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Bahn-Prozeß: Niederlage für Gerkan

Architekt Meinhard von Gerkan darf nicht mehr behaupten, dass die Bahn mitschuldig ist am Absturz des Stahlträgers am Berliner Hauptbahnhof. Das Berliner Landgericht gab heute einer Unterlassungsklage gegen den Hamburger Architekten statt.

Von Anja Lösel

"Ohrenblech" heißt das unscheinbare Bauteil: nur fünf Zentimeter hoch ist es, fünfzig Zentimeter breit – und ziemlich wichtig. Weil das kleine, schienenförmige Ding nicht da war, wo es sein sollte, wäre es am 18. Januar beinahe zu einer Katastrophe am Berliner Hauptbahnhof gekommen. Orkan Kyrill hatte einen zwei Tonnen schweren Stahlriegel aus der Fassade gehoben. Der krachte 40 Meter nach unten – und traf zum Glück keinen Menschen, sondern schlug nur ein paar Treppenstufen kaputt.

Nun gab es ein erstes Nachspiel am Berliner Landgericht: Mit einer 14 Seiten starken Unterlassungsklage zwang die Bahn den Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan, 72, seine "haltlosen und unverfrorenen" Schuldzuweisungen zurückzunehmen.

Nach dem Absturz des Stahlträgers hatte es nämlich großes Geschrei und böse Worte gegeben. Der Architekt war wütend und sah die Fehler bei der Bahn. Mit der lag er sowieso schon im Clinch um die hässlich verkürzte Glasröhre des Bahnhofs und um eine verhunzte Decke – alles eigenmächtige Änderungen der Bahn-Verantwortlichen. Die Ohrenblech-Affäre war für Gerkan der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das kleine Detail hätte den Stahlriegel am Fallen hindern können, aber aus Kostengründen war es weggelassen worden. Gerkan behauptete, man habe seine Pläne geändert und damit den spektakulären Absturz erst möglich gemacht. Die Bahn dagegen warf ihm vor, sie nicht genügend informiert und Änderungen nicht verhindert zu haben.

Entmachtung des Architekten

Aber hätte der Architekt überhaupt eingreifen können? 2003, drei Jahre vor der Eröffnung des Bahnhofes, war das Vertrauen zwischen ihm und der Bahn schon so stark gestört, dass man ihm die Bauüberwachung entzog. Danach konnte Gerkan kaum noch beeinflussen, was in seinen Plänen gestrichen und eingespart wurde. Eigentlich war er fast völlig entmachtet und durfte nur noch über ästhetische Fragen entscheiden. Davon will die Bahn jetzt allerdings nichts mehr wissen. Sie erklärte, die Sicherungsfunktion der Schienen sei ihren Experten nicht klar gewesen, niemand hätte jemals davon gesprochen, und das Gericht gab ihr recht.

Nun darf Gerkan zwar weiter erklären, er habe Ohrenbleche für die Stahlträger geplant. Er darf aber nicht mehr den Eindruck erwecken, die Bahn habe von einer möglichen Gefahr durch die fehlenden Halterungen gewusst. Damit nicht genug muss er sogar darauf hinweisen, dass den Ohrenblechen "in der Planung keine Sicherungs- oder Haltefunktion zukam, sondern sie der Entwässerung und der Verhinderung von Eiszapfenbildung dienen sollten".

Warum die Verantwortlichen der Bahn nicht mal nachgefragt haben, als sie einfach strichen und einsparten, bleibt im Dunklen. Offenbar war die große Sprachlosigkeit da schon so weit fortgeschritten, dass man nicht mal mehr zum Telefonhörer greifen und über ein paar scheinbar unwichtige, in Wirklichkeit aber immens bedeutende Details miteinander reden konnte.

Vorspiel zum Prozeß

Und das ist erst der Anfang. So richtig zur Sache wird es im nächsten Jahr gehen. Dann beginnt der eigentliche Prozess um Schuld oder Unschuld am Absturz des Stahlträgers, dann werden auch die beiden unabhängigen Gutachten fertig sein, die Licht ins Dunkel bringen sollen. War die Bahn wirklich so ahnungslos? Handelte sie fahrlässig? Wurden Pläne willkürlich geändert? Hat gar die Baufirma geschlampt? Wegen der Fußball-Weltmeisterschaft musste schließlich auf Druck der Bahn sehr schnell montiert werden. Vielleicht zu schnell?

"Es ist gefährlich, schon jetzt Schuldzuweisungen von sich zu geben", hatte Gerkan kurz nach dem Desaster am Berliner Hauptbahnhof erklärt. Hätte er sich nur an seine eigene Warnung gehalten. Dann stünde er jetzt nicht als Verlierer da, obwohl der eigentliche Prozess noch gar nicht begonnen hat.