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Anschlagsserie in Berlin Brennende Autos fast im Minutentakt


Es sind heiße Nächte im kalten Berliner Sommer. Nach einer kurzen Ruhephase werden in der Hauptstadt wieder Autos angezündet, scheinbar wahllos ausgesucht. Die Polizei ist ratlos.
Von Manuela Pfohl

Sind es linke oder rechte Extremisten? Trittbrettfahrer oder dumme Jungs auf Mutprobe? Vielleicht gar Versicherungsbetrüger? Beim Staatsschutz des Berliner Landeskriminalamtes versuchen die Fachleute seit Jahren den Brandstiftern auf die Spur zu kommen, die für die nächtlichen Zündeleien an Autos in Berlin verantwortlich sind. Immer wieder brennen im Stadtgebiet Fahrzeuge. Seit Jahresbeginn wurden in Berlin schon 80 Anschläge auf Autos registriert. Höhepunkt in der vergangenen Nacht: 15 Wagen, die Opfer der Flammen wurden.

Die Meldungen gingen fast im Viertelstundentakt ein und übertrafen damit sogar die Brandserie in der Nacht zum 12. Juli, als es in Charlottenburg eine ähnliche Häufung von sechs Brandstiftungen gab. Ziel der jüngsten Anschläge: Mercedes, Audi, BMW. Ein Opel. "Es spricht manches dafür, dass da eine politische Motivation dahinter steckt", sagt ein Polizeisprecher. Doch aus welcher Richtung das kommt, sei noch völlig offen.

Heiße Nachtschicht für die Feuerwehr

Dienstagabend gegen 22.30 Uhr notiert der Bereitschaftsdienst der Polizei den ersten Hinweis auf ein brennendes Auto in Berlin-Spandau. Wenig später muss die Feuerwehr nach Charlottenburg und dann nach Friedrichshain. Polizei und Feuerwehr kommen kaum hinterher. Erst um 2.45 Uhr ist Ruhe.

Die Bestandsaufnahme am Tag danach: Die meisten Autos brannten im Bezirk Charlottenburg, der immer noch in vielen Bereichen als wohlsituiert gilt. Doch es erwischte auch viele Autos im Norden des Bezirks, der an Spandau grenzt und eine sehr gemischte Bewohnerstruktur hat. Das macht die Suche nach den Brandstiftern für die Polizei immer schwieriger.

Schon als 2005 die ersten Autos in Berlin brannten, suchten die Ermittler Erklärungen für die Taten - und fanden nur selten Antworten. Man war deshalb froh, als es zwischenzeitlich ruhiger wurde. Doch schon 2007 ging es von vorn los: Damals brannten 152 Wagen. Im folgenden Jahr gab es 135 Anschläge. 2009 wurden 216 brennende Fahrzeuge in Berlin registriert. Eine kleine Berliner Softwareentwicklerfirma hatte daraufhin eine Karte ins Netz gestellt, die jeden einzelnen Anschlag verzeichnete. In rechten wie linken Internetportalen wurden die jeweils jüngsten Einträge gefeiert und gleichzeitig hämisch kommentiert. Da half es wenig, dass sich die Kreuzberger Firma ausdrücklich von den Brandstiftungen distanzierte. Im Juni 2010 schaltete sie die Seite ab. Bis zum Jahresende 2010 waren 260 Autos in Berlin in Brand gesetzt worden.

Die Motive sind völlig unklar

Als ab 2007 in Berlin und immer wieder auch in Hamburg Autos in Serie brannten, war die Sache für die Polizei einfacher. Denn es gab einige Hinweise auf die Motive und es traf meist ganz bestimmte Fahrzeuge. 2007 hatten linke Gruppen mit den Zündeleien zunächst gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm protestiert. In den Monaten danach ging es bei den sogenannten Actiondays unter anderem um Widerstand gegen Gentrifizierung. Die Zündeleien hatten das Motto: "Euch die Macht-uns die Nacht." 2009 gab es ein Bekennerschreiben, in dem eine Gruppe linker Radikaler die erneuten Brände versuchte zu begründen. Sie schrieb: "Die Anschlagsziele erklären sich weitgehend von selbst. Ordnungsämter stehen für Hartz IV und Behördenwillkür. Rüstungskonzerne, Bundeswehr und Militärlogistiker DHL stehen für die weltweiten Kriege. Und die Deutsche Bahn steht unter anderem für Castortransporte."

Doch längst scheinen die Ziele der Brandstifter völlig willkürlich gewählt. Es trifft rostige Kleintransporter von sozialen Initiativen in benachteiligten Stadtbezirken ebenso wie die Luxuskarossen der Besserverdienenden in den feinen Vierteln. In linken Internetforen werden die Brandstiftungen teils heftig kritisiert und rechte Nachahmer vermutet. Auch Bekennerschreiben von linksradikalen Gruppen, die sich die Brände auf die Fahnen schreiben, hat es schon lange nicht mehr gegeben. Lediglich einen vagen Hinweis: Nach den sozialen Unruhen in London machte in der vergangenen Woche in der Szene ein heftig umstrittener Aufruf die Runde, in dem es hieß: "London brennt, wann brennt Berlin?"

Die Berliner Polizei will das zurzeit nicht kommentieren und verweist stattdessen auf laufende Ermittlungen. Allerdings hat sie eine Belohnung von bis zu 5000 Euro für sachdienliche Hinweise auf die Brandstifter ausgesetzt - und bereitet sich auf die kommende Nacht vor.


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