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Prozess in Bayern: Angeklagter will Elfjährige nicht mit Absicht erschossen haben

In der Silvesternacht feiert ein elfjähriges Mädchen in Bayern auf der Straße. Bis eine Revolverkugel sie tödlich trifft. Der Schütze bestreitet vor Gericht einen Vorsatz. Ihm droht lebenslange Haft.

Angeklager

Der Angeklagte Rudolf E. steht wegen Mordes an einer Elfjährigen in der Silversternacht 2015/2016 vor Gericht

Draußen feiern die Menschen Silvester, in einem Haus in Bayern aber steigt ein Mann in seinen Keller. Er geht zu seinem Waffenschrank, füllt Patronen in seinen Revolver, geht in den Garten und feuert. Drei- oder viermal. Er kehrt zurück ins Haus, reinigt die Waffe und schläft ein. So beschreibt der Schütze das Geschehen beim Prozessauftakt am Mittwoch vor dem Landgericht Bamberg. Der Vorwurf: Mord. Denn eine der Kugeln trifft ein elf Jahre altes Mädchen in den Hinterkopf. Es stirbt.

Das Mädchen hieß Janina. Mit drei anderen Mädchen und zwei Frauen hatte es im unterfränkischen Dorf Unterschleichach ins neue Jahr gefeiert. Gegen 1 Uhr trifft Janina die Kugel. Eine mehrstündige Notoperation kann sie nicht mehr retten.

Der Prozess, der ihren Tod aufklären soll, beginnt am Geburtstag des Angeklagten. 54 Jahre wird der Mann, ein gelernter Maurer, der zuletzt als Fahrer für eine Justizvollzugsanstalt arbeitete. Janinas Mutter - ganz in schwarz - sitzt nur wenige Meter von ihm entfernt, sie ist Nebenklägerin in dem Prozess. Als Oberstaatsanwalt Otto Heyder die Anklage verliest, weint sie. Danach wirkt sie gefasst, sieht den Angeklagten an, mit verschränkten Armen.

"Besser wär's gewesen, ich hätte den Scheiß verkauft"

Vier Waffen hatten Polizisten bei dem Schützen sichergestellt. "Besser wär's gewesen, ich hätte den Scheiß verkauft", sagt der Angeklagte vor Gericht. Früher habe er im Krieger- und Soldatenverein regelmäßig geschossen. Seit Jahren aber schieße er gar nicht mehr, auch nicht in der JVA. Dort hätte er eigentlich regelmäßig das Schießen üben sollen, aber er wollte das nicht, sagt er vor Gericht.

Seine Hände zitterten zu sehr. Janinas Mutter schüttelt den Kopf. Der Mann ist krank, er hat Magen- und Lungenoperationen hinter sich. Starke Schmerzmittel, Schlaftabletten und ein Antidepressivum sind seine täglichen Helfer. Das Zittern läge an den Nerven, sagt er. Am Silvesterabend vor knapp einem Jahr ist er allein. Sein 15-jähriger Sohn lebt bei der Mutter, das Paar hatte sich 2010 getrennt.

Musiksendungen habe er sich an dem Abend angesehen, sagt er, dann sei er auf der Couch eingeschlafen. Als er aufwacht, kracht es draußen. Es ist ja Silvester. Was ihn dazu gebracht habe, zu schießen, wisse er nicht. Knapp ein Jahr nach der fürchterlichen Tat bestreitet er jede Tötungsabsicht.

Angeklagter habe "Richtung Wald gezielt"

Nein, er habe damals nicht bewusst in Richtung von Menschen geschossen, beteuert er in einer Erklärung, die sein Anwalt für ihn verliest. Vielmehr habe er Richtung Wald gezielt, und: "Er bedauert zutiefst, was am 1. Januar 2016 passiert ist." Es verfolge ihn, sagt der Angeklagte dann selbst. "Es ist so schlimm, dass man nicht mehr schlafen kann. Das geht gar nicht mehr aus dem Kopf raus."


Als er schoss, habe er bewusst darauf geachtet, von der Straße aus nicht gesehen zu werden, wirft ihm der Oberstaatsanwalt vor. So habe das Mädchen nicht mit einem Angriff rechnen können. Daher geht die Anklagebehörde von Heimtücke und niederen Beweggründen aus. Dass das Mädchen sterben würde, habe der Mann zumindest billigend in Kauf genommen. Das könnte für ihn lebenslange Haft bedeuten.

Warum? "Aus Blödsinn"

Von der Polizei hieß es im Januar nach den Vernehmungen, der damals 53-Jährige habe aus Wut über den Lärm und Frustration über seine persönliche Lage geschossen. Sein Anwalt argumentiert, dass die Beamten dieses Motiv seinem Mandanten vorgesagt hätten. "Er hat dann einfach nachgeplappert." Seine erste und eigene Antwort auf die Frage nach dem Warum sei hingegen gewesen: "Aus Blödsinn."

Vor Gericht gibt er darauf keine Antwort. "Dass Sie es verdrängen, mag wohl sein", sagt Oberstaatsanwalt Heyder. "Aber ich appelliere an Ihr Gewissen." Eine ehrliche Antwort sei er den Angehörigen schuldig. "Ich weiß es wirklich nicht, warum ich das gemacht hab'", antwortet der Angeklagte. Dann ist er wieder stumm. 

Von Sophie Rohrmeier, DPA