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Prozess um Pille "Yasminelle": Diese Frau legt sich mit der Bayer AG an

Zum ersten Mal beschäftigt sich ein deutsches Gericht mit der Gesundheitsgefahr durch die Anti-Baby-Pille. Die Geschädigte Felicitas Rohrer legt sich mit dem Riesen-Konzern Bayer an. Sie will nicht bloß Geld - sie will ein Urteil für Bayer.

Felicitas Rohrer posiert mit einer Packung der vom Pharma-Konzern Bayer AG vertriebenen Verhütungspille Yasminelle

Felicitas Rohrer klagt gegen Bayer wegen angeblicher Nebenwirkungen der Verhütungspille Yasminelle

Die Anti-Baby-Pille kann gefährlich sein. Ihre Nebenwirkungen können im schlimmsten Fall zum Tod junger, gesunder Frauen führen. Die Namen von Opfern sammelt Felicitas Rohrer seit Jahren. Sie selbst ist allem Anschein nach durch die Pille schwer krank geworden und beinahe gestorben - und macht den Chemie- und Arzneimittelkonzern Bayer dafür verantwortlich.

In den USA gab es schon einige Sammelklagen von Frauen, die durch Anti-Baby-Pillen von Bayer schwere Erkrankungen erlitten haben. Mehr als 10.000 Frauen - und die Familien der Todesopfer der Medikamente - haben sich der Klage gegen den Konzern angeschlossen. 1,9 Milliarden Dollar hat Bayer ihnen insgesamt bereits als Entschädigungen gezahlt. In jedem dieser Fälle hat Bayer sich vor einem Urteil mit der jeweiligen Klägerin in einem Vergleich geeinigt, stumm gezahlt - und so jedes Mal verhindert, dass ein Gericht verbindlich festhalten konnte, dass der Wirkstoff Drospirenon für die schweren Erkrankungen verantwortlich war. Und das, obwohl mehrere Gynäkologen in mehreren Interviews schon früh vor den Gefahren des enthaltenen Wirkstoffs Drospirenon gewarnt hatten. 

In Deutschland gibt es keine Sammelklagen. Wer hier sein Recht geltend machen will, der muss selbst antreten und sich allein in einem Gerichtsprozess dem riesigen Konzern stellen. Felicitas Rohrer hat das vor. Sie hat als junge, schlanke, gesunde Nichtraucherin eine beidseitige Lungenembolie erlitten und knapp überlebt - bleibt aber ein Leben lang geschädigt.

Felicitas Rohrer will die fraglichen Pillen verbieten lassen

Zu Beginn des Prozesses im baden-württembergischen Waldshut-Tiengen am Donnerstag wollte Bayer auch Rohrer zunächst mit Geld beschwichtigen. Es werde zunächst die Möglichkeit einer Einigung der Kontrahenten geprüft, sagte ein Gerichtssprecher zum Beginn. Aber Felicitas Rohrer will eben keine außergerichtliche Einigung, bei der bloß etwas Geld für sie selbst herausspringt.

Sie will einen Prozess. Und sie will, dass die Pille, durch deren Nebenwirkungen sie um ein Haar gestorben wäre, vom Markt kommt. "Es darf nicht sein, dass so ein großer Konzern ein Medikament auf den Markt bringt, das junge, gesunde Frauen töten kann" sagte Rohrer am Tag vor dem Prozessauftakt im ARD-"Morgenmagazin". 

Für ihr eigenes Leiden fordert Rohrer außerdem Schmerzensgeld und Schadenersatz in Höhe von 20.000 Euro. Ihren Beruf kann sie nicht mehr ausüben, Sport ist tabu, stattdessen sind Kompressionsstrümpfe und blutverdünnende Medikamente an der Tagesordnung. 

28 Tote in Deutschland, 190 in den USA

Mit der Bayer AG legt Rohrer sich mit einem mächtigen Gegner an: 119.000 Mitarbeiter hat der Konzern, 42,2 Milliarden Euro Jahresumsatz, 8,8 Milliarden Euro Gewinn. Mit der Pille "Yasminelle", die Rohrer vom Markt wissen will, verdient Bayer sogar mehr als mit dem Dauerläufer Aspirin, der in fast jedem Haushalt zu finden ist.

Auf seiner Internetseite preist Bayer an: "Wir arbeiten nachhaltig und stellen uns unserer Verantwortung als sozial und ethisch handelndes Unternehmen". Rohrer glaubt das nicht. Im Fall von Felicitas Rohrer spricht der Konzern zu seiner Verteidigung immer wieder von einem nicht repräsentativen "Einzelfall". Um das widerlegen zu können, hat Rohrer jungen Frauen auf ihrer Website "Risiko-Pille.de" die Möglichkeit gegeben, ihre eigenen Fälle zu schildern. Inzwischen haben sich dort mehr als 300 Frauen gemeldet; einige von ihnen leben aufgrund der Folgen ihrer Thrombosen und Embolien nicht mehr. Rohrer zeigt sie alle. Für den Fall, dass die Verteidiger auch im Prozess an ihrer Einzelfall-Theorie festhalten, will Rohrer im Gerichtssaal jeden einzelnen Namen dieser Liste vorlesen. Das tut sie auf der Hauptversammlung der Bayer-Aktionäre bereits seit Jahren. Dort hat sie ein Rederecht - wurde bislang aber kaum gehört, denn wenn sie an der Reiheh ist, ist längst das Buffet eröffnet.

Durch Pillen, die wie Yasminelle den Wirkstoff Drospirenon enthalten, sind laut der "Food and Drug Administration" in Deutschland bereits 28, in den USA rund 190 Frauen gestorben. Das sind für Rohrer genug Gründe, für einen ordentlichen Prozess und ein Urteil zu kämpfen.

Gericht rechnet mit langem Prozess

Bayer wehrt sich gegen die Unterstellung, von den Gefahren des Medikaments gewusst und verschwiegen zu haben - trotz der Warnungen von Seiten der Ärzte. Zwar will Bayer Rohrer keinen Glauben schenken. Dennoch hat der Konzern den Beipackzettel der Pille "Yasminelle" ergänzt, nachdem Rohrer vor vier Jahren erstmals mit ihrer Geschichte an die Presse gegangen war. 

Rohrer erlitt ihre Lungenembolie im Jahr 2009 - der Beipackzettel ihrer Pillenpackung stammt aus dem Jahr 2008; die Neuauflage wurde überarbeitet. Unter "häufige Nebenwirkungen" sind Stimmungsschwankungen, Akne und Kopfschmerzen aufgelistet, als „gelegentliche Nebenwirkungen“ sind zwischen Depressionen, Hautkribbeln, Fieberbläschen, Schlafstörungen und Schwellungen der Schleimhäute auch Thrombosen und Lungenembolien genannt. Und weiter unten, unter Risikofaktoren, wird erwähnt, dass Thrombosen "bei zunehmendem Alter" auftreten können, "wenn Sie übergewichtig sind". Außerdem erhöhten hoher Blutdruck, hohe Blutfettwerte und Diabetes das Risiko. All das traf und trifft auf Rohrer nicht zu, sagt sie. Sie war jünger als 30 Jahre, als sie begann, die Pille "Yasminelle" einzunehmen, nicht übergewichtig und rauchte auch nicht. Heute ist sie 31 - und tritt den eventuell langen Rechtsstreit entschlossen an.

Da Rohrer sich auf keine außergerichtliche Einigung einlassen will, rechnet das Gericht mit einem langwierigen Verfahren. "Solche Prozesse könnten Jahre dauern", sagte der Vorsitzende Richter Johannes Daun. Sein Gericht betrete mit dem Verfahren Neuland. Zum ersten Mal überhaupt beschäftigt sich ein deutsches Gericht mit der Gesundheitsgefahr durch die Anti-Baby-Pille. Mindestens zwei Sachverständige müssten hinzugezogen werden. Eine schnelle Entscheidung ist nicht in Sicht. Nach der Eröffnung am Donnerstag wird die Verhandlung erst im nächsten Jahr fortgesetzt.

jen