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Attentat bei "Batman"-Premiere: Ein Hochbegabter dreht durch

Schüchtern, einzelgängerisch – aber auch nett und freundlich. Trotz eines großen wissenschaftlichen Potentials brach James Holmes sein Studium ab und plante akribisch seinen Amoklauf.

Von Gernot Kramper

Wer ist James Eagen Holmes? Ganz Amerika fragt sich, was trieb ihn dazu, ein Dutzend Menschen in einem Kinosaal zu erschießen? Noch sind nur Konturen über den Todesschützen von Aurora bekannt. Er scheint ein brillanter, junger Student gewesen zu sein. Ein Einzelgänger mit großem wissenschaftlichem Potential. Deutlich wird auch, dass er seinen Anschlag akribisch plante mit dem Ziel, möglichst viele Menschen zu töten.

Jackie Mitchell, ein Möbelpacker, der mehrere Häuserblocks von dem Verdächtigen entfernt lebt, hat Holmes noch am Dienstag in einer Bar getroffen, mit ihm getrunken, und konnte kein Zeichen von Stress oder Gewalttätigkeit an ihm entdecken. "Wir sprachen nur über Sport", so Mitchell zu US-Medien. "Er hatte einen Rucksack und schien ein echt intelligenter Kerl zu sein. Ich dachte, er wäre einer dieser College-Studenten."

Umfangreiches Waffenarsenal

Dabei müssen Holmes Planungen zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen gewesen sein. Im Juni verließ er die Universität. Gleichzeitig begann er, sich ein Waffenarsenal zuzulegen. In den letzten zwei Monaten kaufte Holmes vier Waffen. Am 22. Mai erwarb er eine Pistole der Marke Glock in Aurora, sechs Tage später eine Remington Schrotflinte in Denver. Noch etwa zwei Wochen später ein Gewehr von Smith & Wesson in Thornton, Colorado. Am 6. Juli legte er sich eine weitere Glock in Denver zu – das war 13 Tage vor seinem Attentat. Gleichzeitig soll er mehr als 6000 Schuss Munition erworben haben. Fest steht: Entweder der 24-Jährige borgte sich Geld oder er hatte keine wirtschaftliche Not. Allein für das Waffenarsenal muss er weit über 10.000 Dollar ausgegeben haben. Ein Gewehr soll er Auroras Polizeichef Dan Oates zufolge mit einem speziellen Magazin aufgerüstet haben, das 100 Schuss fassen kann.

Todesfallen in der Wohnung

Auch seine Wohnung verwandelt der Attentäter in eine Todesfalle. Dort deponierte er Stolperdrähte und Kanister mit einer unbekannten Substanz. Das Ganze ist so perfide ausgeführt, dass die Polizei noch Stunden oder gar Tage benötigen wird, um alle Bomben zu entschärfen. "Ich habe nie etwas Ähnliches gesehen", sagte Oates. Die Sprengfallen waren aber offenbar nicht für die Polizei gedacht, sondern für seine Mitbewohner. Als Holmes im Kino war, dröhnte Technomusik aus seiner Wohnung.

Ein Hausbewohner rief die Polizei wegen der Ruhestörung. Auch Kaitlyn Fonzi, eine 20-jährige Biologie-Studentin, die in einer Wohnung unter ihm lebt, hörte den Krach. Fonzi ging nach oben und wollte sich beschweren. Die Tür stand offen, doch Fonzi mochte nicht in die fremde Wohnung eindringen. Diese Scheu rettete ihr vermutlich das Leben.

James Holmes, genannt Jimmy, stammt aus einer gutsituierten Wohngegend in San Diego mit zweistöckigen Häusern mit roten Ziegeldächern. Mutter Alrene ist laut US-Medien Krankenschwester, Vater Robert Softwarefirma-Managers. Sohn Jimmy soll ein brillanter Schüler gewesen sein. Die Nachbarn der Familie erinnern sich an ihn als einen fleißigen, stillen und schüchternen Menschen. Immer wieder fällt das Wort "Einzelgänger". Julie Adams, deren Sohn als Jugendlicher mit Holmes Fußball spielte, sagt, ihr Junge wisse nur wenig über den Verdächtigen, was eigentlich ungewöhnlich für eine eingeschworene Mannschaft sei. "Ich glaube nicht, dass viele der Kinder ihn besser kannten. Er war eben ein Einzelgänger."

Die Mai-Familie lebte amerikanischen Presseberichten zufolge 15 Jahre neben den Holmes‘ in San Diego. Die 17-jährige Christine Mai sagte US-Medien, sie habe nie erlebt, dass Jimmy Holmes ausgerastet sei. Auch habe sie ihn nie mit einer Waffe beobachtet sowie mit Freunden oder einer Freundin gesehen. "Er war ein netter Kerl", sagte sie.

Blieb der Abschlussfeier fern

Das neurowissenschaftliche Studium an der University of California, Riverside, schloss Holmes mit den besten Noten im Frühjahr 2010 ab. In seinen Leistungen zählte er zu "den Besten der Besten", erinnerte sich der Kanzler von Riverside, Timothy P. Weiß. An der Universität arbeitete Holmes an dem Thema, "wie wir uns verhalten", sagte White. "Das ist ironisch und traurig." Holmes blieb der offiziellen Abschlussfeier fern.

Nach seinem Studium nahm Holmes zeitweise einen Job in einem nahe gelegenen McDonalds an. "Da fühlte ich mich ihm, weil er doch so hart studiert hatte", berichtet Christine Mai weiter. "Mein Bruder meinte auch, dass irgendwie fertig aussah und deprimiert." Vergeblich habe er versucht, einen angemessenen Job zu finden, berichtet der Elektroingenieur Tom Mai. Im letzten Jahr schrieb sich Holmes für einen Aufbaustudiengang an der University von Colorado ein. Er verließ das Programm im Juni, ohne einen Grund anzugeben, sagten Angestellte der Hochschule. Zu diesem Zeitpunkt begann er, sich Waffen zu besorgen. Noch im Mai hatte er eine Präsentation zum Thema "Biologische Grundlagen psychiatrischer und neurologischer Erkrankungen" in seinem Kurs gehalten. Danach soll er das Unigelände nicht mehr betreten haben.

Nie auffällig geworden

Als Student verhielt sich Holmes unauffällig. Die Sprecherin des Gerichtsbezirks San Diego, Karen Dalton, gab bekannt, es gebe keine Aufzeichnungen über ihn, nicht einmal einen Strafzettel. Und auch im Bezirk Riverside lägen keine Vorstrafen vor, sagte John Hall, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Auch in den sonst allwissenden sozialen Medien finden sich keine Spuren von Holmes. Er ist weder auf Facebook, LinkedIn, MySpace oder Twitter ausfindig zu machen. Entweder hat er diese Dienste gemieden oder er hat seine Spur verwischt. Denkbar ist aber auch, dass er ein bis jetzt nicht bekanntes Pseudonym benutzte.

Wenig ist also fassbar. Probleme beim Berufseinstieg und eine sehr zurückgezogene Lebensführung, das sind die auffälligsten Besonderheiten in Holmes Leben. Sein Motiv, Menschen in einem Kino zu überfallen und zu töten, ist unklar. Derzeit spricht Holmes nicht mit der Polizei, hat um einen Anwalt gebeten. Erst wenn er sich erklärt und die Ermittler Inhalte seiner Wohnung und seines Computers ausgewertet haben, dürfte etwas mehr Licht auf diese unfassbare Tat fallen - und deren Urheber.