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Begnadigung im US-Staat Arizona: Betty Smithey - frei nach 49 Jahren Knast

Sie war länger als jede andere Amerikanerin weggesperrt. Dann verließ die fast 70-jährige Betty Smithey auf einen Gehstock gestützt den Knast. Sie sei glücklich, sagte sie, unendlich glücklich.

Von Nora Schmitt-Sausen

Es war der Tag, nach dem sie sich Jahrzehnte gesehnt hatte. Auf einen Gehstock gestützt verließ Betty Smithey, 69, am vergangenen Montag das Gefängnis von Arizona. "Es ist ein wunderbares Gefühl, eine Straße entlang zu fahren und keinen Stacheldrahtzaun zu sehen", sagte sie. Sie sei "glücklich, unendlich glücklich". Smithey war ein fast ein halbes Jahrhundert weggesperrt, keine Frau saß in den USA länger im Gefängnis. Smithey büßte damit für eine schreckliche Tat: Sie hatte am Neujahrstag 1963 ihr 15 Monate altes Babysitter-Kind Sandy Gerberick getötet. Ihre Strafe: lebenslänglich.

Der Bewährungsausschuss in Arizona hat nun entschieden, Smithey aus der Haft zu entlassen. Sie habe bewiesen, dass sie nicht mehr die verstörte Frau sei, die sie im Alter von 20 Jahren gewesen war. Damals tötete Smithey nicht nur das Baby, sie drohte auch damit, sich umzubringen, als sie von ihrer Strafe erfuhr. Inzwischen gehe von Smithey keine Gefahr mehr aus, urteilten die Mitglieder des Gremiums. Es sei zudem sichergestellt, dass sie dem Stress gewachsen sei, nach 49 Jahren in die Freiheit zurückzukehren.

Smithey wurde als Kind vernachlässigt und misshandelt. Auf extremen Stress reagierte sie in jungen Jahren psychotisch, berichten die US-Medien. Sie arbeitete 1963 als Babysitter für die Eltern des Säuglings und lebte gemeinsam mit der Familie in deren Haus in Phoenix.

Vier Ausbrüche in drei Jahren

In den ersten Jahren ihrer Gefangenschaft war Smithey rebellisch: Sie brach zwischen 1974 und 1981 vier Mal aus drei verschiedenen Gefängnissen aus. Danach, so bescheinigt es ihre Psychiaterin, habe Smithey hart daran gearbeitet, sich zu verändern.

Der Wendepunkt sei ein Brief von der Mutter des getöteten Mädchens gewesen, den die Inhaftierte 1983 erhielt, berichtet die lokale Nachrichtenplattform azcentral.com. Darin verzieh die Mutter Smithey den Tod ihrer Tochter. "Sie gab mir das Gefühl, dass ich kein Monster bin", zitiert das Portal Smithey. "Ich dachte, wenn sie mir verzeihen kann, dass ich ihrer Tochter das Leben genommen habe, dann kann ich mir selbst auch vergeben." Sie habe sich in der Pflicht gesehen, zu versuchen, ein besserer Mensch zu werden.

Politik blockierte Freilassung

Der Fall Smithey ist ein außergewöhnlicher. Das Urteil wurde zu einer Zeit gefällt, als juristisch festgeschrieben war, dass nur der Gouverneur von Arizona Gefangene seines Bundesstaates begnadigen kann. Die Politik lehnte entsprechende Ersuchen Smitheys jedoch zwei Mal ab, obwohl sich Gutachter dafür ausgesprochen hatten. Ihre Begnadigung war nur möglich geworden, weil sich Arizonas aktuelle Gouverneurin Janice Brewer eine Kehrtwende vollzog und sich für Smitheys Freilassung stark gemacht hatte. Smithey ist die dritte Gefangene, die seit 1989 nach politischer Intervention begnadigt worden ist.

Der Zuspruch für Smithey war zuletzt groß. Andy Silverman, ein Juraprofessor der Universität von Arizona, der seit 1971 mit Smithey arbeitete, sagte den US-Medien: "Ich habe mich in den vergangenen 41 Jahren verändert. Und ich kann Ihnen versichern, sie hat es auch. Sie ist ein guter und fürsorglicher Mensch. Sie ist mehr an anderen interessiert als an sich selbst."

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