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Zugkatastrophe von Bad Aibling Daddeln vor dem Crash: Wie der Fahrdienstleiter jedes Mitleid verspielte


Bisher galt die Zugkatastrophe von Bad Aibling als Folge einer unglücklichen Verkettung mehrerer Fehler des Fahrdienstleiters. Selbst einige Angehörige von Opfern hatten Mitleid mit dem Mann. Doch von nun an wird ihm eher Wut entgegenschlagen.

Aus Mitleid dürfte Wut werden. Zwei Monate nach dem schrecklichen Zugunglück von Bad Aibling mit elf Toten steht der beschuldigte Fahrdienstleiter plötzlich in einem ganz anderen Licht da. Bisher erfuhr der 39-Jährige viel Verständnis, obwohl er ein falsches Signal gab. Nun löst eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft Kopfschütteln aus. Der Bahnbedienstete spielte unmittelbar vor der Katastrophe Handyspiele, wie die Staatsanwaltschaft am Dienstag mitteilte. Das könnte seine Strafe deutlich erhöhen - der Mann sitzt jetzt in Untersuchungshaft.

Es ist kaum vorstellbar, was in den Köpfen der Hinterbliebenen der elf getöteten Männer und der 85 verletzten Zuginsassen nun vorgeht.

Bislang hatten Angehörige Mitleid

Ein für die Sicherheit auf der eingleisigen Strecke zuständiger Bahnmitarbeiter schaltet unter Missachtung der Vorschriften sein Smartphone ein - und spielt Spiele. "Es muss aufgrund des engen zeitlichen Zusammenhangs davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte dadurch von der Regelung des Kreuzungsverkehrs der Züge abgelenkt war", erklärt die Staatsanwaltschaft.

Auf Mitleid darf der Fahrdienstleiter mit beinahe 20-jähriger Berufserfahrung da nicht mehr hoffen. Bahnmanager berichteten noch vor kurzem, Hinterbliebene hätten ihnen geschrieben, dass ihnen bei aller Trauer um ihre Liebsten auch der Mitarbeiter leid tue. Die Deutsche Bahn (DB) sorgte dafür, dass sich der 39-Jährige abgeschirmt von der Öffentlichkeit auf seinen Prozess vorbereiten kann. Nun hat er in der Untersuchungshaft Gelegenheit dazu.

Smartphone-Spiel bislang verschwiegen

Die Staatsanwaltschaft wird sich fragen lassen müssen, warum dieses erschütternde Detail der Ermittlungen erst jetzt bekannt wurde. Nur wenige Tage nach dem Unglück vom 9. Februar, dem verhängnisvollen Faschingsdienstag, hatte sie mitgeteilt, dass sich der Beschuldigte im Beisein seines Anwaltes ausführlich zu den Vorwürfen geäußert habe. Das Spiel am Smartphone verschwieg er offensichtlich. Vielleicht wurde er auch nicht danach gefragt.

Ohnedies nahm der Druck der Politik auf die Ermittler zu. Vor zwei Wochen platzte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) mit der Nachricht heraus, dass der Fahrdienstleiter nach Bemerken seines verhängnisvollen Signalfehlers auch die falschen Notruf-Tasten drückte. Statt die Lokführer der beiden aufeinanderzurasenden Züge zu warnen, ging der Alarm bei den Fahrdienstleitern der Umgebung und in der Zentrale ein. Die Katastrophe war nicht mehr zu stoppen. Prompt warnte die Lokführergewerkschaft GDL davor, dem Fahrdienstleiter voreilig die Schuld zuzuweisen.

"Schwerer ins Gewicht fallende Pflichtverletzung"

Sollten sich die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft im Prozess bewahrheiten, muss der Fahrdienstleiter mit einer hohen Strafe rechnen. Die Anklagebehörde spricht schon jetzt nicht mehr nur von einem augenblicklichen Versagen, sondern von einer "erheblich schwerer ins Gewicht fallenden Pflichtverletzung". Die Höchststrafe bei fahrlässiger Tötung beträgt fünf Jahre. Und auch zivilrechtlich könnten auf den 39-Jährigen beziehungsweise die DB nach Bekanntwerden des vorschriftswidrigen Handyspielens im Dienst erhebliche Forderungen zukommen.

tkr/Paul Winterer DPA

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