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Bastian P. in Leipzig vor Gericht: Das technische Hirn von kino.to

Vier kleinere Beteiligte des illegalen Filmportals kino.to sind bereits verurteilt worden. Jetzt steht der technische Kopf in Leipzig vor Gericht. Ohne seine Programmierkünste hätte kino.to wohl nicht arbeiten können.

Von Uta Eisenhardt, Leipzig

Standhaft blickt Bastian P. in die Kameras der Fotografen. Der Blonde mit dem halblangen, seitengescheitelten Haar verzichtet auf den obligatorischen Hefter, hinter dem mittlerweile viele Angeklagte ihr Gesicht vor der Öffentlichkeit verstecken. Für Sekundenbruchteile scheint sich der 28-jährige Hamburger sogar über die Aufregung um seine Person zu amüsieren, dann wieder nervt sie ihn.

Der laut seinem Verteidiger abgebrochene Philosophie-Student mit besonderem Programmiertalent war der zweitwichtigste Mann beim deutschsprachigen Raubkopier-Portal kino.to, das nach Erkenntnissen der Dresdner Generalstaatsanwaltschaft spätestens im Frühjahr 2008 aktiv wurde. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte es sich zum größten seiner Art. Der Erfolg habe sogar die Macher überrascht, das geht aus der Anklage hervor, die Staatsanwalt Dietmar Bluhm heute vor dem Landgericht Leipzig verlas, wo der Prozess gegen Bastian P. begonnen hat.

Erste Strafen halten nicht vom großen Betrug ab

Viele Einzelheiten hat die Generalstaatsanwaltschaft gegen die Raubkopierer ermittelt – dies soll nach deren Verhaftung im Juni 2011 nicht so schwer gewesen sein. Alle Beteiligten hätten Geständnisse abgelegt, auch Bastian P. will am nächsten Verhandlungstag reden.

Der Angeklagte sei mit dem kino.to-Domain-Inhaber Dirk B. bekannt gewesen, schon als dieser noch das Internetportal "Saugstube" betrieb, verliest Dietmar Bluhm. Die "Saugstuben"-Besucher konnten sich Filme herunterladen – 2004 gab es für Dirk B. eine Geldstrafe wegen des 15-fachen Verstoßes gegen das Urheberrecht. Das hat ihn offensichtlich nicht davon abgehalten, von einem Raubkopier-Portal nach amerikanischem Vorbild zu träumen und dieses dann auch mit der Hilfe von Bastian P. zu installieren.

Vier Millionen Nutzer täglich

Nachdem die kino.to-Gründer auf Portalen wie der "Saugstube" sowie in Chats und Foren einige Werbung für ihr neues Portal betrieben hatten, wuchs die Nachfrage nach den Links auf begehrte Kinofilme, Fernsehserien und Dokumentationen derart schnell, dass kino.to immer wieder zusammengebrochen sei und für die Nutzer nicht mehr erreichbar war, so der Staatsanwalt. Da wurde es für Bastian P. Zeit, die in einigen Tagen und Nächten zusammenprogrammierte Erstversion gründlich zu überarbeiten. Es entstand die Version 2, intern "V2" genannt.

Tatsächlich erwies sich das Portal und die dazugehörigen Stream-Hoster für den inneren Mitarbeiterkreis von kino.to als Finanz-Wunder. Es wurde immer mehr Geld verdient - über Premium-Mitgliedschaften und Werbebanner, die oft auf kostenpflichtige Abo- oder Download-Fallen leiteten. Bis zu seiner Abschaltung verzeichnete das Portal bis zu vier Millionen Nutzer täglich, die ihre Lieblingsfilme unter mehr als einer Million Links suchen konnten. Die meisten von ihnen waren sich nicht bewusst, mit dem Anklicken der Links und dem Herunterladen der Filme in Form von nicht dauerhaft speicherfähigen Streams gegen das Urheberrecht zu verstoßen.

Innerer Zirkel profitierte am meisten

Kino.to sei ein mittelständisches Unternehmen gewesen, so der Staatsanwalt. Dessen mutmaßlicher Chef Dirk B. kümmerte sich um die Geldbeschaffung, Bastian P. um die Programmierung, ein weiterer Mann um das Design, ein anderer betreute die Server, die Ende 2008 von den Niederlanden nach Russland umziehen mussten, weil die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) zuviel Druck auf den Betreiber der niederländischen Server ausübte. Damit sich die russischen Behörden nicht für kino.to interessierten, durfte es sich bei den kopierten Werken insbesondere nicht um Pornos und Filme in russischer Sprache oder mit russischen Untertiteln handeln. Darum und um das einheitliche Erscheinungsbild der Raubkopien, die mit kino.to-Vor- und Abspann versehen wurden, kümmerten sich sogenannte Freischalter. Auch diese gehörten zum engeren Mitarbeiter-Kreis, also zu den etwas mehr als einer Handvoll Leuten, die über Skype miteinander konferierten und jedes Jahr mit ihren Lebensgefährtinnen nach Leipzig fuhren, um sich dort auf der kino.to-Weihnachtsfeier zu treffen.

Viele aus der Kerntruppe betrieben einen eigenen Filehoster – dieser wurde bevorzugt vor anderen Filehostern platziert, so dass der innere kino.to-Zirkel auch am meisten von den Nutzerströmen und den damit verbundenen Werbeeinnahmen profitierte, so ermittelte es die Generalstaatsanwaltschaft. Bastian P's Wissen sei aber nicht nur dafür benötigt worden, es galt auch, externe Störversuche ähnlicher Portale abzuwenden und die Urheberrechtsschützer von der GVU abzuschütteln.

Bislang sind vom Amtsgericht Leipzig bereits vier Mitglieder des Raubkopier-Portals verurteilt worden, drei von ihnen zu Haftstrafen, die nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden konnten. Die Länge der Haft bemaß sich an der Bedeutung des Einzelnen für kino.to, diese wiederum drückte sich im erzielten Gewinn aus, sagt Dietmar Bluhm. So wurde ein Mann, der etwa 300.000 Euro mit dem Raubkopieren verdiente, zu drei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt worden, die Höchststrafe für gewerbsmäßige Urheberrechtsverletzer beträgt fünf Jahre Haft. Bastian P. soll über 700.000 Euro verdient haben.

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