HOME

Ausschreitungen in London: Eine Stadt kapituliert vor der Gewalt

Es sind nur wenige, doch ihr Werk ist verheerend: Gewaltbereite Kids marodieren brandschatzend durch London. Das Erschreckendste: Polizei und Feuerwehr wirken ohnmächtig.

Von Cornelia Fuchs

Es sind Szenen wie im Bürgerkrieg, die sich derzeit in London abspielen. Im Osten der Stadt überfielen am Abend Dutzende ein Restaurant, plünderten die Gäste aus und verschwanden. Im Süden brannte ein Möbelhaus vollkommen ab, ein Familienbetrieb bekannt seit Mitte des 19. Jahrhunderst. Die Feuerwehr tauchte gar nicht erst auf. Solange die Männer angegriffen werden, rücken sie nicht mehr aus. Die Gewalt regiert an vielen Krisenherden: In Croydon, Ealing, Peckham, Hackney und selbst im Touristenstadtteil Camden. Und der Krawall ist nicht auf die Hauptstadt begrenzt. Erste Unruhen gibt es in Birmingham, Liverpool und Bristol. Was mit einem wütenden Protest in Nordlondon am Samstag begonnen hat, hat sich zu anarchischen Zuständen ausgewachsen.

Premierminister David Cameron ist aus dem Urlaub zurück und hat ein Treffen der Notstandskommission "Cobra" einberufen. Was jetzt auf den Straßen zu sehen ist, hat nur noch am Rande mit steigender Jugendarbeitslosigkeit und sozialen Problemen zu tun. Jetzt geht es um Plünderei, um Brandstiftung, um Spaß am Chaos. Hunderte zumeist junge Menschen scheinen zu glauben, sie könnten tun und lassen was sie wollen in der Millionenstadt London. Die 1700 Beamten von Scotland Yard kommen überall zu spät. Sie sind ohnehin viel zu wenige, um die Menge an so vielen Orten in Schach zu halten.

Ein paar Dutzend Chaoten reichen

Es sind nicht wirklich viele, die das Chaos stiften. Aber es reichen ein paar Dutzend Gestalten, im Zweifel mit Messern oder gar Replika-Waffen bewaffnet, um eine ganze Einkaufsstraße zu verwüsten. Was Londonern inzwischen Angst macht, sind nicht nur diese auf Gewalt gepolten Menschen - sondern die Abwesenheit des Staates.

Verzweifelte Ladenbesitzer rufen die Notfallnummer - und niemand kommt. Hausbesitzer stehen vor ihren brennenden Wohnungen - und die Feuerwehr ist nirgendwo zu sehen. Die Innenministerin spricht davon, dass die Polizei mit den Gemeinden vor Ort zusammenarbeiten müsse. Die Worten klingen wie ein Hohn für ganze Stadtteile, die sich heute Nacht in Angst hinter abgedunkelten Fenstern kauern mussten. In Camden schloss die Konzerthalle Roundhouse, einst sozusagen das Wohnzimmer von Amy Winehouse, alle Besucher zu deren eigenen Sicherheit in ihrem Veranstaltungsraum ein. Draußen tobte der Mob.

Es wird jetzt von einer Ausgangssperre gesprochen. Polizei und Politiker appellieren an die Einwohner Londons, jeden zu melden, bei dem oder der sie gestohlene Waren sehen. Eltern sollen ihre Teenager zu Hause festhalten, es gibt Plünderer, die nicht älter sein können als zehn Jahre. Erste Rufe nach Einsatz der Armee werden laut.

Das alles klingt nicht nach einer Strategie, sondern nach Verzweiflung. Am Morgen scheint alles ruhig. Wahrscheinlich liegen die meisten der "verwilderten Jugendliche, die neue Turnschuhe haben wollen", wie Vizebürgermeister Kit Malthouse die Randalierer nannte, nach der Nacht im Bett. Im Internet rufen Bewohner von Camden dazu auf, sich vor den zerstörten Geschäften zu treffen und beim Aufräumen zu helfen. Bis zur nächsten Nacht.