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Ausbrecher-Prozess in Ludwigsburg "Gefängnismeuterei" wegen einer Porno-Queen


Sie wollten doch nur die ungarische "Pornokönigin" sehen. Deshalb riskierten drei Häftlinge der JVA Heimsheim den Ausbruch. Obwohl sie am Morgen zurückkehrten, drohen ihnen nun drakonische Strafen.
Von Mathias Becker

Was sind schon zwei Schrauben, wenn auf der anderen Seite des Fenstergitters die Party des Jahrhunderts steigt? "Welcome-Drink" und "Showdancer" hatte der Stuttgarter "Aer Club" für den 1. Juli 2011 angekündigt – und als "Sahnehäufchen" eine Autogrammstunde der ungarischen Pornokönigin Jenna Jane, Maße 98-62-90. "Ganz Stuttgart war auf der Party", behauptet Miroslav P., 33, ein großgewachsener Kerl, dem man die vielen Stunden im Kraftraum ansieht. Auf dieser Party wollte er nicht fehlen.

"Mir war langweilig", gibt P. am Dienstag vor dem Amtsgericht Ludwigsburg zu Protokoll, als dort der Prozess gegen ihn, Mohamed E., 37, und Tim H., 36, eröffnet wird. Die Schrauben waren schnell gelöst, schon ließ sich das Fenstergitter einen Spalt aufklappen. Die kleine Zange, mit der er das Fenster öffnete, habe er zufällig in der Tasche gehabt. "Damit entlüftet man den Motor", erklärt P., ein Freigänger, der tagsüber als Kraftfahrer arbeitet. Die drei Angeklagten geben sich alle Mühe, ihren kleinen Ausflug ins Stuttgarter Nachleben als spontane Aktion darzustellen. Denn wenn das Gericht ihnen nachweist, dass sie den Ausbruch gemeinsam geplant und umgesetzt haben, könnten sie wegen "Gefängnismeuterei" verurteilt werden. Höchststrafe: fünf Jahre. Ein hoher Preis für ein Autogramm.

Als "Freigänger" durften sie das Freigängerheim in Ludwigsburg ja ohnehin jeden Morgen verlassen, sie arbeiteten außerhalb der Mauern, die Wochenenden verbrachten sie bei ihren Familien, führten beinahe wieder ein normales Leben. Bald wären sie entlassen worden. Miroslav P., der wegen Betrugs einsaß, hatte nur noch einen Monat vor sich. Mohamed E. noch drei Monate wegen Fahrens ohne Führerschein. Tim H., ebenfalls wegen Betrugs verurteilt, sechs Monate. Um acht Uhr des nächsten Morgens hätten sie ins Wochenende gehen können, doch in dieser Sommernacht war kein Halten mehr. Seit Tagen hatten Erzählungen um das Event namens "Porno Buongiorno" die Runde gemacht. 98-62-90. Zwei Schrauben. Kurz vor Mitternacht kletterten sie in die Freiheit.

Bubenstreich oder Gefängnismeuterei?

"Eigentlich wollte ich am nächsten Morgen mit meiner Freundin auf den Markt gehen, Gemüse einkaufen", sagt Mohamed E., ein untersetzter Typ mit freundlichem Lächeln. Zum kahlrasierten Schädel trägt er einen buntgestreiften Schal. Er wisse ehrlich nicht, warum er abgehauen sei, wiederholt er immer wieder, die Hände zwischen die Oberschenkel geklemmt. Als er in die Küche kam, sei das Fenster bereits offen gewesen, das Gitter gelöst gewesen. P. und H. seien auch in der Küche gewesen, also habe man über die Party im "Aer Club" gesprochen. "Vielleicht war es ein Reflex. Vielleicht Coolness", so Mohamed E.. Auf einmal standen sie auf der Straße. "Jetzt sind meine Freundin und mein Job weg. Und ich muss jeden Tag an diesen Fehler denken."

"Freiheitsdrang", antwortet Tim H., ein hochgewachsener, ruhiger Typ, dem man keine Knastkarriere zutrauen würde, auf die Frage des Richters nach seinem Motiv. "Das Fenster war offen. Also habe ich einen günstigen Moment abgewartet und bin rausgeklettert." Dann sei er mit den anderen beiden mit dem Taxi die 15 Kilometer nach Stuttgart gefahren.

Etwa gegen Mitternacht bemerkte ein Beamter bei einem Kontrollgang das lose Gitter und das geöffnete Fenster und zählte durch. Er schlug keinen Alarm, er war sich ja sicher, dass die drei zurückkommen. In seinen Augen, sagte der Beamte vor Gericht, sei das ein "Bubenstreich" gewesen.

"Habe sie nicht mal gesehen"

Ob das Gericht diese Einschätzung teilt, wird sich zeigen: Der Leiter der JVA Heimsheim hatte in der ersten Vernehmung notiert, die Beschuldigten hätten angegeben, sich bereits am Mittag verabredet zu haben. Vor Gericht widersprechen alle drei vehement.

Und Jenna Jane? Einzig Tim H. hat ein Autogramm von ihr ergattert. "Ganz ehrlich: Ich habe sie nicht mal gesehen!", sagt Mohamed E. am Rande des Prozesses. Sein Anwalt, Christian Bonorden, will auf Freispruch plädieren, der Tatbestand der Gefängnismeuterei sei nicht erfüllt, wenn lediglich einer zwei Schrauben losgedreht habe und die anderen durch das geöffnete Fenster gestiegen seien, ohne Plan.

Miroslav P. behauptet kühn, dass andere Häftlinge seit Jahren den Weg durchs Küchenfenster zu Ausflügen nutzen. "Wer will, dass niemand rausgeht, macht das doch nicht nur mit ein paar Schrauben fest", stellt er fest - und erklärt sich gern bereit, das Gitter vernünftig festzuschweißen.


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