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Ausnahmezustand in Jamaika: Drogenkrieg im Ferienparadies

Eine Polizeistation brennt, Schüsse fallen, Barrikaden aus Autowracks und Stacheldraht versperren die Straßen von Kingston. Einer der gefährlichsten Drogenbosse, Christopher "Dudus" Coke, soll an die USA ausgeliefert werden - seine Anhänger wollen dies verhindern.

Nach tagelanger Konfrontation zwischen Polizei und Drogengangstern hat der jamaikanische Ministerpräsident Bruce Golding am Sonntag den Ausnahmezustand über Teile der Hauptstadt Kingston und des angrenzenden Bezirks St. Andrew verhängt. Anhänger des Drogenbosses Christopher "Dudus" Coke versuchen mit Gewalt dessen Auslieferung an die USA zu verhindern. Dort droht ihm eine lebenslange Haftstrafe. Das US-Justizministerium sieht in Coke einen der gefährlichsten Drogenbosse weltweit.

Polizeichef Owen Elington sagte, Bewaffnete hätten sich zusammengeschlossen, um den Drogenboss in seinem Stadtviertel Tivoli Gardens zu beschützen. Einwohner hatten schon vor Tagen Barrikaden errichtet, um den Sicherheitskräften den Zugang zu versperren. Das Viertel gleicht einer Festung. Der Gesuchte habe sich in seinem Haus in Tivoli Gardens verschanzt. Er wurde aufgefordert, sich zu ergeben.

Schwerbewaffnete auf Dächern und hinter Barrikaden

In der Hauptstadt waren Schüsse zu hören. Polizisten seien beschossen worden, als sie Straßenblockaden wegräumen wollten. Eine Polizeiwache wurde in Brand gesteckt. Die Polizisten wurden zuvor von einer Spezialeinheit in Sicherheit gebracht, nachdem ihnen die Munition ausgegangen war. Sie waren den ganzen Tag beschossen worden. Schwer bewaffnete Gangster waren in den Straßen und auf Hausdächern von Kingston zu sehen.

Der Ministerpräsident kündigte an, dass Justizministerin Dorothy Lightbourne den Auslieferungsbeschluss unterzeichnen werde. Die Verhängung des Ausnahmezustands war bei einer Krisensitzung der Regierung beschlossen worden. Sie gelte vorerst für einen Monat, hieß es in Medienberichten von der Karibikinsel.

Coke hat nach lokalen Medienberichten Verbindungen zur regierenden Labour Partei Jamaikas. Die Regierung sei deshalb einem Auslieferungsersuchen der USA auch monatelang nicht nachgekommen, hieß es in US-Berichten. Golding habe argumentiert, dass die Beweise gegen Coke durch illegales Abhören von Mobiltelefonaten zustande gekommen seien. Wie der britische Sender BBC weiter berichtete, habe Golding aber seine Haltung wegen des wachsenden Unmuts in der Bevölkerung und aufkommender Fragen über mögliche Verbindungen des Regierungschefs zum Coke geändert.

Der Drogenboss ein Wohltäter?

Coke leitet ein Verbrechersyndikat, das nach Angaben der örtlichen Polizei in Jamaika, der restlichen Karibik, in Nordamerika und in Großbritannien aktiv ist. Für viele Jamaikaner ist Coke jedoch ein Wohltäter, weil er ihren Kinder den Schulbesuch ermöglicht, Nahrungsmittel kauft und vor allem Streitigkeiten schlichtet, wie die jamaikanische Zeitung "Jamaica Gleaner" im Internet berichtet. Hunderte von Jamaikanern hatten in der vergangenen Woche bei einer Demonstration Coke ihre Unterstützung bekundet. Nach US-Angaben kommt ein großer Teil des Reichtums "Dudus" aus dem Drogenhandel. Auch kämen viele der illegalen Waffen in Jamaika durch sein kriminelles Netzwerk ins Land.

Reisewarnungen für Touristen

Nachdem die Regierung am Sonntag den Ausnahmezustand über einige Teile der Stadt verhängte, haben die USA, Kanada und Großbritannien Reisewarnungen für die bei Touristen beliebte Karibikinsel ausgegeben. Auch das Auswärtige Amt sieht ein erhöhtes Sicherheitsrisiko in Kingston und ruft zu besonderer Vorsicht auf.

DPA/APN / DPA