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Arbeiten im Jobcenter: "Nichts für Zartbesaitete"

Es geht oft um Ablehnung von Hartz-IV-Leistungen - Jobcenter-Mitarbeiter werden beleidigt und bedroht. Auch wenn eine tödliche Messerattacke wie in Neuss die Ausnahme ist.

Anja Huth macht keinen Hehl daraus. Die Arbeit in einem Jobcenter sei nichts für Zartbesaitete. Wer da arbeite, müsse sich "wegen der verbalen Attacken einen dicken Pelz zulegen", meint die für Hartz IV zuständige Bundesagentur-Sprecherin. Beschimpfungen und Drohungen gehörten zum Alltag der Jobcenter-Mitarbeiter, deutet sie an. Im Verhältnis zu den Millionen von Hartz-IV-Empfängern sei die Zahl der Rüpeleien und Übergriffe in Jobcentern aber gering.

Eine Messerattacke auf eine Jobcenter-Beschäftigte wie am Mittwoch in Neuss trifft allerdings auch die mit dem rauen Umgangston vertraute BA-Mitarbeiterin hart. "Wir sind in Gedanken bei den Familienangehörigen und Freunden des Opfers". Dennoch macht Huth auch klar: "Das ist ein tragischer Einzelfall."

Dass die deutschen Jobcenter dennoch ein brisantes Spannungsfeld darstellen, gibt sie gerne zu: "In den Jobcentern geht es für die Leute um die Existenzsicherung, ums tägliche Überleben. Arbeitslos zu sein, frustriert. Entsprechend ist dort auch ein Frustrationspotenzial vorhanden", beschreibt sie die Situation in vielen deutschen Jobcentern. Allein in den ersten fünf Monaten 2012 bekamen mehr als 146 000 Hartz-IV-Empfänger wegen Regelverstößen die Leistungen gekürzt.

Beschimpfungen und Drohungen gehören zum Alltag

Meist bleibe es zum Glück bei lautstarken Beschwerden der "Kunden", wie Hartz-IV-Empfänger im BA-Jargon genannt werden. "Wir haben aber auch schon mal Situationen, dass ein PC auf den Boden geworfen, eine Tür demoliert oder eine Scheibe eingeworfen wird", deutet Huth an, ohne Zahlen zu nennen.

Ihre Mitarbeiter sehen Bundesagentur und die an den Jobcentern beteiligten Kommunen für solche Situationen allerdings gut vorbereitet. Es geben in allen Arbeitsagenturen und Jobcentern ein Sicherheitssystem. Es stehe den Jobcentern auch frei, eigene Sicherheitsdienste anzuheuern. In Berlin etwa stehen in allen zwölf Jobcentern Wachleute bereit, um allzu empörte Hartz-IV-Bezieher zur Räson zu rufen und notfalls ein Hausverbot durchzusetzen.

Vorrangig aber setzt die BA auf sogenannte Deeskalationsstrategien: In Kursen erhalten Jobcenter-Mitarbeiter das nötige Rüstzeug, um beschwichtigend auf empörte Arbeitslose einzuwirken. Entsprechende Projekte liefen sehr erfolgreich, versichert BA-Sprecherin Huth.

Jobcenter-Mitarbeiter lernen Deeskalationsstrategien

Einige Jobcenter haben nach Übergriffen Arbeitsloser auch Büroräume entsprechend umgestaltet. So wurde einem Bericht der "Berliner Morgenpost" zufolge im Jobcenter Spandau darauf geachtet, die Büros der Sachbearbeiter mit mehr als einer Tür zum Flur zu versehen. Zwischen den Büros gebe es Zwischentüren, so dass Kollegen aus Nachbarbüros bedrängten Mitarbeitern schnell zur Hilfe kommen könnten. Zudem verfügten die Mitarbeiter dort über ein internes Notrufsystem, mit dem rasch Hilfe gerufen werden könne.

Dass die Furcht - nicht zuletzt nach der Messerattacke einer Frau in einem Frankfurter Jobcenter im Mai 2011 - unter den Mitarbeitern der Grundsicherungsstellen groß ist, belegte eine Umfrage der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) vom vergangenen Jahr unter Betroffenen. Etwa 70 Prozent der befragten Jobcenter-Mitarbeiter fühlten sich danach an ihrem Arbeitsplatz gelegentlich oder oft unsicher oder bedroht.

Sehr selten seien in den Jobcentern allerdings "extreme Formen", wie körperliche Gewalt, Angriffe mit Waffen oder Geiselnahmen, heißt es in der Studie. "Meistens sehen sich die Angestellten Beleidigungen und Verweigerungshaltungen gegenüber, oft auch von alkoholisierten oder unter Drogen stehenden Kunden." Nach Ansicht des stellvertretenden DGUV-Hauptgeschäftsführers Walter Eichendorf sollten diese psychische Gewalt genauso ernst genommen werden wie der psychische Gewalteinsatz, fordert er.

val/DPA / DPA
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