxismus und Islamisierung" retten. Nach Angaben seines Verteidigers will er bei einem Haftprüfungstermin am Montag weitere Einzelheiten zu den Anschlägen nennen.

Doch in die wirre Gedankenwelt können sich die Ermittler bereits jetzt einlesen. Anders Behring Breivik hat in einem 1516 Seiten langen Dokument und einem Video seine Weltsicht zusammengefasst. Dieses "Manifest" unter dem Titel "2083. A European Declaration of Indepence" ("2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung") hat er Stunden vor den Anschlägen per E-Mail an mehrere Adressaten verschickt , meldete die Nachrichtenagentur NTB. In dem in englischer Sprache verfassten Schreiben gehe es unter anderem um "Rassenkrieg" und die Frage, wie Europa sich von Zuwanderern und Marxisten befreien könne.

Aus dem Sammelsurium aus Tagebucheintragungen, Bildern und Anleitungen zum Bombenbau und Porträtfotografie geht hervor, dass Behring Breivik seine Tat offenbar seit fast zwei Jahren geplant hatte. er bezeichnet die Anschläge als "Märtyrertaten" für ein freies Europa.

Am Ende des Dokumentes sei vermerkt gewesen: "Ich glaube, dies ist der letzte Eintrag, den ich schreibe. Es ist jetzt Freitag, der 22. Juli, 12.51." Gut zweieinhalb Stunden später detonierte die Bombe im Osloer Regierungsviertel.

Bombe aus Kunstdünger

Für den Bau der Autobombe nutzte der festgenommene Verdächtige womöglich Kunstdünger. "Wir haben ihm Anfang Mai sechs Tonnen Dünger verkauft", sagte die Sprecherin einer landwirtschaftlichen Kooperative. Als Betreiber eines Biohofes konnte er diese Menge kaufen, ohne Verdacht zu erregen. Der Zerstörung der Gebäude nach zu urteilen, muss der Sprengsatz sehr schwer gewesen sein.

Nach dem Anschlag in Oslo nahm der Attentäter offenbar die Fähre nach Utøya, verkleidete sich als Polizist und betrat so das Ferienlager der sozialdemokratischen Jugend. Er habe dann die knapp 600 Jugendlichen zusammengerufen und anschließend das Feuer eröffnet. Bei dem Blutbad im Ferienlager habe der Attentäter zwei Schusswaffen eingesetzt, sagte ein Ermittler auf einer Pressekonferenz in Oslo. Eine Pistole und ein Automatikgewehr. Gewehre dieses Typs erlauben eine hohe Schussfolge, sie laden sich aus einem Magazin mit 20 bis 30 Patronen nach jedem Schuss von selbst.

Anderthalb Stunden konnte Behring Breivik über die winzige Insel laufen und Jagd auf die Jugendlichen machen, bis ihn die Polizei stoppte. Der Mann habe sich bei seiner Festnahme nicht widersetzt: "Es musste kein Schuss abgegeben werden". Nach unbestätigten Angaben von Antiterror-Spezialisten sei Behring Breivik aus der Luft angegriffen und mit Tränengas betäubt worden. Der TV-Sender NRK berief sich auf "Polizeikreise". Die Spezialeinheit soll am Vortag sofort nach den ersten Meldungen über Schüsse per Hubschrauber zu der 40 Kilometer entfernten Insel Utøya geflogen sein.

Polizei sucht zweiten Schützen

Auf Utöya wurden am Sonntag weiterhin noch mehrere Menschen vermisst. Zur Suche nach den Vermissten setzte die Polizei ein Mini-U-Boot ein, zudem beteiligten sich Taucher des Roten Kreuzes mit Unterwasserkameras an der Suchaktion. Einige Teilnehmer des Jugendcamps waren vor dem Schützen ins Wasser geflohen. Auch im Regierungsviertel suchen die Einsatzkräfte noch in den Trümmern nach weiteren Opfern der Bombenexplosion.

hlueb/nik/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters