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Aussteigerprogramm für Neonazis: Existenzkampf bei Exit

Der Staat hat seine Hilfe gestoppt: "Exit", das Aussteigerprogramm für Neonazis, kämpft ums Überleben. 300 Menschen hat Exit bisher beraten - zum Beispiel Manuel Bauer, der Andersdenkende verprügelt und eine Dönerbude angezündet hat. Inzwischen weiß er: "Ich habe viel gutzumachen."

Von Uli Hauser

Er fühlte sich gut, als Chef der "Wehrsportgruppe Racheakt". Als Mitbegründer des "Bundes Arischer Kämpfer". Als gefürchteter Schläger im sächsischen Torgau, wo er mit seinen Leuten Hochzeiten aufmischte, eine Dönerbude anzündete und am Ende sogar eine Bank überfiel. Manuel Bauer, heute 29, genoss es, in jungen Jahren Angst und Schrecken zu verbreiten. Jetzt sitzt er in einem Berliner Büro und erzählt aus einem kaputten Leben: "Früher dachte ich, ich sei ein Held. Heute muss ich sagen: Ich war ein Arschloch."

"Habe viel gutzumachen"

Manuel Bauer, verurteilt zu fast drei Jahren Haft, hörte im Gefängnis von "Exit", der Aussteigerinitiative für Neonazis. Zuerst dachte er, "meldest dich mal, tust interessiert, vielleicht lassen sie dich dann früher laufen". Aber als er von Kameraden verprügelt wurde, nachdem er angedeutet hatte, vielleicht auszusteigen, und ihm zwei Türken zu Hilfe gekommen waren, geriet sein Weltbild ins Wanken. Die vermeintlichen Feinde standen ihm bei, die vermeintlichen Freunde ließen ihn fallen. Ein Exit-Mann besuchte ihn, zaghaft die Annäherung. Er interessierte sich mehr für Bauers Lebenslauf als für seine Ideologie. Für den Menschen, nicht den Neonazi. Bauer fasste langsam Vertrauen. Die Gespräche waren intensiv und schmerzlich. Aber der einzige Weg, wieder zu sich und mit sich ins Reine zu kommen. Bauer hat viel nachgedacht, und jetzt arbeitet er für Exit. "Ich habe viel gutzumachen", sagt er. Heute hält er Vorträge in Schulklassen.

Exit ist vor acht Jahren mithilfe des stern, deutscher Wirtschaftsunternehmen, Künstlern wie Udo Lindenberg und der Berliner Amadeu Antonio Stiftung im Rahmen der Kampagne "Mut gegen rechte Gewalt" gegründet worden. Der Berliner Kriminologe Bernd Wagner hatte sich dieses Projekt ausgedacht, um abseits von Appellen und wohlgemeinten Ratschlägen Rechtsradikalen eine echte Alternative zu bieten. Lebenshilfe statt platter Parolen. Für das, was er in acht Jahren geschaffen hat, wird er von aktiven Neonazis gehasst und bedroht. Einem Mitarbeiter schickte man eine Briefbombe ins Haus.

Bisher wurden über 300 Menschen beim Ausstieg unterstützt und viele Eltern beraten, deren Kinder in die organisierte Szene abgedriftet sind. Wagners Mitarbeiter konfrontieren und machen Mut. Der Job belastet, er geht an die Substanz. Es ist kein Vergnügen, sich immer wieder mit Phrasen und Hass auseinanderzusetzen.

Immer wieder von vorne

Unter Extremismuskennern gilt Exit als Vorzeigeprojekt. Heinz Fromm, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, sagt: "Exit leistet einen substanziellen Beitrag zur Eindämmung des Rechtsextremismus in Deutschland." Doch während der oberste Verfassungsschützer des Landes die Exit-Leute lobt, musste Wagner jetzt seinen sieben Mitarbeitern kündigen, weil wieder mal ein Förderprogramm ausgelaufen war und über eine weitere Unterstützung durch die Bundesregierung noch nicht abschließend beraten wurde. Wie zu hören ist, will allerdings das Arbeitsministerium ein neues Programm auflegen.

Und so geht der Kampf um die dauerhafte Absicherung des Projekts ins neunte Jahr. Statt konsequent unterstützt zu werden, schlagen sich Wagners Leute auf der Suche nach Verbündeten mit Antragsformularen und Absagen herum.

Umso wichtiger, dass jetzt private Finanziers die Initiative mit einer Soforthilfe unterstützen. 50.000 Euro hat die Münchner Beteiligungsgesellschaft Bavaria Industriekapital AG in der vergangenen Woche überwiesen. Vorstandschef Reimar Scholz sagt: "Wir wollen Exit eine Perspektive geben und selbst klar Stellung beziehen. Wir fänden es großartig, wenn andere unserem Beispiel folgen würden."

Damit ist erst einmal die Arbeit für die nächste Zeit gesichert. Doch die Arbeit wird immer mehr: Registrierten die Behörden im vergangenen Jahr die meisten rechtsradikalen Straftaten seit der Wiedervereinigung, so wird für dieses Jahr eine weitere Zunahme befürchtet.

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