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Anschlag in Oslo Gerettet vom Paketboten


Die Bombe im Osloer Regierungsviertel explodierte direkt neben dem Büro von David S. Er hatte Glück: Weil er kurz ein Paket abholen wollte, war er nicht an seinem Platz.
Von Friederike Ott

Es war der Bote vom United Parcel Service, der David S. gerettet hat. Vor dem ohrenbetäubenden Lärm der Explosion. Vor berstenden Fensterscheiben, die seinen Körper hätten treffen können. Vielleicht hat er ihn sogar vor dem Tod bewahrt.

Am Freitagnachmittag, bevor die Bombe mehrere Gebäude im Osloer Regierungsviertel verwüstet und sieben Menschen tötet, sitzt David in seinem Büro. Der 31-Jährige ist freiberuflicher Cartoonzeichner und Filmkritiker, sein Schreibtisch steht im zweiten Stock des Gebäudes der norwegischen Arbeiterpartei, direkt am Fenster. Er hat einen guten Platz, von hier aus kann er auf den Regierungssitz schauen. Er schreibt gerade eine Kritik über den Film "Larry Crowne" mit Tom Hanks.

"Hier kennt jeder jemanden, der jemanden kennt"

Das Telefon unterbricht ihn. Es ist der Bote von UPS, der vor seiner Tür zu Hause steht, um ihm das elektronische Lesegerät Amazon Kindle zu liefern, das er bestellt hat. Da er nur ein paar Blocks entfernt wohnt, macht er sich schnell auf den Weg, vorbei am Regierungsgebäude. Nach zehn Minuten ist er zu Hause und nimmt das Päckchen in Empfang.

Er hört den Knall nicht, er merkt nicht, wie seine Fensterscheiben vibrieren. Vielleicht, weil er so gespannt auf seinen neuen Kindle ist. Erst das Klingeln seines Telefons hört er. Es klingelt wieder und wieder. Freunde, Bekannte und Verwandte fragen, wie es ihm geht. Sie wissen, dass sein Büro im Regierungsviertel ist, direkt dort, wo die Bombe detoniert ist. Er spricht auf seine Mailbox, dass es ihm gut geht. Er fürchtet, dass das Handynetz zusammenbrechen könnte.

David schaltet den Fernseher ein. Er sieht Bilder vom Parlamentsgebäude und von dem Haus der Arbeiterpartei, in dem auch sein Büro ist. Er sieht zerbroche Fensterscheiben, Trümmer, umgeworfene Autos, aufsteigenden Rauch. Noch vor ein paar Minuten ist er dort entlanggelaufen. Niemand seiner engsten Freunde ist unter den Opfern, das weiß er jetzt. Und die Kollegen, mit denen er sein Büro teilt, sind im Urlaub. Ob er jemanden kennt, der ums Leben kam, weiß er nicht, noch sind die Listen nicht veröffentlicht, doch er befürchtet es. "Norwegen ist ein kleines Land", sagt er. "Hier kennt jeder jemanden, der jemanden kennt."

"Niemand hier interessiert sich für ihre Papiere"

Abends macht er sich auf den Weg zum Regierungsviertel, er will wissen, was mit seinem Büro passiert ist. Wenn Menschen unter Schock stehen, machen sie sich manchmal über Dinge Sorgen, die in dem Moment nicht wichtig sind. David hat all seine Quittungen und Nachweise über seine Einkünfte im Regal direkt am Fenster aufbewahrt. Er fürchtet, dass die Wucht der Bombe all seine persönlichen Dokumente für das Finanzamt über das Regierungsviertel zerstreut haben könnte. Er sagt das der Polizistin, die ihn an der Absperrung stoppt. "Niemand interessiert sich für Ihre Papiere, hier liegen tote Menschen", erwidert sie. Da erst wird David bewusst, wie unwichtig seine Dokumente an diesem Nachmittag geworden sind.

Er geht mit ein paar Freunden in eine Bar. In eine der wenigen, die noch geöffnet ist in der Gegend. Er will nicht allein mit den Nachrichten sein.


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