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Bagatelldelikt in Darmstadt: Kündigungsgrund: Popcorn. Oder?

Das Cinemaxx-Kino in Darmstadt hat einer Mitarbeiterin gekündigt, weil sie Lebensmittel im Wert von fünf Euro nicht ordnungsgemäß verbucht haben soll. Doch der Fall ist undurchsichtig.

Von Sonja Jordans

Es sieht zunächst nach einem ruhigen Arbeitstag aus für Linda (26, Name geändert) an jenem Februartag dieses Jahres. Die junge Frau verdient sich seit zwei Jahren an der Snackausgabe des Cinemaxx-Kinos in Darmstadt Geld für ihr Studium der Wirtschaftsmathematik, verkauft Popcorn, Chips, Getränke. Nie ist etwas vorgefallen. Doch an diesem Abend soll sie Getränke an eine Kollegin herausgegeben haben - ohne einen Kassenvorgang zu verzeichnen, wie es heißt. Linda bestreitet das vehement. Ihr Arbeitgeber jedoch ist davon überzeugt und hat der Frau, die sich für die Gründung eines Betriebsrats eingesetzt hat, fristlos gekündigt.

Linda schildert den Abend anders: "Eine Kollegin kam an ihrem freien Tag und wollte einen Film ansehen, dazu Popcorn essen." Ein kostenloses Kontingent steht jedem Cinemaxx-Mitarbeiter zu. "Ein Mann aus meiner Schicht hat ihr daraufhin das Popcorn gegeben, und die Kollegin verschwand", so Linda. Sie selbst habe das alles nicht richtig wahrgenommen, sei in ein Gespräch vertieft gewesen. Drei Tage später wird sie in das Büro der Geschäftsleitung gerufen: Der Betriebsleiter sowie dessen Assistentin hätten sie beobachtet, wie sie an jenem Tag zwei Getränke über die Theke gereicht habe, ohne dass diese bezahlt worden seien. "Ich habe gesagt, dass das nicht stimmt", sagt Linda, und in ihre Stimme mischen sich Wut und Enttäuschung. Merkwürdig: "Der Betriebsleiter war an dem Tag krank und deswegen gar nicht da", versichert Linda.

Das wundert auch Monika Hettwer, Anwältin von der Gewerkschaft Verdi: "Später hieß es dann, der Betriebsleiter habe just zu jenem Zeitpunkt seine Krankmeldung abgeben wollen und sei deswegen doch da gewesen." Allerdings soll sich der vom Kino beschriebene Vorfall - Hettwer nennt ihn "konstruiert" - gegen 21 Uhr abends zugetragen haben. "Um diese Zeit gibt kein Mensch eine Krankmeldung ab", sagt die Anwältin.

Linda: "Die wollten mich loswerden"

Linda musste sofort das Haus verlassen. Als sie aus dem Büro der Geschäftsleitung kam, wartete schon der Sicherheitsdienst auf sie. Das Kino war voller Besucher, die Vorstellungen sollten bald beginnen. Linda und der uniformierte Sicherheitsmann waren nicht zu übersehen. "Er wollte mich am Arm packen, um mich rauszuführen", sagt Linda. "Mir war das unangenehm, deswegen habe ich gesagt, dass ich freiwillig gehe", erzählt sie.

Ihren Beteuerungen habe niemand geglaubt. "Alles, was ich sagte, wurde verdreht", beschwert sich Linda. Die Anwältin bestätigt: "Zunächst hieß es seitens des Kinos, sie habe Getränke herausgegeben, später wurden 'Waren' daraus, und in einem Gespräch mit dem Betriebsrat war dann schließlich von Popcorn die Rede." Laut Linda steckt etwas anderes hinter den Vorfällen: "Die wollten mich loswerden, weil ich unbequem bin." Die Studentin war treibende Kraft, als in dem Kino ein Betriebsrat installiert wurde. "Die Assistentin der Geschäftsleitung war dagegen, und spätestens seit diesem Tag hatte sie mich auf dem Kieker", meint Linda.

Cinemaxx-Anwalt: "Vertrauen verloren"

Alles falsch, sagt dagegen Marc Werner, einer der Cinemaxx-Anwälte: "Die Mitarbeiterin wurde beobachtet, als sie Getränke herausgab und diese nicht abrechnete." Bei einem Gespräch mit der Kinoleitung habe sie dann die "Schutzbehauptung" aufgestellt, Mitarbeiter-Popcorn herausgegeben zu haben. "Doch auch das muss gebucht werden, und einen Kassenvorgang dazu gab es nicht", so Werner. Um die fünf Euro Schaden wegen der nicht abgerechneten Getränke gehe es nicht. "Es geht um das verlorene Vertrauen", betont der Anwalt. "Und deswegen ist es wichtig zu zeigen, dass so etwas nicht geduldet wird." Dass der Sicherheitsdienst Linda am Arm aus dem Kino führen wollte, nennt Werner "sachlich falsch": Die Frau sei lediglich von Mitarbeitern begleitet worden, "um Dummheiten zu vermeiden".

Der Fall wird derzeit vor dem Arbeitsgericht in Darmstadt verhandelt. "Fest steht für uns, dass die Dame nicht mehr ins Unternehmen zurückkommen wird", betont Werner im Gespräch mit stern.de. Das Unternehmen hat inzwischen eine zweite Kündigung hinterhergeschickt: Die Studentin habe ein für ihr Studium obligatorisches Praktikum angenommen, die Einkünfte daraus - etwa 600 Euro - auch auf Nachfrage nicht beim Kinobetreiber angegeben. "Das rechtfertigt ebenfalls eine Kündigung."

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