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Aurora-Opfer Jessica Ghawi Überlebt, um zu sterben


"Film beginnt in 20 Minuten", twittert Jessica Ghawi aus dem Kinosaal. Wenig später stirbt sie im Kugelhagel. Anfang Juni in Toronto rettet ihr ein "komisches Gefühl" noch das Leben.
Von Ingo Scheel

"Mein Bruder hat grad acht Tacos gegessen, aber er nimmt einfach nicht zu. Warum habe ich dieses 'Problem' nicht?", twittert Jessica Ghawi am Morgen des 19. Juli 2012. Sie zieht im Nacktscanner am Flughafen den Bauch ein. Sie liebt ihre Großmutter so sehr, dass sie ihren eigentlichen Familiennamen Ghawi zugunsten von deren Nachnamen Redfield ablegt. Und sie steht auf Eishockey. Erst ein Jahr zuvor ist die junge Frau von San Antonio nach Colorado gezogen. Sie absolviert Praktika bei lokalen Radio-Stationen, beginnt über das Team der Colorado Avalanches zu berichten. Ihr Credo: "Ihr findet mich im TV-Studio. In der NHL-Arena, in der Umkleidekabine. (…) Im Flugzeug. Schreibend. Sarkastisch. Keck. Derb. Grammatik-Snob."

Am Morgen des 19. Juli drehen sich ihre Gedanken um den Bruder, der essen kann, was er will, ohne dabei zuzunehmen. Der Grammatik-Snob in ihr diskutiert mit Twitter-Followern das Für und Wider des Semikolons, des "Oxford Commas". Am Abend soll es ins Kino gehen. Zusammen mit Brent, einem guten Freund, will Jessica die Premiere des neuen Batman-Films "The Dark Knight Rises" anschauen. Der Blockbuster von Christopher Nolan läuft im "Century 16"-Kino in Aurora. "Film startet in 20 Minuten", twittert sie kurz vor Beginn der Vorstellung. Wenig später ist sie tot. Zusammen mit elf weiteren Kinobesuchern stirbt sie im Kugelhagel des 24-jährigen Amokläufers James Holmes.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Keine zwei Monate ist es her, da war Ghawi schon einmal zur falschen Zeit am falschen Ort. Im "Eaton Center" von Toronto ging sie shoppen, nahm einen Snack zu sich. Sushi essen war zunächst die Idee, spontan entschied sie sich um und aß einen "schmierigen Hamburger", einen "greasy Burger", wie sie in ihrem Blog schreibt. Anschließend änderte sie erneut ihren Plan. Statt bei SportCheck zu stöbern, drängte es sie plötzlich nach draußen in den Regen. Sie kann es sich im Nachhinein selbst kaum erklären. Es war ein "komisches Gefühl, eine Art Beklemmung in der Brustgegend", das sie plötzlich und unvermittelt aufbrechen ließ. "18.20 Uhr" ist die Uhrzeit auf ihrem Restaurant-Bon, um 18.23 Uhr eröffnete dort ein 23-Jähriger das Feuer, tötete einen Mann, verletzte sieben weitere teilweise schwer.

"A Run on of Thoughts" heißt die Website, auf der Jessica Ghawi von diesem Tag berichtet. Der Blog ist nur karg gefüllt. "I like my Hockey how I like my Men", ein satirischer Text über die Typologie von Verehrern. Vom Klassenclown bis zum "Bad Guy". Und eben ihr Text, ihre gesammelten Gedanken über den Tag, an dem sie mit dem Leben davon kam. "Mir wurde gezeigt (...), wie zerbrechlich das Leben ist", schreibt sie in den "Late Night Thoughts on the Eaton Center Shooting", den Nachtgedanken über das Toronto-Massaker. "Ich sah die Opfer eines sinnlosen Verbrechens. (...) Ich wurde daran erinnert, dass wir nicht wissen, wann und wo unser Leben auf der Erde enden wird. Wann oder wo wir unseren letzten Atemzug tun werden. Für einen Mann (das Opfer in Toronto) war es inmitten einer gefüllten Imbisshalle an einem Samstagnachmittag."

"Sie brachte einen Raum zum Leuchten"

Keine zwei Monate nach diesem grauenvollen Tag wird sie selbst Opfer eines Verbrechens. Kein komisches Gefühl in der Bauchgegend diesmal. Sie sitzt im Saal des "Century"-Kinos und freut sich auf die "Batman"-Mitternachtspremiere. "Loser" neckt sie via Twitter ihren Kumpel Jesse Spector, der den Film verpasst. Kurze Zeit danach eröffnet der Amokläufer im Kinosaal des "Century" das Feuer. Eine Kugel trifft Ghawi ins Bein, auch Brent wird getroffen. Kurz darauf stirbt sie an einem Kopfschuss.

"Sie war dabei, eine große Sportjournalistin zu werden." schreibt Freund und Kollege Joey Maestas in einem emotionalen Nachruf auf sportsillustrated.com. "Sie brachte einen Raum zum Leuchten, wenn sie ihn betrat. Mit ihrem Humor und ihrer Leidenschaft für den Journalismus."

Vor einigen Tagen hatte sie sich noch via Twitter über ein Familienereignis gefreut: "Es ist offiziell. Am 6. August werde ich Patentante. Das arme Kind weiß noch gar nicht, was auf es zukommt."


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