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Banküberfall von Röttingen: Eine E-Mail zu viel

Es ist der wohl kurioseste Kriminalfall des Jahres: Ein flüchtiger Bankräuber meldet sich per E-Mail bei der Polizei, brüstet sich mit der Tat und gibt sogar Fahndungstipps. Aber der Mann fühlte sich letztlich doch zu sicher.

Von Malte Arnsperger

Nach einem Banküberfall im unterfränkischen Röttingen schickte der Täter E-Mails an Polizei und Medien

Nach einem Banküberfall im unterfränkischen Röttingen schickte der Täter E-Mails an Polizei und Medien

Eigentlich freute sich der Lokaljournalist Gerhard Meißner auf zwei Wochen Urlaub. Er kam am Dienstag, seinem ersten Urlaubstag, nur kurz in seine Redaktion der "Main Post" im unterfränkischen Ochsenfurt, um noch schnell ein paar Unterlagen abzuholen. Doch um 13.07 Uhr bekommt der 44-Jährige eine E-Mail, die ihn mitten in einen laufenden Kriminalfall hinein katapultiert und ihn zu einem hautnahen Beobachter werden lässt. Ein Mann der behauptet, eine Sparkassenfiliale in der Gemeinde Röttingen ausgeraubt zu haben, beschreibt in dieser Mail Details seiner Tat, seiner Flucht und verhöhnt die Polizei. Der Journalist bleibt mit dem Mann, der auch an die Polizei selber schreibt, per Mail in Kontakt und erfährt so weitere Einzelheiten. Nur wenige Stunden später wird David S. in Hamburg festgenommen. Der Banküberfall von Röttingen scheint damit aufgeklärt zu sein. Doch erst jetzt werden die kuriosen Umstände dieser Tat bekannt.

Am 10. August gegen 9.15 Uhr betritt ein Mann mit Kappe und Sonnenbrille die Bank in Röttingen. Mit einem Messer bedroht er einen Angestellten. Der habe ihm einige hundert Euro ausgehändigt, heißt es von der Polizei. Zu Fuß sei der Täter dann geflüchtet. Die Polizei löst eine Großfahndung nach dem Mann aus, der zwischen 20 bis 25 Jahre alt sei, rund 1,85 bis 1,90 Meter groß und mit einem südbayerischen Akzent spreche. Sie veröffentlicht Aufnahmen einer Überwachungskamera, die den Räuber in der Bank zeigen. Auch den vollen Namen des Gesuchten David S. geben die Ermittler bekannt. "Wir wussten wer er ist und wir hätten ihn mit Sicherheit irgendwann festgenommen", sagte ein Polizeisprecher. "Denn die Zeit spielt in so einem Fall immer für die Polizei."

Mail an Polizei und Zeitungen

Doch David S. schien nicht warten zu wollen. Ihm wurde es auf seiner Flucht offenbar zu langweilig. Denn genau eine Woche nach der Tat schreibt er von der Adresse "raeuber.von.roettingen@web.de" eine E-Mail an die Polizei, die "Bild"-Zeitung und den Abo-Service der "Main-Post". Über die Redaktionssekretärin bekommt sie dann auch Gerhard Meißner. "Hallo die Herrschafften", heißt es nicht ganz korrekt in der Mail, die stern.de vorliegt. Dann macht David S. Anmerkungen zum Fahndungsaufruf der Polizei. Er schreibt: "1. Ich bin nicht zu Fuß geflohen, ich hatte 4 Räder unterm Gesäß !!! 2. 20 - 25 J.? Bitte, ich bin 19, 3. 185cm - 190cm groß? Ich bin 1m 93 cm groß. 4. bayrisch - österreichischer Akzent? Ich komme aus Württemberg. 5. Ich bin direkt durch eure Absperrungen gefahren !!! 6. Mehrere Hundert Euro ? Es waren einmal exakt 2.500 € (die die Bank sowieso nie vermisst / schon mal was von Zinsen gehört????????? )".

Aber damit nicht genug. David S. will den Ermittlern offensichtlich bei ihrer Suche helfen. Er schreibt: "Ach ja, das gesuchte Fahrzeug mit dem amtlichen Kennzeichen KÜN-TS 778 (roter Daimler 190er, 74 PS, Baujahr 1986) steht übrigens auf der obersten Etage des Parkhauses, welches sich direkt neben dem Hauptbahnhof Würzburg befindet !!!! Das ist doch keine angemessene Polizeiarbeit." Tatsächlich findet die Polizei den Wagen wenig später an dem angegeben Ort. Und auch ein weiterer Hinweis von David S. erleichtert den Beamten die Arbeit: "Zur Information, falls Ihnen dies hilft für dieses Katz- und Mausspiel?? Würzburg - Frankfurt - Hamburg - Berlin – Hamburg. Falls sie diese Information nicht glauben können, dann fragen sie doch mal bei der Deutschen Bahn AG nach, ob heute im ICE von Berlin-Spandau ab 7.23Uhr - Hamburg Hbf an 8.52 Uhr eine Person in meinem Alter und meiner Statur ohne gültgigen Fahrschein aufgefallen ist ???????? Zur Info, Hamburg ist groß !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Mehr möchte ich dann doch nicht verraten !!"

Lesen Sie auf der nächsten Seite: S. brüstet sich mit dem Überfall und kündigt an: "Ich werde so ab 22:00 Uhr in den Hauptbahnhof in Hamburg einmarschieren!"

E-Mail-Verkehr mit dem Bankräuber

In der Redaktion der "Main-Post" sitzt Journalist Gerhard Meißner völlig verblüfft vor seinem Rechner. "Natürlich habe ich gedacht: Was ist das denn für mein schräger Vogel?" Aber schnell ist er sicher, dass es sich wirklich um den Bankräuber von Röttingen handelt. "Viele der Details, die der Mann geschildert hat, habe ich gekannt, hatte sie aber mit Rücksicht auf die laufende Fahndung noch nicht veröffentlicht", sagt Meißner. Der Reporter will den angeblichen Bankräuber aber aus der Reserve locken und meldet in einer E-Mail Zweifel an: "Alle Angaben, die sie machen, sind schließlich auch in der Zeitung nachzulesen gewesen. Und mir hat jemand von der Bank gesagt, dass es nicht einmal 1500 Euro gewesen seien. Ich weiß jetzt nicht, wem ich glauben soll." In einer weiteren Mail schreibt Meißner: "Lieber Räuber von Röttingen, ein starkes Ding, das Sie da abziehen. Ich glaub nicht, dass Sie sich damit viel Sympathie bei der Polizei erwerben. Ist aber, glaub ich, auch nicht ihre Absicht."

Kaum eine halbe Stunde später bekommt Meißner eine Antwort, die wiederum in Kopie an die Polizei geht. Der "Bankräuber von Röttingen" stellt klar: "Sympathie bei der Polizei (oder wie man diese staatliche Müllabfuhr auch immer nennen möge) wollte ich zu keiner Zeit hervorrufen." Dann behauptet er: "Mit 2.500 € kann man sich mit gutem Umgang sehr lange über Wasser halten. Ich hab übrigends bis jetzt den größten Teil des Geldes an Obdachlose und Straßenkinder verteilt." Und am Ende der E-Mail verabschiedet er sich mit den Worten: "Gruß aus HAMBURG. Hier pisst es nicht, wenn dann regnet es."

Verhaftung auf der Reeperbahn

In einer weiteren Mail will David S. dann die Zweifel an seiner Identität ausräumen. Er beteuert um 14.59 Uhr: "Sehr geehrter Herr Meissner, die Angaben, die Ich gemacht habe, sind alle korrekt !" Wie zum Beweis gibt der Bankräuber seine Krankenkassen-, Führerschein- und Personalausweisnummer an. Dann listet David S. auf, in welcher Stückelung er das Geld in der Bank bekommen hat und versichert: "Wenn ich sie verarschen wollte, würde ich keine ausführlichen Mails schreiben." Seine letzte Mail schickt der "Räuber von Röttingen" um 15.41 Uhr ab. Darin heißt es: "Also falls die Policia lust auf ein Suchespiel hat, ich bin dabei ! Ich werde so ab 22:00 Uhr in den Hauptbahnhof in Hamburg einmarschieren ! Wäre doch schade, wenn zu dieser Party nur eine Partei kommt !! Mit freundlichen Grüßen Ihr Räuber."

David S. blieb bei seiner Party nicht alleine. Um 16.30 Uhr verhaftete ihn die Polizei auf der Hamburger Reeperbahn. "Er wurde in einem Spielcasino festgenommen und war total überrascht, dass ihn die Polizei gefunden hat", sagt ein Behördensprecher. Wie viel Geld David S. noch bei sich hatte, sei noch unklar. Aber der Sprecher gibt zu: "Durch die Mails hat der Mann unsere Arbeit nicht unwesentlich unterstützt." Auch der Polizei sei beim Lesen der Mails schnell klar geworden, dass es sich beim dem Absender wirklich um den Bankräuber von Röttingen handelt. "Es waren Fakten drin, die uns bestätigten, dass sie wirklich von dem Täter stammen. So haben wir erst nach seinem Hinweis das Tatfahrzeug gefunden." David S. wurde nun dem Haftrichter in Hamburg vorgeführt und soll dann nach Würzburg gebracht werden. Dort sei er zwar der Polizei bekannt, aber nicht wegen eines ähnlichen Delikts, so der Sprecher.

Der Journalist Gerhard Meißner muss auf seinen Urlaub nun erst einmal verzichten. Zu wichtig ist die Geschichte und zu gut kennt Meißner die Eigenheiten des "Bankräubers von Röttingen".