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Anschlag auf Hilfsorganisation World Vision: Sie hatten keine Chance

Sie wollten helfen - und bezahlten dafür mit dem Tod: Mehr als ein Dutzend schwer bewaffnete Angreifer hat ein Büro von World Vision in Pakistan gestürmt und dabei sechs einheimische Mitarbeiter des internationalen Hilfswerks getötet.

Von Manuela Pfohl

Die Angreifer kamen am Mittwoch kurz nach neun Uhr morgens. Sie waren vermummt und schwer bewaffnet und sie gaben ihren Opfern keine Chance: Mohammad Sajid musste entsetzt zusehen, wie sechs seiner Kollegen der internationalen Hilfsorganisation World Vision, regelrecht hingerichtet wurden.

Der Verwaltungsangestellte erklärt, dass er im Gebäude war, als 15 bewaffnete Männer aus Lastwagen stiegen und das Büro der Organisation in der nordwest-pakistanischen Stadt Oghi stürmten. "Die Banditen trieben uns alle in einen Raum, nahmen uns die Handys weg und schleppten die Mitarbeiter, einen nach dem anderen in den Konferenzraum. Dann konnten wir sehen, wie sie sie erschossen", berichtet Sajid dem regionalen Kommunikationsdirektor von World Vision, Rienk van Velzen.

Hilfe, die besonders Frauen und Kindern zugute kam

Zu den Tätern und Motiven des Anschlages gibt es zur Zeit nur Spekulationen. Alle Opfer, darunter zwei Frauen, seien Pakistaner muslimischen Glaubens, erklärte World Vision. "Bislang haben wir immer sehr gut mit der Bevölkerung zusammengearbeitet und uns akzeptiert und anerkannt gefühlt", sagt World Vision-Sprecherin Silvia Holten. Tatsächlich wird die Arbeit der Hilfsorganisation auch von der pakistanischen Regierung und den regionalen Stammesfürsten hochgelobt. Nach dem verheerenden Erdbeben von Oktober 2005, bei dem mehr als drei Millionen Menschen in der Region obdachlos wurden, half World Vision bei der Erstversorgung und beim Wiederaufbau.

Aktuell betreut die Organisation im Mansehra-Distrikt rund 7450 Haushalte. Daneben unterhält sie mehrere Ausbildungsprogramme. Hilfe, die ganz besonders Frauen, Mädchen und Kindern zugute kommt. Die Organisation glaubt deshalb auch nicht, dass die Täter des Überfalls aus der Nachbarschaft kamen.

"Unislamische Aktivitäten"

Die Polizei nahm die Verfolgung der Täter auf. Nach einem Schusswechsel seien die Angreifer jedoch in die Berge geflüchtet, sagte Polizei-Offizier Waqar Ahmed. Er vermutete die radikalislamischen Taliban hinter der Tat. Mehr als einmal hatten die Islamisten damit gedroht, gewaltsam gegen Organisationen vorzugehen, die "unislamische Aktivitäten" verfolgen. Im aktuellen Fall wiesen die Taliban jedoch jede Beteiligung zurück.

World Vision denkt über Abzug aus Pakistan nach

"Wir sind tief betroffen, dass wir einheimische Mitarbeiter verloren haben, die sich sehr für eine Verbesserung der Lebensumstände in Pakistan eingesetzt haben", erklärte ein Sprecher von World Vision in Islamabad. Die Organisation stellte ihre Arbeit in der Nordwest-Provinz vorerst ein. "Ob wir unsere Arbeit in den nächsten Tagen und Wochen fortführen, ist noch nicht entschieden", sagt auch Silvia Holten. Sollte sich die Organisation zurückziehen, wären die ärmsten der Armen betroffen. Denn das Erdbeben und die Kämpfe im nahe gelegenen Swat-Tal haben unzählige Flüchtlinge in die Region gebracht. Menschen, die ohne die Hilfe ausländischer Organisationen kaum überleben können. Doch nach einem Angriff auf ihr Büro in Mansehra hatte sich schon die Hilfsorganisation Plan International im Februar 2008 zurückgezogen. Damals waren vier Mitarbeiter ums Leben gekommen.

Bisher war es vergleichsweise ruhig

Bislang sei der Distrikt Mansehra vergleichsweise ruhig gewesen, sagt World Vision-Sprecherin Silvia Holten. Vor dem Angriff habe es weder Drohungen noch sonstige Feindseligkeiten gegen die Mitarbeiter gegeben. Doch in jüngster Zeit häufen sich die Übergriffe der Taliban. Am 3. Februar tötete ein Bombenangriff im Bezirk Dir drei amerikanische Soldaten und fünf weitere Menschen. Sie hatten an der feierlichen Eröffnung einer Schule teilgenommen, die nach einem Islamistenangriff gerade erst mit westlicher Finanzierung wieder neu aufgebaut worden war.

APN/AFP
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