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Autobahnschütze vor Gericht Der Krieg des Fernfahrers endete nur zufällig ohne Tote


Er wähnte sich in einem Krieg auf der Autobahn: Über 700 Schüsse soll ein 58-jähriger Kraftfahrer in seinem jahrelangen Feldzug auf Lastwagen und Autos abgegeben haben. Nun steht er vor Gericht.

Fünf Jahre lang war er ein Phantom. Mysteriöse Schüsse auf deutschen Autobahnen blieben für Ermittler ein Rätsel, bis das Bundeskriminalamt (BKA) dem mutmaßlichen Rachefeldzug eines Fernfahrers auf die Spur kam. Vor Gericht lautet jetzt die Frage: Sind einige Fälle als Mordversuch zu werten?

Wohl nur durch Zufall kam niemand zu Tode. In diesem nach Einschätzung des Bundeskriminalamts (BKA) einzigartigen Fall der deutschen Kriminalgeschichte hat am Morgen vor dem Landgericht Würzburg der Prozess begonnen.

Kugel trifft Geschäftsfrau am Hals

Es ist schon dunkel, als plötzlich das Projektil durch die Fensterscheibe bricht. Glas splittert, ein Bruchteil der Kugel trifft die 40-jährige Fahrerin am Hals. Die Geschäftsfrau wird lebensgefährlich verletzt und prallt mit ihrem Wagen gegen eine Leitplanke auf der Autobahn 3 bei Würzburg.

Die Attacke im November 2009 ist der gravierendste Fall in der Serie von Schüssen auf deutschen Autobahnen, die Lastwagenfahrer in Angst versetzten und Ermittler über fünf Jahre in Atem hielten. Erst mit einer beispiellosen Datensammlung kam das BKA dem mutmaßlichen Rachefeldzug eines Fernfahrers auf die Spur.

Schütze ist geständig

Nun also steht der geständige 58-Jährige in Würzburg vor Gericht. Mehr als 700-mal soll der Mann aus Kall in der Eifel vom Steuer aus andere Fahrzeuge ins Visier genommen haben, 170 Fälle sind angeklagt. Die große Frage lautet: Waren die Attacke auf die Geschäftsfrau und vier weitere Schüsse Mordversuche?

So sieht es die Staatsanwaltschaft. Folgt man den Schilderungen von Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder nach der Festnahme im vergangenen Jahr, so wähnte sich der "frustrierte Einzelgänger" auf der Autobahn im Krieg. Aus Ärger über rücksichtslose Kollegen soll er zur Waffe gegriffen haben, "eine Art Selbstjustiz", wie Geuder es damals nannte. Der Mann habe erzählt, er sei vor Jahren einmal von einem Autotransporter abgedrängt worden, es habe fast einen Unfall gegeben.

Dem in der ehemaligen DDR aufgewachsenen Angeklagten Michael Harry K. droht eine lange Haftstrafe. Er ist unter anderem wegen sechsfachen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, unerlaubten Führens von Schusswaffen, Sachbeschädigung und gefährlicher Eingriffe in den Straßenverkehr angeklagt. Allein für den Vorwurf des versuchten Mordes droht eine lebenslange Haftstrafe.

K. steigerte sich im Laufe der Zeit, so die Anklageschrift, immer weiter in seine Selbstjustiz hinein. Zu Beginn feuerte er mit jeweils einem Schuss auf Autotransporter. Später beschoss er auch geschlossene Lastwagen, einen Fahrer sogar viermal nach verschiedenen Überholmanövern. Auch ein Fenster eines Spielcasinos zerschoss der Angeklagte.

Mit seinen Pistolen mit selbstgebauten Schalldämpfern soll er vor allem die Ladung von Autotransportern ins Visier genommen haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er die Geschäftsfrau wohl versehentlich beschoss. Doch er habe heimtückisch gehandelt und einen Fehlschuss - und damit den möglichen Tod anderer - "zumindest billigend in Kauf genommen", hieß es bei Anklageerhebung.

Verteidigung dementiert Mordversuche

Die Verteidiger halten diese Argumentation für falsch. "Wir sehen den Tötungsvorsatz, auch in Form des Eventualvorsatzes, überhaupt nicht", betont Anwalt Guido Reitz. Sein Mandant habe Schüsse gestanden, auch wenn er sich natürlich nicht an jeden einzelnen Vorfall erinnern könne. "Was er von vorneherein gesagt hat, noch bevor er mit einem Anwalt gesprochen hatte: Er hatte nie die Absicht, jemanden zu verletzen. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen." Zur Motivation des Angeklagten will er sich vorab nicht äußern.

Außer der 40-jährigen Frau wurden bei einer weiteren Attacke zwei Männer von splitterndem Glas verletzt. Als Mordversuch sind auch drei Fälle angeklagt, in denen niemand zu Schaden kam, das Risiko aus Sicht der Ermittler aber besonders hoch war - zum Beispiel wegen dichten Verkehrs. Außerdem werden dem 58-Jährigen gefährliche Körperverletzung, unerlaubter Waffenbesitz, Sachbeschädigung und Eingriff in den Straßenverkehr zur Last gelegt.

Spätestens ab dem Jahr 2009 soll der gelernte Dreher auf Fahrten für seine Spedition auf andere Fahrzeuge geschossen haben. Die Waffen versteckte er im leeren Airbagfach seines Führerhauses oder in einem Kühlfach neben dem Fahrersitz.

Umstrittene Ermittlungsmethoden

Die Suche nach dem Geisterschützen war für die Fahnder auch deshalb eine harte Nuss, weil die Einschusslöcher oft erst am Zielort bemerkt wurden. So fiel es schwer, Tatort und -zeit zu ermitteln. Als der Unbekannte ein Kleinkaliber gegen eine Neun-Millimeter-Waffe eingetauscht hatte, übernahm das BKA die Federführung und Präsident Jörg Ziercke richtete einen dramatischen Appell an die Öffentlichkeit: "Wir müssen diese Tatserie stoppen, bevor Schlimmeres passiert!"

Die Sonderkommission "Transporter" ließ an sieben Autobahnabschnitte automatisch Millionen Nummernschilder erfassen. Wenn Schüsse fielen, wurden die Kennzeichen aus der fraglichen Zeit ausgewertet - so zog sich die Schlinge um den mutmaßlichen Autobahnschützen schließlich zu. Das Vorgehen zog auch Kritik von Datenschützern auf sich.

Nun kann die Öffentlichkeit sich ein eigenes Bild des Mannes machen, der auch mehr als 180-mal Nagelplättchen auf Straßen ausgelegt haben soll. Inwieweit er vor Gericht reden wird, ist noch unklar. "Grundsätzlich hat er sich geäußert, und diese Äußerungen werden zum Gegenstand der Hauptverhandlung gemacht werden", sagt Verteidiger Reitz. Und macht klar: "Sobald es um den Mordversuch geht, werden wir uns zurückhaltend zeigen." Für das umfangreiche Verfahren sind neun Verhandlungstage bis Mitte September angesetzt.

Die Staatsanwaltschaft hat ein psychiatrisches Gutachten zur Schuldfähigkeit des Angeklagten in Auftrag gegeben, zu Ergebnissen wollte ein Gerichtssprecher vor Prozessbeginn nichts sagen. Eine psychische Auffälligkeit hatten die Ermittler allerdings nach der Festnahme am 23. Juni vergangenen Jahres nicht feststellen können. Als "frustierten Einzelgänger" beschrieb die Staatsanwaltschaft K., nachdem dieser festgenommen worden war.

anb/and/DPA/AFP DPA

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