Behinderten Sohn getötet Richter sprechen Mutter frei

Marco G. war auf seinen Rollstuhl und intensive Pflege angewiesen
Marco G. war auf seinen Rollstuhl und intensive Pflege angewiesen
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Es ist eine Tragödie: Eine Mutter opfert sich über Jahrzehnte für ihren behinderten Sohn, Tag und Nacht. Doch dann tötet sie ihn, will Selbstmord begehen, überlebt aber. Ein Berliner Gericht hat die Frau nun freigesprochen - wegen einer depressiven Störung.
Von Ute Eisenhardt

Ein Aufatmen geht durch die Zuschauerreihen, als die Vorsitzende Richterin Sylvia Busch das Urteil im Fall Eveline G. verkündet: "Die Angeklagte hat ihren Sohn getötet", sagt die Richterin, eine solche Tat ziehe grundsätzlich eine hohe Freiheitsstrafe nach sich. Doch dann spricht die Richterin des Berliner Landgerichts die zierliche 61-Jährige mit den blondierten Haaren frei: Sie habe zum Zeitpunkt der Tat an einer depressiven Störung gelitten - und könne deshalb für den Totschlag nicht bestraft werden.

"Die Kammer hatte über ein nur als tragisch zu bezeichnendes Geschehen zu urteilen." Mit diesen Worten begann die Richterin ihre Urteilsbegründung. 26 Jahre lang pflegte Eveline G. ihren Sohn Marco aufopferungsvoll, ein Kind, das durch ärztliche Fehler bei der Geburt später nicht laufen, nicht sprechen und auch die Hände nicht koordinieren konnte. Die Angeklagte gab für die Pflege ihres Sohnes ihren Beruf auf. "Sie hat ihn ins Zentrum ihres Lebens gestellt", sagte der psychiatrische Gutachter dem Gericht. Er beschrieb die Angeklagte als eine Frau, die stets bemüht war, nach außen gesund und leistungsfähig zu erscheinen. Hilfe zu erbitten, sei ihr schwer gefallen.

Bereits im Oktober 1984 hatte sich Eveline G. erstmals das Leben nehmen wollen. Das misslang. Ein Jahr später versuchte sie es erneut. Ihre depressive Störung wurde damals nicht diagnostiziert. Möglicherweise führten die Ärzte die beiden Suizidversuche lediglich auf die Trennung vom Vater ihres Kindes zurück. 1987 wurde die Ehe geschieden. Von nun an kümmerte sich Eveline G. allein um ihren Sohn - und zwar Tag und Nacht. Sie erstritt Schadenersatz für die ärztlichen Fehler bei der Geburt und klagte vor dem Sozialgericht auf Weiterführung der Einzelfallhilfe für ihren Sohn. Diese Hilfe sollte ihm den Zutritt zur Welt ermöglichen.

Im November 2005 brach Eveline G. erstmals ohnmächtig auf dem Teppich zusammen. Damals konnten die Ärzte die Ursache des Zusammenbruchs nicht feststellen. Das Gericht wertete diesen nun als Vorboten einer Depression. "Es war ein Hilfeschrei des Körpers", sagte die Vorsitzende Richterin. Weil auch dem Hausarzt die Überlastung der Mutter nicht verborgen blieb, schickte er Eveline G. zu einem Neurologen. Der verschrieb ihr erstmals Antidepressiva. Weitere Hilfe mochte die Angeklagte nicht annehmen.

Beziehungskrise mit dem Verlobten, zermürbender Krieg mit dem Sozialamt

Zwei weitere Jahre vergingen. Im Sommer 2007 muss sich die Depression zunehmend Bahn gebrochen haben - bestärkt durch die Beziehungskrise zu ihrem Verlobten, genährt durch den zermürbenden Krieg mit dem Sozialamt. Dort wurde Eveline G. immer wieder nahe gelegt, ihren nunmehr erwachsenen Sohn aus der häuslichen Pflege in eine Einrichtung mit betreutem Wohnen zu entlassen. Doch das Ende ihrer symbiotischen Beziehung zu Marco konnte sich die Angeklagte nicht vorstellen. Bestärkt durch schlechte Erfahrungen fürchtete sie auch, Marco könnte andernorts schlechter gepflegt werden und hatte zudem Angst, man könne ihr Marco weg nehmen.

So fürchtete sie im Herbst 2007 den Verlust der beiden Menschen, die sie am meisten liebte - den Verlust ihres Freundes und ihres Sohnes. Dies verstärkte ihre Depressionen und führte zu der tragischen Tat: An jenem Oktobertag hatte sie auf die Einnahme ihrer Antidepressiva verzichtet, weil sie Marco mit dem Auto vom Theater abholen wollte. Heftige Weinkrämpfe zwangen sie, bereits die Hinfahrt mehrfach zu unterbrechen. Zu Hause entschloss sie sich dann zum Selbstmord.

"Marco war so lebensfroh"

Dabei mochte sie ihren Sohn nicht allein zurück lassen. Sie war überzeugt, es sei das Beste für ihn. Der psychiatrische Gutachter bezeichnete dies als "altruistischen Selbstmord", bei dem vermeintliches oder tatsächliches Leiden erspart bleiben soll. Dabei hatte Marco im letzten Jahr seines Lebens erhebliche Fortschritte gemacht, sei zunehmend selbständiger geworden, sagte der Einzelfallhelfer dem Gericht. "Marco wollte unbedingt leben. Er war so lebensfroh."

Doch der von seiner Mutter verabreichte Medikamenten-Cocktail wirkte tödlich auf den gesundheitlich instabilen Mann, dem Eveline G. zudem mit einem kleinen Küchenmesser die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Seine Mutter überlebte die starke Dosis an Blutdrucksenkern und Antidepressiva. Auch das Aufschneiden der Pulsadern endete bei ihr nicht tödlich. So war sie zwei Tage später noch in der Lage, ihrem Nachbarn, der sich um sie sorgte, die Tür zu öffnen. Man brachte sie auf eine Intensivstation und von dort in eine Psychiatrie. Hier diagnostizierte und behandelte man erstmals ihre Depression. Derzeit besucht Eveline G. eine Tagesklinik mit Bewegungs- und Gesprächstherapie. "Ich fühle mich dort sehr wohl", sagte sie dem Gericht. Doch "das Leben ohne Marco ist für mich die größte Strafe."

Gutachter hält Rückfall für unwahrscheinlich

Skeptisch vernahm der Staatsanwalt die Einschätzung des psychiatrischen Gutachters, als dieser der Angeklagten bescheinigte, schuldunfähig zu sein. "Ich stehe dem Ergebnis kritisch gegenüber", sagte Jörg Wetzel in seinem Plädoyer. Mitfühlend sprach er von einer "hochtragischen Situation", man müsse jedoch an eine Unterbringung in der Psychiatrie denken: Dies ist die einzige Strafe, die tatsächlich einen lebenslangen Freiheitsentzug bedeutet. Er forderte, diese Unterbringung zur Bewährung anzudrohen, falls die Angeklagte sich nicht weiter psychiatrisch behandeln lasse.

Doch das Gericht mochte dieser Forderung nicht folgen. Es seien von der Angeklagten keine ähnlichen Taten zu erwarten. "Ein Rückfall ist nur unter besonderen Bedingungen möglich", hatte zuvor der psychiatrische Gutachter bekundet. Zu diesen besonderen Bedingungen würden der Therapieabbruch gehören sowie die Pflege eines weiteren nahen Angehörigen, bei der sie sich möglicherweise erneut überfordert fühlen könnte. Richterin Busch hielt jedoch "eine Wiederholung dieser Konstellationen für höchst unwahrscheinlich."


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