Autobahnraser "Dünne Faktenlage"


Sein Prozess hat die Nation bewegt wie kaum ein anderes Verfahren - auf Grund von Indizien wurde der "Autobahnraser" zu anderthalb Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Jetzt wird der Fall neu aufgerollt.

Am kommenden Dienstag wird das Landgericht Karlsruhe einen Fall aufrufen, der die Nation bewegt hat wie kaum ein Verfahren in den letzten Jahren. Der "Raserprozess" geht in die zweite Runde, genauer: Er beginnt noch mal von vorn. Denn zwar hatte das Karlsruher Amtsgericht im Februar anderthalb Jahre Haft ohne Bewährung verhängt, weil es den 34-jährigen Daimler- Versuchsingenieur der rücksichtslosen Drängelei überführt sah - eine Drängelei, die einer jungen Mutter und ihrer zweijährigen Tochter das Leben kostete. Doch ob sich die Indizienkette auch in der zweiten Instanz schließen lässt, ob die Zeugen glaubwürdig und die Gutachten tragfähig sind: All das muss das Landgericht im Berufungsverfahren völlig neu bewerten.

Kein Wunder also, dass sich Georg Prasser, Verteidiger des Angeklagten, optimistisch gibt. Der Stuttgarter Anwalt setzt auf Freispruch. Er baut darauf, die fragile Beweiskonstruktion des Amtsgerichts zum Einsturz zu bringen. Im Zentrum steht erneut die Frage: War es wirklich der unter Kollegen als "Turbo-Rolf" bekannte Angeklagte, der an jenem Morgen des 14. Juli 2003 bei Karlsruhe mit seinem fast 500 PS starken Mercedes CL Coupé bis auf wenige Meter an den kleinen KIA heranraste, so dass die Fahrerin vor Schreck das Lenkrad herumriss? "Manches ist auf sehr dünner Faktenlage entschieden", meint Prasser.

Kündigung zum 31. Juli

Allerdings hat DaimlerChrysler bereits seine Entscheidung gefällt: Der Mitarbeiter, der dem Weltkonzern so unliebsame Publizität eingetragen hat, soll zum 31. Juli das Unternehmen verlassen.

Acht Verhandlungstage hat das Landgericht bis Ende Juli terminiert, 26 Zeugen und zwei Sachverständige sind geladen. Und Prasser weiß, dass Zeugen zu den heikelsten Beweismitteln überhaupt gehören. Zumal dann, wenn die eigene Erinnerung von zahllosen Medienberichten überlagert ist.

Solide Aussagen vor dem Amtsgericht

Zwar konnte sich das Amtsgericht auf solide Aussagen stützen: Ein Autofahrer hatte die - für das Coupé typischen - Doppelscheinwerfer in Erinnerung. Ein anderer hatte die doppelte Auspuffanlage erkannt. Damit schied der zunächst ebenfalls verdächtige Vorgesetzte des Angeklagten aus, der an jenem Morgen auch auf dem Weg zur Daimler- Teststrecke im niedersächsischen Papenburg war.

Sollten sich jedoch die Hauptbelastungszeugen in Widersprüche verstricken, dann könnte das entscheidende Puzzle-Teil fehlen. Dass der Angeklagte nach einer Weg-Zeit-Berechnung zur Tatzeit am Unfallort gewesen sein kann, dass er in den Tagen nach dem Unfall auffallend nervös gewesen sein soll, dass die Daimler-Ingenieure die 640-Kilometer-Strecke von Sindelfingen nach Papenburg für irrwitzige Rekordfahrten genutzt haben sollen: Das allein dürfte für ein Urteil nicht reichen.

"Es ist unerträglich auf den Autobahnen

Der Raserprozess, so sieht es Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub Deutschland (VCD), hat die Menschen deshalb so bewegt, "weil es für viele unerträglich geworden ist, welcher Kampf sich auf Deutschlands Autobahnen abspielt" - dem zumindest in Europa einzigen Land ohne generelles Tempolimit. Auch der Auto Club Europa (ACE) verweist auf die durchgängig andere Praxis bei den Nachbarn: In Österreich darf höchstens 130 Stundenkilometer gefahren werden, in der Schweiz 120, in Englang 112 und in Schweden 110.

Dass die Unfallzahlen bei geringeren Geschwindigkeiten sinken, lässt sich nach den Worten von Rainer Hillgärtner vom ACE belegen: Nach einer 130 Stundenkilometer-Beschränkung auf einem Teilstück der Autobahn Berlin-Hamburg seien die Unfälle von 835 in 2002 auf unter 700 in 2003 gesunken, die Zahl der Unfalltoten von acht auf null. Dennoch hat Hillgärtner kaum Illusionen, die ACE-Forderung nach einem Limit könnte Erfolg haben: "Es gibt eine enorme Furcht in der Politik, das Thema anzugehen."

Wolfgang Janisch, DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker