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Beate Zschäpe vor Gericht: Die Spielerin

Im NSU-Prozess genießt Beate Zschäpe ihren Auftritt vor Gericht sichtlich. Zu der angekündigten Aussage kam es dennoch nicht - weil die Angeklagte taktiert.

Von Kerstin Herrnkind, München

Alles Taktik? Beate Zschäpes Auftritt vor Gericht gibt Rätsel auf.

Alles Taktik? Beate Zschäpes Auftritt vor Gericht gibt Rätsel auf.

Beate Zschäpe trägt ein Holzfällerhemd und eine Jeans, die an den Knien verblichen ist, als sie an diesem Dienstagmorgen im Oberlandesgericht München von vier Polizeibeamten in den Saal A 101 geführt wird. Die Angeklagte dreht den Fotografen den Rücken zu, zeigt ihnen ihr langes, dunkles Haar, drückt den Rücken durch, als wolle sie besonders aufrecht dastehen. Dieser Auftritt, die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird, scheint ihr zu gefallen.

Nachdem das Interesse am NSU-Prozess in den letzten Monaten merklich nachgelassen hatte, sind die Zuschauerränge an diesem Morgen wieder voll besetzt. Grund: Beate Zschäpe will ihr Schweigen brechen. Zwar ist die Erklärung durch ihren Anwalt erst für den morgigen Mittwoch angekündigt. Doch was ist in diesem Prozess schon sicher?

Als die Fotografen abgezogen sind, holt Beate Zschäpe ein Tetrapack mit Wasser und einen Plastikbecher aus ihrer braunen Tasche. Sie stellt beides hinter ihren Stuhl auf den Boden. Dann legt sie eine braune Federmappe auf den Tisch, holt ihren Laptop raus. Seelenruhig. Laut Anklage war sie als Mitglied der rechten Terrorzelle NSU an zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen beteiligt. Ihr droht eine lebenslange Freiheitsstrafe. Und womöglich sogar Sicherheitsverwahrung. Vermutlich hat Beate Zschäpe genau davor Angst und sich jetzt, nachdem sie zweieinhalb Jahre im Prozess geschwiegen hat, doch noch entschlossen, eine Aussage zu machen.

Schlagabtausch zwischen Anwalt und Richter

Sie dreht sich nach links, spricht mit ihrem Verteidiger Mathias Grasel. Er ist der Anwalt ihrer Wahl. Rechts von ihr haben ihre Pflichtverteidiger Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Sturm Platz genommen. Zschäpe würdigt sie keines Blickes.

Schon mehrfach hat Beate Zschäpe versucht, ihre Pflichtverteidiger zu feuern. Ohne Erfolg. Auch das Anwalts-Trio wollte sie als Mandantin loswerden. Erst im Juli hatten Herr, Sturm und Stahl den Antrag gestellt, von der Pflichtverteidigung entbunden zu werden. Ohne Erfolg. Das Gericht entschied damals, die drei Anwälte müssten Zschäpe weiter verteidigen.

An diesem Morgen startet Pflichtverteidiger Wolfgang Heer einen erneuten Versuch, Beate Zschäpe als Mandantin loszuwerden. Gleich zu Beginn der Verhandlung verlangt der Anwalt, dass ihm das Wort erteilt wird. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl lehnt ab. Er will selbst eine Erklärung abgeben. Doch so schnell will sich Heer nicht geschlagen geben, besteht darauf, dass ihm das Wort erteilt wird. Es folgt ein Schlagabtausch zwischen Anwalt und Richter. Am Ende bleibt es dabei: Götzl redet zuerst. Der Richter gibt zu Protokoll, dass er von Zschäpes Anwalt Grasel schon am 31. August erfahren habe, dass die Angeklagte aussagen wolle. 

Darüber, das wird deutlich, als Heer endlich das Wort erteilt wird, sind die Pflichtverteidiger sauer. Sie hätten erst durch Presseberichte erfahren, dass ihre Mandantin aussagen wolle. Heer, Stahl und Sturm hatten ihr stets davon abgeraten, ihr Schweigen zu brechen. Die Pflichtverteidiger fühlen sich nun ausgebootet, und zwar auch vom Vorsitzenden Richter, dem sie „Missachtung der Verteidigung“ vorwerfen.

Kein Wort zu den Pflichtverteidigern - Taktik?

Während Heer redet, hat Zschäpe ihre Hand aufs Kinn gestützt, hört, so scheint es, interessiert zu. Tatsächlich ist Heers "Entpflichtungsantrag" nicht ganz ohne. Wenn Richter Götzl dem Antrag diesmal stattgibt, hätte Beate Zschäpe nur noch einen Anwalt, nämlich Mathias Grasel. Der aber hat weite Teile der Beweisaufnahme gar nicht mitbekommen, ist erst seit Juli Zschäpes Anwalt. Der Prozess wäre gefährdet, müsste unter Umständen neu aufgerollt werden. Genau darauf zielt Beate Zschäpe offenbar ab. Und redet deshalb seit Monaten kein Wort mehr mit ihren Pflichtverteidigern.

Unterstützung kriegen die Pflichtverteidiger von den Anwälten, die den Mitangeklagten Ralf Wohlleben vertreten. Sie kündigen einen Befangenheitsantrag an. Die Verhandlung wird für drei Stunden unterbrochen. Zschäpe packt Wasser, Plastikbecher, Laptop und Federmäppchen wieder ein. Sie ist sehr blass, scheint aber ansonsten gut drauf zu sein. Sie streicht sich durchs Haar, schultert ihre Tasche. Und wird wieder aus dem Saal geführt. Ohne Handschellen.

Nach der Verhandlungspause referieren Wohllebens Anwälte fast eine Stunde lang. Sie lesen alle Anträge und Beschlüsse noch einmal vor, Wort für Wort, bis ihr Vortrag in einen Befangenheitsantrag gegen den gesamten Senat mündet. Tenor: Wenn Beate Zschäpes Verteidigung nicht gewährleistet sei, könne sich auch Wohlleben auf ein faires Verfahren nicht verlassen. Auf den Zuschauerrängen raunt jemand das böse Wort "Verzögerungstaktik".

Aussage vertagt

Zschäpe hält den Kopf gesenkt, ihre Haare bedecken ihr Gesicht. Ihr Mitangeklagter Andre E., der das NSU Trio unterstützt haben soll, hat sich zurückgelehnt, hält die Augen geschlossen. Wieder wird die Verhandlung unterbrochen. In der Verhandlungspause sitzt Zschäpe auf ihrem Platz, redet mit ihrem Lieblingsanwalt Grasel, lächelt. Fast sieht es aus, als versuche sie zu flirten. 

Als die Verhandlung fortgesetzt wird, kommen die Nebenkläger zu Wort. Rechtsanwältin Doris Dierbach aus Hamburg, die die Familie Yozgat vertritt, bringt es treffend auf den Punkt. Sie plädiert gegen die Entpflichtung von Sturm, Heer und Stahl. Wenn Beate Zschäpe die Kommunikation mit ihren Pflichtverteidigern einstelle, sei das ihre Sache, für die sie auch die Konsequenzen zu tragen hätte, sagt die Anwältin. Es könne nicht angehen, dass der Prozess daran scheitere. Zschäpe hält die Arme vor der Brust verschränkt, schaut nach unten. Auch die Generalbundesanwaltschaft lehnt die Entbindung der Pflichtverteidiger mit den gleichen Argumenten ab.

Richter Götzl nimmt die GBA in Schutz. Es sei nicht die Aufgabe des Vorsitzenden, "Kommunikationsdefizite" auszugleichen. Götzl verfolgt die Vorträge ohne die kleinste, erkennbare Regung. Er vertagt die Verhandlung auf den kommenden Dienstag. Zschäpe wird also morgen nicht aussagen. Sie scheint das nicht zu stören. Als sie den Gerichtssaal verlässt, lächelt sie, streicht sich wieder durchs lange Haar. Sie scheint diese Show zu geniessen. Und nächste Woche ist ihr großer Tag. Vielleicht.  

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