HOME

Ausbrecher-Prozess in Aachen: Wie Heckhoff und Michalski Deutschland in Atem hielten

Vor dem Aachener Landgericht hat am Donnerstag der Prozess um den spektakulären Gefängnisausbruch der Schwerverbrecher Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski begonnen.

Vor dem Aachener Landgericht hat am Donnerstag der Prozess um den spektakulären Gefängnisausbruch der Schwerverbrecher Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski begonnen. Nach ihrer Flucht aus der Justizvollzugsanstalt Aachen hatten die beiden bereits zu lebenslanger Haft und Sicherungserwahrung verurteilten Gangster im November vergangenen Jahres fünf Tage lang die Menschen in Deutschland in Atem gehalten.

Die Staatsanwaltschaft wirft Heckhoff und Michalski schwere räuberische Erpressung, erpresserischen Menschenraub und Geiselnahme vor. Denn auf ihrer Flucht hatten die Verbrecher immer wieder unbeteiligte Personen in ihre Gewalt gebracht und sie gezwungen, ihnen Unterschlupf zu bieten oder sie mit dem Auto in die nächste Stadt zu fahren.

Mit auf der Anklagebank sitzt ein 40-jähriger JVA-Beamter der den Verbrechern bei der Flucht geholfen haben soll. Er ist wegen Beihilfe angeklagt. Er soll den Verbrechern nicht nur den Weg aus dem Gefängnis geebnet, sondern ihnen auch zwei scharfe Dienstpistolen zugespielt haben.

Die Schwerverbrecher waren am 26. November vergangenen Jahres aus der Justizvollzugsanstalt Aachen entkommen. Erst nach dreitägiger fieberhafter Fahndung gelang es der Polizei, den Geiselgangster Heckhoff in Mülheim festzunehmen. Zwei Tage später wurde auch der verurteilte Mörder Michalski gefasst. Ihre Flucht führte unter anderem zu Rücktrittsforderungen an die Adresse der nordrhein-westfälischen Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter.

Für den Prozess sind zunächst 17 Verhandlungstage anberaumt. Mit einem Urteil wird am 17. Juli gerechnet.

Die Chronologie des Ausbruchs

26. November Gegen 20.00 Uhr: Die beiden Schwerverbrecher überwinden auf den Weg zur Gefängnispforte fünf abgeschlossene Türen. Den Schlüssel haben sie laut Heckhoff in der Schlosserei angefertigt. An der Pforte schlagen sie einen Vollzugsbeamten zu Boden, fesseln und knebeln ihn und ziehen ihm eine Kapuze über den Kopf. Dem Pförtner zwingen sie dann, die Tür zu öffnen und ihnen zwei Dienstwaffen und Handschellen auszuhändigen, wie Heckhoff später erzählt. Mit einem Taxi lassen sie sich nach Kerpen bringen. Kurz vor 20.20 Uhr: Zwei Beamte entdecken ihren gefesselten und geknebelten Kollegen und den verwirrt wirkenden Wärter aus der Pforte. Sie schlagen Alarm, die Polizei leitet die Fahndung ein. Gegen 22.30 Uhr: Die Ausbrecher erreichen Köln, nachdem sie in Kerpen in ein weiteres Taxi umgestiegen sind. Am Dom steigen sie aus und bezahlen. Die erste Nacht in Freiheit verbringen sie laut Heckhoff unter einer Brücke.

27. November

13.30 Uhr: Die Polizei nimmt einen 40-jährigen JVA-Beamten aus Aachen fest. Er steht im Verdacht, den beiden Gangstern bei ihrer Flucht geholfen zu haben. Gegen Nachmittag: Die beiden Geflohenen zwingen eine junge Frau in Köln, sie mit ihrem Auto nach Essen zu fahren. In Essen-Kettwig geht dem Wagen am Abend der Sprit aus, Michalski und Heckhoff fliehen zu Fuß weiter. Eine Fahndung unter anderem mit Hubschraubern und Wärmebildkameras im Essener Ausflugsgebiet Baldeneyseee bringt keinen Erfolg. Nach Darstellung Heckhoffs laufen die beiden Flüchtigen dort fast in eine Polizeistreife, verstecken sich unter zwei Schubkarren.

28. November

Samstagmorgen: Michalski und Heckhoff dringen in das Haus eines Ehepaares in Essen ein und verbringen dort mehrere Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit. Sie bedrohen den 56-Jährigen und seine 53 Jahre alte Frau mit einer Waffe. Gegen 17.30 Uhr: Die beiden Gangster lassen sich von dem Ehepaar nach Mülheim an der Ruhr - der Geburtstadt Heckhoffs - fahren, wo sie ihre Geiseln unverletzt freilassen. Den Wagen parken die Ausbrecher in einer Seitenstraße.

29 November

10.15 Uhr: Passanten entdecken den Fluchtwagen und alarmieren die Polizei. 11.03 Uhr: In der Nähe wird Heckhoff von einem Spezialeinsatzkommando festgenommen. Michalski soll sich zu diesem Zeitpunkt in unmittelbarer Nähe befinden. Heckhoff sei auf der Flucht gestürzt, er habe seinen Komplizen aufgefordert, ihn zurückzulassen, sagt er später. Die Ermittler verstärken die Sicherheitsvorkehrungen in Mühlheim erheblich. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten stehen an den Straßen, zahlreiche Autos werden kontrolliert - ohne Erfolg. 22.36 Uhr: Die Polizei appelliert an Michalski, sich zu stellen: "Beenden Sie Ihre Flucht, bevor Menschen zu Schaden kommen."

30. November

Früher Montagmorgen: Ein Sondereinsatzkommando durchsucht ein Hochhaus der Iduna-Versicherung in Mülheim, wo eine Tasche mit verschmutzter Wechselkleidung gefunden wird. Dort habe sich im Laufe des Wochenendes mindestens einer der beiden Flüchtigen aufgehalten, sagt eine Polizeisprecherin. Montagvormittag: "Ernstzunehmende Hinweise" führen die Polizei auf eine Spur nach Bielefeld. Hier starten die Fahnder einen Großeinsatz. Montagabend: Nach einem Zeugenhinweis wird ein Gelände in Gütersloh-Niehorst durchsucht. Dabei ist auch ein Hubschrauber im Einsatz. Die Suche bleibt allerdings ohne Erfolg.

1. Dezember

Um 9.50 Uhr wird Michalski in Schermbeck im Kreis Wesel von Spezialeinsatzkräften der Polizei festgenommen.

APN / APN