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Antalya: Stillstand im Fall Marco

In den Fall Marco W. kommt keine Bewegung: Der Schüler muss einen weiteren Monat in Haft bleiben, das türkische Gericht in Antalya vertagte erneut den Prozess gegen den seit sieben Monaten inhaftierten 17-jährigen. Grund: Noch immer liegt keine Aussage des mutmaßlichen Opfers vor.

Wieder keine Entscheidung im Fall Marco W.: Der Missbrauchsprozess gegen den deutschen Schüler ist auf den 14. Dezember vertagt worden. Bis dahin müsse der Jugendliche in Untersuchungshaft bleiben, sagte der Anwalt der Eltern, Matthias Waldraff, in Uelzen, der Heimatstadt des Schülers. Die Eltern hofften aber weiter, dass ihr Sohn das Weihnachtsfest zu Hause verbringen könne. Das Gericht wartet auf die Aussage der englischen Schülerin Charlotte, die Marco beschuldigt, sie sexuell missbraucht zu haben.

Seine Anwälte haben Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg angekündigt. Diese sei bisher nicht eingereicht worden, weil die Juristen die schriftliche Aussage der Britin abwarten wollten, sagte sein Anwalt Michael Nagel, das sei "der einzige Grund". Nach seiner Kenntnis lagen die Unterlagen aber noch nicht in Antalya vor. Auch auf einen Befangenheitsantrag, den die die Anwälte gestellt hatten, habe das Gericht schriftlich bislang nicht reagiert.

Entscheidung binnen fünf Wochen gefordert

Der Trierer Strafrechtler Hans-Heiner Kühne, der das türkische Außenministerium in Menschenrechtsfragen berät, verlangt eine Entscheidung des Gerichts binnen der nächsten Wochen. Das Gericht müsse sich jetzt energisch darum bemühen, über einer richterliche Vernehmung oder eine Videoschaltung zu einer verwertbaren Aussage Charlottes zu kommen, sagte Kühne dem Deutschlandradio Kultur. Falls das nicht innerhalb der nächsten fünf Wochen geschehe, bewege sich das Gericht außerhalb des Rahmens, den der europäische Gerichtshof für Menschenrechte gesteckt habe.

Der 17-Jähirge soll die 13-jährige Engländerin Charlotte in einem Osterurlaub in der Türkei sexuell missbraucht haben. Seither sitzt er in der Türkei in Untersuchungshaft. Marco bestreitet die Vorwürfe. Unterdessen wurde er in ein anderes Gefängnis verlegt. Ein Grund dafür wurde nicht genannt. Auch seine Anwälte wollten dies zunächst nicht kommentieren.

Hans-Heiner Kühne kritisierte zudem das Vorgehen der deutschen Politik im Fall Marco. Die türkische Regierung in diesem Fall unter Druck zu setzen, "war das Dümmste, was man hat machen können". Die Haftbedingungen von Marco sind nach seiner Einschätzung nicht schlimmer als in Deutschland. Im Gegensatz zum deutschen Vollzug sei es üblich, die Menschen in einer Gemeinschaftszelle unterzubringen und ihnen tagsüber mehr Bewegungsfreiheit zu gewähren. "Bei uns kann es einem Häftling blühen, dass er 23 Stunden allein in seiner Zelle hockt und nur eine Stunde Hofgang hat. Was für seine psychische und physische Gesundheit sehr viel schlechter ist, als das, was Marco im Augenblick erlebt."

AP/DPA / AP / DPA